StadtGestalten – Augsburger im Porträt
„Veränderung beginnt bei einem selbst“
StadtGestalten: Hüseyin Yalçın
In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mitgestalten. Heute im Gespräch: Hüseyin Yalçın. Er kam 1971 als Kind nach Lechhausen und hat seither in vielen Bereichen Spuren hinterlassen – von der Basisarbeit über die alevitische Gemeinde bis zur Bayerischen Verfassungsmedaille in Silber.
Ein Interview zum Thema „Veränderung beginnt bei einem selbst“ von Sait İçboyun
Hüseyin Yalçın im Alevitischen Kulturzentrum
Das Fundament: Humanismus als Lebenselixier
Sait İçboyun: Hüseyin Abi, du warst über Jahrzehnte in vielen Vereinen und Gremien aktiv – von der SPD über das Bündnis für Menschenwürde bis zum Integrationsbeirat. Dein eigentliches Herzblut gilt aber der alevitischen Gemeinde, die du in Lechhausen und Oberhausen mit aufgebaut hast. War dieser Aufbau der Gemeinde das Fundament, das dir die Kraft für all dein Engagement in der Stadt gegeben hat?
Hüseyin Yalçın: Für mich war immer wichtig – mein Leitgedanke war immer: Wenn ich was verändern möchte, muss ich es bei mir selber beginnen. Veränderung beginnt bei einem selber, und deshalb habe ich mich immer, wo es geht, engagiert, um eine Veränderung herbeizuführen. Veränderung in dem Sinne, dass man den Aleviten in Augsburg ein Gesicht und eine Heimat geben kann. Dafür habe ich mich starkgemacht. Mittlerweile ist es so, dass wir in Augsburg zwei große Gemeinden haben, die sich voll in die Stadtgesellschaft einbringen und in verschiedenen Institutionen und Organisationen engagiert sind. Genauso sind viele in Gewerkschaften organisiert, in anderen Verbänden und sogar in Parteien.
Politik zwischen Rathaus und Basis
Sait İçboyun: Du warst auf höchster Ebene bei AGABY und im Bundeszuwanderungsrat aktiv und hast von 2014 bis 2020 für die SPD im Stadtrat gesessen. Wie viel Stadtgestaltung passiert wirklich im Rathaus – und wie viel entsteht an der Basis in den Vereinen?

Hüseyin Yalçın (Fotos: Sait İçboyun)
Hüseyin Yalçın: Ja, die Gestaltung in der Stadt gestaltet sich oft schwierig. Auch wenn man in einer Partei vertreten ist, war es zu meiner Zeit zum Beispiel so, dass wir in einer Koalition waren. Da mussten natürlich immer wieder Vereinbarungen getroffen werden oder es herrschte gegenseitige Rücksichtnahme, sodass man eigentlich das, was man verändern wollte, nicht immer in diesem Sinne umsetzen konnte. Als Verein oder Organisation ist es wiederum sehr schwer, etwas zu verändern, wenn man keinen Einfluss auf die Politik oder die Stadtgesellschaft hat. Deshalb haben wir unsere Gemeinden starkgemacht: Damit sie in der Stadtgesellschaft präsent sind und Anerkennung für ihre Arbeit finden – und durch diese Anerkennung schließlich auch Einfluss auf die Entwicklung der Stadt nehmen können.
Die Verfassungsmedaille als Ansporn
Sait İçboyun: 2012 hast du die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber erhalten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie du im Maximilianeum von der damaligen Landtagspräsidentin Barbara Stamm geehrt wurdest. War das für dich der Moment, in dem du gespürt hast, dass euer Einsatz für Vielfalt endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist?
Hüseyin Yalçın: Also, ich habe nie um die Anerkennung meiner Arbeit gerungen. Mir ging es eher darum, den Menschen zu helfen, sie zu unterstützen und zu mobilisieren. Sie sollten begreifen, dass eine echte Veränderung – wie ich schon sagte – bei einem selber beginnt. Natürlich war es ein tolles Gefühl, diese Art der Anerkennung für die Arbeit der letzten Jahrzehnte zu bekommen. Und das war dann wieder ein Ansporn, weiterzumachen. Hier darf man nicht aufhören; man muss sich weiter einbringen. Die Stadtgesellschaft braucht diese Anstrengungen, um eine Veränderung in den Köpfen zu erreichen. Das Miteinander ist das Wichtigste in einer Stadtgesellschaft.
Ein Erbe aus Dankbarkeit und Empathie
Sait İçboyun: Welchen Rat gibst du Menschen, die sich in dieser Stadt engagieren wollen? Was hat dich persönlich so stark gemacht?
Hüseyin Yalçın: Was mich angespornt hat, war die Zeit, als ich 1971 nach Deutschland kam. Natürlich haben wir die Sprache anfangs nicht gesprochen, meine Schwester und ich auch nicht. Wir hatten das Glück, dass ein deutsches, älteres Ehepaar im Haus wohnte, dessen Kinder schon ausgezogen waren. Sie haben uns wirklich wie ihre eigenen Kinder angenommen. Sie haben sich um uns gekümmert, während unsere Eltern bei der Arbeit waren, und haben uns die Sprache beigebracht. Diesem Ehepaar sind wir bis heute dankbar für diese herzliche und warme Aufnahme. Aus Respekt und Dank ihnen gegenüber bin ich diesen Weg gegangen und mache mich heute für andere stark. Diese Dankbarkeit von Menschen, für die man sich einsetzt, ermutigt einen weiterzumachen. Das ist mehr wert als jedes Geld. Wir müssen in unserer Stadtgesellschaft lernen, dass Engagement für andere essentiell ist. Wir müssen uns respektvoller begegnen und auch Empathie zeigen. Ohne Empathie können wir nicht weitermachen – gerade in einer Gesellschaft, in der so viele verschiedene Kulturen, Religionen und Ethnien zusammenleben.
Wurzeln im Griesle-Park und die Bildungs-Odyssee
Sait İçboyun: Wir stehen hier im Griesle-Park. Was verbindest du mit diesem Ort? Und wie war dein Bildungsweg in Augsburg?
Hüseyin Yalçın: Hier hat sich meine ganze Kindheit abgespielt. Im Sommer waren wir fast jeden Tag hier zum Fußballspielen oder zum Picknick mit der Familie. Das war einer unserer zentralen Orte. Ich wohne seit 1971 in Lechhausen und ich werde auch immer ein Lechhauser sein. Zur Schule: Ich habe die Grundschule in der Birkenau-Schule besucht. Ab der sechsten Klasse war ich in der Hammerschmiede, in der siebten dann im Herrenbach. Warum so viele Schulwechsel? Das lag daran, dass ich in der ersten Klasse in einer deutschen Klasse war und noch kein Deutsch konnte. In der zweiten Klasse kam ich dann in die damals üblichen „türkischen muttersprachlichen Klassen“. Da es diese nicht an jeder Schule gab, mussten wir Migrantenkinder ständig wandern, um die nächste Jahrgangsstufe zu besuchen. Von Herrenbach bin ich dann zur Realschule nach Bobingen gewechselt. Das war wieder eine deutsche Klasse, und wir mussten die siebte Klasse wiederholen, weil wir den Stoff von fünf bis sechs Jahren Deutsch und zwei Jahren Englisch nachholen mussten. Das war eine Modellklasse mit verstärktem Unterricht, um diese Defizite auszugleichen. Wir haben mit 40 Kindern angefangen, am Ende haben es nur 19 in die achte Klasse geschafft.
Die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Sait İçboyun: Hüseyin Abi, wie blickst du auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Stimmung im Land?
Hüseyin Yalçın: Die politische Entwicklung in Deutschland bereitet uns große Sorgen. Der zunehmende Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit machen uns sehr nachdenklich. Dass alltäglicher Rassismus überhandnimmt, dass man in der Straßenbahn oder im öffentlichen Leben angepöbelt wird und das zur Normalität wird, macht uns Angst. Diese Angst haben wir nicht nur der AfD zu verdanken, sondern auch zum Teil den etablierten Parteien, die mit dieser Sprache begonnen haben. Es war ein schleichender Prozess, der in den 80er-Jahren begann. Wenn ich heute höre: „Das darf man doch wohl noch sagen“ – nein, darf man nicht! Alles, was menschenverachtend ist, was Menschen verletzt, separiert oder ausgrenzt, darf man nicht sagen. Da habe ich überhaupt kein Verständnis. Wer solche Parteien wählt, weiß genau, was er tut. Da gibt es für mich keine Diskussion.
Was Augsburg mir gegeben hat
Sait İçboyun: Was hat dir Augsburg persönlich gegeben?
Hüseyin Yalçın: Augsburg hat mir alles gegeben. Ich bin als Kind hierhergekommen, ohne Sprache, ohne zu wissen, was mich erwartet. Und diese Stadt hat mich aufgenommen. Hier habe ich meine Familie gegründet, meine Kinder großgezogen und gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Wenn ich heute durch Lechhausen gehe, durch den Griesle-Park, dann spüre ich: Das ist meine Stadt. Nicht weil ich hier geboren bin, sondern weil ich hier geworden bin, wer ich bin. Lechhausen und Augsburg sind meine Heimat.
Als wir unseren Spaziergang beenden, öffnet sich der Himmel über Augsburg. Ein kräftiger Regen setzt ein. Wir flüchten unter die mächtigen alten Bäume im Griesle-Park. Während die schweren Tropfen auf das dichte Blätterdach prasseln, stehen wir trocken darunter – geschützt von den Riesen, die schon hier standen, als Hüseyin Yalçın 1971 zum ersten Mal über diese Wiesen lief. Es ist ein passendes Bild für ein Leben, das längst selbst zu einem fest verwurzelten Teil dieser Stadt geworden ist und heute – wie diese Bäume – anderen Schutz, Orientierung und Inspiration bietet.
Sait İçboyun: Hüseyin Abi, bevor wir uns verabschieden, möchte ich dir noch etwas Persönliches sagen – nicht als Fragesteller dieser Reihe, sondern als Freund und Weggefährte.
Was du über Jahrzehnte für diese Stadt geleistet hast, ist nicht selbstverständlich. Menschen wie du werden heute mehr denn je gebraucht – Menschen, die sich bürgerschaftlich einbringen und die Gesellschaft zusammenhalten. Dein Engagement, deine Güte und deine Kraft – oft bis tief in die Nacht – das weiß ich sehr zu schätzen. Ich danke dir dafür.
Möge der heilige Hızır dir stets zur Seite stehen – und möge das Gute immer die Oberhand gewinnen.
(Hızır ist im alevitischen Glauben eine heilige Gestalt – ein unsterblicher Wanderer, der Menschen in Not unerwartet beisteht. Für Aleviten symbolisiert er Hoffnung und Beistand.)
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