85 statt 120 Grad: Augsburgs Fernwärme wird „cool“
Die Stadtwerke Augsburg (swa) starten ein Pilotprojekt zur Modernisierung der Fernwärme. Durch eine Absenkung der Netztemperatur im Wolframviertel wird der Weg frei für erneuerbare Energien – und wertvolle Wärme bleibt dort, wo sie hingehört: in der Leitung.
Von Bruno Stubenrauch
Die 51 Tonnen schwere Koppelstation ermöglicht die Versorgung mit Wärme aus erneuerbaren Quellen für bis zu 1.500 Haushalte im Wolframviertel. (Foto: swa/ Thomas Hosemann)Es klingt zunächst paradox: Um die Energieversorgung der Zukunft zu sichern, drehen die Stadtwerke Augsburg die Temperatur erst einmal runter. In der Prinzstraße wurde am vergangenen Donnerstag eine 51 Tonnen schwere Koppelstation eingehoben, die wie ein riesiger „Mischmechanismus“ für das Quartier fungiert. Sie kühlt das 120 Grad heiße Wasser des Hauptnetzes auf 85 Grad ab.
Ein Drittel weniger Leitungsverluste
Was technisch nach Detailarbeit klingt, hat massive Auswirkungen auf die Effizienz. Physikalisch gilt: Je heißer ein Rohr im Vergleich zum kühlen Erdreich ist, desto mehr Wärme geht auf dem Weg zum Kunden verloren. Durch die Absenkung von 120 auf 85 Grad sinken die Leitungsverluste im Wolframviertel schlagartig um rund 30 bis 35 Prozent.
Besonders bei dem geplanten Netzausbau auf 3,4 Kilometer Länge im Viertel ist das ein entscheidender Faktor. Die Energie, die früher das Erdreich rund um die Rohre ungewollt mitgeheizt hat, kommt nun direkt in den Heizkörpern der Augsburger Haushalte an.
Brückenschlag zur Flusswärme
Doch die Koppelstation ist mehr als nur ein „Energiesparer“. Sie ist die notwendige Voraussetzung für ein weiteres Prestigeprojekt der swa: die geplante Flusswasserwärmepumpe im Kaufbach.
Wärmepumpen arbeiten am effizientesten, wenn der Temperaturunterschied zwischen der Umweltquelle (hier dem Bachwasser) und dem Heiznetz moderat ist. Während ein Sprung auf 120 Grad technisch extrem aufwendig wäre, ist die Einspeisung bei 85 Grad wirtschaftlich sinnvoll. Rund 1.500 Haushalte sollen so künftig mit Wärme aus dem Kaufbach versorgt werden.
Augsburg auf dem Weg zur Wärmewende
Das Projekt im Wolframviertel ist nur der Anfang. Die swa planen, bis 2045 rund 60 Prozent des Augsburger Wärmebedarfs über Fernwärme zu decken. „Die schrittweise Reduzierung der Temperaturniveaus im gesamten Netz ist dabei ein zentraler Baustein“, heißt es aus der swa-Zentrale.
Für die Anwohner bedeutet das: Die Versorgungssicherheit bleibt durch die Anbindung an das Hauptnetz (z.B. das Biomasseheizkraftwerk Lechhausen) voll erhalten, während die Wärme ökologischer und effizienter erzeugt wird. Die „Wärmewende“ in Augsburg hat damit im Wolframviertel ein sichtbares – und 51 Tonnen schweres – Fundament erhalten.