Wendejahre
DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 14.05.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Vielfältige Texte mit hohem Niveau

Der Bezirk Schwaben vergab seinen Literaturpreis

Von Frank Heindl

Am vergangenen Dienstag verlieh der Bezirk im Rokokosaal der Regierung von Schwaben seinen Literaturpreis 2011. Zum Thema „Fluss“ waren 169 Texte eingereicht worden, von denen die Jury vier als preis-, weitere 60 als veröffentlichungswürdig eingestuft hat. Es wurden drei Preise und ein Nachwuchspreis vergeben, die Preisträger wurden in kurzen Reden gewürdigt und lasen aus ihren Texten. Gleichzeitig erscheint ein Sammelband mit den in den Augen der Jury 22 besten Texten.

Als „erfreulich“ bewertete Bezirksheimatpfleger Peter Fassl die hohe Zahl der Teilnehmer. Beim Literaturpreis der Bezirks dürfen sich alle Autoren bewerben, die im „schwäbisch-alemannischen Sprachraum“ leben – und der ist groß, erstreckt sich beispielsweise auch auf die deutschsprachigen Kantone der Schweiz. Die Teilnehmer (immerhin 19 gehören in die Altersgruppe bis 25 Jahre) kamen zum größten Teil aus Baden-Württemberg, die Verfasser der vier ausgezeichneten Texte allerdings stammen allesamt aus dem bayerischen Schwaben, und ihre Texte sind sehr vielfältig und haben durchaus hohes Niveau.

Leider war die Gewinnerin des Nachwuchspreises erkrankt und konnte deshalb nicht an der Veranstaltung teilnehmen – dabei hätte Nadja Spiegel sicherlich mit besonderem Interesse rechnen können: Die Autorin der Erzählung „Ein Stück Mond“ ist noch nicht einmal 20 Jahre alt, sie hat einen starken Text verfasst, Laudator Sebastian Seidel vom Sensemble Theater lobte die „dichte Atmosphäre, eine merkwürdig undurchdringbare Nähe, die einen in das Geschehen hineinzieht.“ Die Schauspielerin Daniela Nering las in Vertretung der Autorin aus dem Text – Zeit war natürlich nur für Ausschnitte. Spiegels poetischer Schluss blieb dem Publikum daher leider vorenthalten, aber es konnte einen deutlichen Eindruck davon gewinnen, dass die Autorin mit für ihre Jugend verblüffender Tiefe ein durchaus erwachsenes Thema angeht – es geht um die Liebe zweier Schwestern, um Selbstmord und darum, wie man mit solch einer Geschichte im späteren Leben umgeht. Nadja Spiegel bekommt als Nachwuchspreisträgerin übrigens kein Geld, darf aber am nächsten Sommerkurs der Schwabenakademie Irsee teilnehmen.

Mit feiner, leiser Ironie geschildert

Über den dritten Preis (1.000 Euro) für Cornelia Koepsells „Nebelschwaden“ kann man geteilter Meinung sein – zwischendurch kommen Stil und Story ein wenig klischeehaft, um nicht zu sagen platt daher, und das Ende stellt sich allzu schnell und eindeutig ein. In Koepsells Geschichte geht es – durchaus schwergewichtig – um die Jugenderinnerungen einer alternden Frau, um ein deutsch-jüdisches Eheschicksal, um die Liebe zu Büchern und die verdrängte Erinnerung.

Für Gerhard Dick, den Träger des zweiten Preises (1.500 Euro), hätte man sich auch den ersten Platz vorstellen können – Juryentscheidungen können es nie allen recht machen, versteht sich. Laudatorin Ulrike Längle sprach von einer „Parabel über die Ordnung und ihre seelischen Kosten“ und von einer Geschichte über den Preis, der für ein Leben im Kollektiv zu zahlen ist. Der Erzähler sei ein „ziemlich raffinierter Bursche“, lobte sie, und diese Formulierung griff auf humorige Weise die leise, feine Ironie auf, mit der Dick seine Geschichte über einen Nachbarn würzt, der am Ende offenbar „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ hat, aber schon zu Anfang eine – wenn auch akzeptierte – Außenseiterrolle einnimmt. Wer seinen Rasen nicht trimmt, hat es manchmal schwer in der nachbarlichen Gemeinschaft, wer auf Kunst andere Maßstäbe als den der Gegenständlichkeit anwendet, wird nicht immer verstanden. Und doch kauft in Dicks Erzählung schließlich ein Nachbar das hinterlassene Gemälde aus der Sammlung, auch wenn es allen „unfertig“ vorkommt. Es hat immerhin auch andere Qualitäten: „Farblich harmonierte es sowohl mit dem eichenen Eckschrank als auch den kirschroten Übergardinen.“

Gelungene Bilder, authentische Beschreibung

Ute Fuchs-Prestele hatte zur Entgegennahme des ersten Preises beim Literaturwettbewerb des Bezirks  Schwaben auch ihr Enkelkind mitgebracht (Foto: F. Heindl).

Uta Fuchs-Prestele hatte zur Entgegennahme des ersten Preises beim Literaturwettbewerb des Bezirks Schwaben auch ihr Enkelkind mitgebracht (Foto: F. Heindl).


Den ersten Preis in Höhe von 2.000 Euro nahm Uta Fuchs-Prestele entgegen. Die Passauerin, die in Augsburg studiert und schon damals im hiesigen literarischen Leben Spuren hinterlassen hat, hat mit „Höll Gasse 8“ einen reichhaltigen, tiefgründigen, in ihrer Heimatstadt handelnden Text geschrieben – mit „vielerlei autobiographischen Bezügen“, wie sie gegenüber der DAZ bestätigte (siehe Interview weiter unten). Eine deutlich, tief und plastisch erinnerte Jugend wird in dieser Erzählung wach, die Menschen, die die Deutschen wenig früher vertrieben und ermordet haben, existieren nur mehr im Gedächtnis einer alten Frau, einer Musikerin, die ihr Instrument nicht mehr anrühren mag, seit ihr Professor von den Nazis gebrochen wurde. Und es ist kein Einheimischer, sondern der Sohn eines Vertriebenen, der sich dieser Frau und ihrer traurigen Erinnerung annimmt und doch nicht verhindern kann, dass ihre Geige im Wasser des über seine Ufer tretenden Flusses treibt.

Gekonnt und mit poetisch treffenden Bildern beschreibt die Autorin die Atmosphäre auch einer Jugend, in der man es wagen muss, im schlammigen Matsch der Donau zu waten, anstatt nur zu wissen, woher der Fluss kommt und wo er hinfließt – gekonnt wird dieses Bild für das Aufwühlen der trüben Vergangenheit in den Erzählverlauf eingeflochten, ohne dass es aufgesetzt oder aufdringlich wirkt. Schön, dass man der Autorin beim auszugsweisen Vortrag im niederbayrisch gefärbten „a“ ihre Herkunft anhört, schön, dass sie beim Lesen die „wunderbaren Mehlspeisen“ der Frau Zucker von den „Powidltascherl“ – wie sie im Text heißen – in die offensichtlich authentisch genossenen „Powidldatschgerln“ zurückverwandelte.

Die Texte der Preisträger und Preisträgerinnen beim schwäbischen Literaturpreis sind im folgenden Buch enthalten: Peter Fassl (Herausgeber): Fluss. Literaturpreis 2011 Bezirk Schwaben. Wißner Verlag 2011, 12,80 Euro.



Die Preisträgerin Uta Fuchs-Prestele spricht über ihre Erzählung und ihre Arbeit am Mittwoch, 30. November im zweiten „Augsburger Literaturgespräch“ im Sensemble Theater. www.sensemble.de.

» Interview mit Uta Fuchs-Prestele: „Ich habe eigentlich schon immer geschrieben“



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