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Erinnerungsarbeit

Wer wir wirklich sind (3): Die Leihgabe

Am vergangenen Wochenende rollte ein Regionalzug in den Augsburger Hauptbahnhof ein und brachte mehr als einen Reisenden. Er brachte eine Geschichte mit, die sich nicht einfach abschütteln lässt.

Von Sait İçboyun

Ein Mann im Rentenalter stieg aus, erschöpft, aber entschlossen. Zehn Stunden hatte er im Zug gesessen, das Deutschlandticket in der Tasche, quer durch die Republik, um in Augsburg an eine Leere anzudocken. Er kam, um einen gemeinsamen Freund zu ehren, der vor zwei Jahren hier gestorben war. Lungenkrebs. Ein Wort, das fast banal klingt neben den zwölf Jahren Folter in den Kerkern – und doch war es deren direkte Folge. In den Kerkern von Diyarbakır.

Diyarbakır, im Südosten der Türkei. Für viele nur ein ferner Punkt auf der Landkarte, für Kurden ein Name mit Gewicht, schwer wie altes Eisen. Die Stadt am Tigris, die wir Amed nennen, steht für Stolz und Verlust zugleich. Nach dem Militärputsch von 1980 wurde das dortige Gefängnis zu einem der dunkelsten Orte der türkischen Geschichte. Was hinter seinen Mauern geschah, blieb nicht dort. Es formte Biografien, zerbrach Körper und entzündete einen Widerstand, der bis heute nicht verstummt ist.

Nicht alles, was ich darüber weiß, haben mir die beiden Männer mit Worten anvertraut. Vieles habe ich in Berichten, Büchern und Dokumentationen gefunden. Elektroschocks. Die „Filistin askısı“, das Palästinenser-Aufhängen, bei dem Menschen stundenlang an den Armen oder an einem Fuß aufgehängt wurden, bis die Schultern auskugelten. Jauche aus der Gefängniskanalisation, in der man sie baden ließ oder die man sie trinken zwang. Falaka, das Schlagen auf die nackten Fußsohlen, bis man tagelang nicht mehr gehen konnte. Der Hund des Folterers Esat Oktay Yıldıran, abgerichtet, nackte Gefangene an den Genitalien zu beißen. Und am Ende die Demütigung, die den Willen brechen sollte: Kot essen müssen, während die Wärter lachten und die Nationalhymne sangen.

Wer so etwas zusammen überlebt – nackt im Eiswasser, gehetzt, gequält, gebrochen – trägt eine Loyalität in sich, die weder Distanz noch Tod auflösen kann.

Die wahrhaftigste Geschichte erzählte mir aber nicht unser Gast, sondern der Verstorbene selbst, ohne ein einziges Wort zu verlieren. Es war einer jener Spätnachmittage am Lech, an denen die Sonne das Wasser in Gold taucht. Wir saßen auf den rauen Steinen unter der Brücke, tranken Bier, und ich sagte ihm, ich wolle seine Geschichte aufschreiben. „Spinn nicht rum“, schimpfte er. Dann zog er schweigend das Oberteil aus.

Die Narben sprachen, bevor seine Lippen es konnten.

Er erzählte von den heißen Eiern, die man ihnen unter die Achseln presste, während sie die Nationalhymne singen mussten – ein bizarres Konzert aus Schmerz und Spott. Dann sagte er, er erzähle mir das, weil er mich wie einen Sohn sehe. Dieser Satz legte sich schwer auf mein Herz. Ich habe ihn nie vergessen. Und die Narben, die dieser Moment auf meiner Seele hinterlassen hat, ebenso wenig.

Vor zwei Jahren, bei seinem ersten Besuch nach dem Tod unseres Freundes, blieb sein Blick an meiner Bibliothek hängen. Er entdeckte ein zweibändiges Werk eines kurdischen Häftlings. „Das war mein Zellengenosse“, sagte er leise. Und dann fügte er hinzu, ich solle auch darin vorkommen. Er lieh es sich aus. Diesmal fragte ich beiläufig danach. Er gestand, nur hineingeschaut zu haben. Die Seiten seien ihm zu nah gekommen.

Da musste ich an meinen Vater denken: „Kitaplarını herkese verme, geri gelmiyorlar“ – gib deine Bücher nicht jedem, sie kommen nicht zurück. Er hatte recht. Über die Jahre habe ich ein ganzes Billy-Regal voller Bücher verloren. Jedes einzelne war mit Bedacht gewählt, und jedes schmerzt auf seine eigene Weise, wenn es fehlt. Doch in diesem Moment wirkte dieser Gedanke klein. Fast lächerlich.

Vor mir saß ein Mann, der sein Leben nicht in Jahren, sondern in Bruchstücken zählen konnte.

Mit siebzehn sah er seine Eltern zum letzten Mal, als er 1976 aufs Gymnasium ging, um Physiklehrer zu werden. Er ist Türke, und gerade deshalb konnte er nicht wegsehen, als Kurden in Schule und Gesellschaft unterdrückt wurden. Diese Empathie kostete ihn alles. Aus dem Lehrerzimmer wurde der Kerker. Aus einem möglichen Leben im Klassenzimmer wurden zwölf Jahre Haft, weitere Jahre Verfolgung und noch einmal zwölf Jahre im Untergrund. Fast drei Jahrzehnte, in denen ein normales Leben möglich gewesen wäre.

Ich strich das Buch innerlich von meiner Liste. Was ist ein Buch gegen ein Leben, das seit Jahrzehnten aus den Fugen ist?

Bei seinem letzten Besuch waren wir zu dritt mit einem türkischen Publizisten im Bert-Brecht-Haus. Später bat mich der Publizist aus der Türkei inständig, die Fotos zu löschen. Die Angst vor Repression sitzt tief, auch nach all den Jahren. Ich dachte an die deutschen Schriftsteller, die einst Verfolgte aufnahmen, und daran, dass Schutz heute manchmal im Unsichtbarmachen besteht. Diesmal verzichtete ich bewusst auf die Kamera.

Doch am Sonntag im Schrebergarten in Haunstetten, am Mittelbach, geschah etwas Unerwartetes. Er wandte sich an den Gastgeber und sagte: „Mach doch bitte ein Bild von uns. Es soll eine Erinnerung bleiben.“ Dann fügte er leise hinzu: „Wer weiß, wann ich noch einmal die Kraft habe, zehn Stunden mit der Bahn zu fahren.“

Dieser Satz wog schwerer als Stunden des Erzählens.

Heute lebt er zurückgezogen, fern der politischen Ideale, die einst sein Leben bestimmten. Er ist eine wandelnde Bibliothek türkischer und kurdischer Tragödien, ein Archiv der Enttäuschungen, die sich in keinem Landstrich ganz besänftigen lassen. Es ist eine stille Ehre, zu den wenigen zu gehören, denen er sich öffnet. Er sagte, er fühle sich wohl hier. Es sei eine ruhige Stadt. Und er komme gerne wieder. Nicht weil wir nach Erfolg oder Status fragen, sondern weil wir nach dem Menschen fragen.

Die lange Bahnfahrt mag anstrengend sein. Für jemanden, der Jahre in einer Zelle verbracht hat, ist die Freiheit, durch ein Land zu reisen, um einen Toten zu ehren, das kostbarste Gut. Er ging. Er fuhr zurück.

Ich sah ihm nach und verstand: Manche Bücher gibt man nicht zurück, weil der Leser die Geschichte längst am eigenen Leib trägt.


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