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Montag, 23.02.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Erinnerungsarbeit

Wozu dient Erinnerung? – Die Enkel der Vertriebenen haben Europa im Blick

Als einzige Stadt in Bayern und wahrscheinlich auch bundesweit richtet die Stadt Augsburg aufgrund einer Vereinbarung im Koalitionsvertrag der Stadtregierung alle zwei Jahre einen Empfang für die ost- und südost­deutschen Landsmannschaften aus, die im Bund der Vertriebenen auch lokal organisiert sind. Am 9. Februar fanden sich zum zweiten Mal im Gögginger Parktheater mit den Vertretern aller landsmannschaftlichen Gruppen parteiübergreifend Mitglieder der Stadtregierung, des Landtags und der Kommunalpolitik ein, um sich über die Formen der Erinnerung und deren Wert für die Gestaltung der Zukunft auszutauschen.

Von Halrun Reinholz

Blick in den gut gefüllten Saal des Parktheaters (Fotos: Nikolaus Dornstauder)

Federführend für den „Empfang der Lands­mann­schaften“ ist das Büro für gesell­schaftliche Integration, das seit der schwarz-grünen Stadt­regierung für alle Migranten­gruppen zuständig ist. Dessen Leiterin, Dr. Margret Spohn, koordinierte den Festabend. Eröffnet wurde er von der Augsburger Ober­bürger­meisterin Eva Weber, die den Lands­mannschaften für ihre Präsenz und ihr Engagement im städtischen Leben dankte. In Augsburg dominierten lange Zeit die Sudeten­deutschen, von denen nach der Vertreibung 1945 rund zwei Millionen in Bayern heimisch wurden. Mittlerweile zeigen die Banater Schwaben, die Siebenbürger Sachsen und die Russland­deutschen aufgrund der späteren Aussiedlung, haupt­sächlich ab den 1970er- und 1980er-Jahren, mehr Präsenz im Stadtleben. Sie seien in der Stadt „sichtbar, hörbar, spürbar und schmeckbar“, sagte Weber nicht ohne Augenzwinkern unter Anspielung auf die ausgeprägte Back­tradition in den Vertreibungs­gebieten und erwähnte dabei die vielen Anlässe, bei denen sie und andere Mitglieder der Stadtpolitik Gelegenheit zur Teilnahme und zur Begegnung hatten.

Neben der Oberbürgermeisterin war die Zweite Bürger­meisterin Martina Wild anwesend, in deren Referat das Integrations­büro verortet ist, und auch der Dritte Bürgermeister Bernd Kränzle, ein häufiger Gast bei den Veranstaltungen der BdV-Gruppen, ebenso wie die Landtags­abgeordneten Cemal Bozoğlu und Andreas Jäckel, letzterer gleichzeitig BdV-Vorsitzender auf Bezirksebene. Im Saal waren vor allem Funktions­träger des BdV und der Lands­mannschaften aus Augsburg sowie von den Landes­verbänden Bayern vertreten, allen voran der BdV-Landes­vorsitzende Christian Knauer, ehemals Landrat in Aichach-Friedberg. Daneben hatten sich zahlreiche Aktive, Verbands­mitglieder und Gäste zum Festakt eingefunden. Die Lokalpresse glänzte dagegen durch Abwesenheit. Die musikalische Begleitung erfolgte durch die Musikkapelle der Banater Schwaben Augsburg. Noch vor Beginn des offiziellen Programms heizten die Musiker von der Bühne aus die Stimmung im gut gefüllten Saal an und sorgten zuweilen für kleine Tanzrunden am Rande.

Die BdV-Kreisvorsitzende Dr. Hella Gerber, gleichzeitig auch Kreis­vorsitzende der Banater Schwaben und CSU-Stadträtin, dankte der Stadt und der Ober­bürger­meisterin für die Wert­schätzung, die sie den Vertretern der Vertriebenen und Aussiedler sowie deren Nachkommen mit diesem Empfang erweise. Sie erinnerte daran, dass sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Millionen von Menschen aus den Ostgebieten und aus Südosteuropa in Bayern und auch in Augsburg im öffent­lichen Leben eingebracht haben. Schon früh hätten sie sich in der Charta der Heimat­vertriebenen zu Demokratie und Verzicht auf Vergeltung bekannt, dabei aber ihre Werte und Traditionen gepflegt und die alten Heimatgebiete im Herzen bewahrt. Zu diesen Gebieten bildeten heute alle Lands­mannschaften wichtige Brücken.

Festredner Dr. Florian Kührer-Wielach, Leiter des IKGS an der LMU München

Unter dem Motto „Vergangenheit verstehen – Verantwortung für die Zukunft“ diente der Empfang der Lands­mannschaften auch der fachlichen Aus­ei­nander­set­zung mit dem Thema Flucht, Ver­trei­bung und Inte­gration der lands­mann­schaft­­lichen Gruppen. Dr. Margret Spohn übernahm die Mode­ration und bat den Fest­redner Dr. Florian Kührer-Wielach ans Redner­pult, der als Histo­riker und Leiter des Insti­tuts für deut­sche Kultur und Ge­schichte Süd­ost­europas an der LMU München zum Thema „Erinne­rung“ sprach – „eines der wert­voll­sten Dinge, die Sie besitzen“, wie er in Hin­wendung zum Publi­kum präzi­sierte. Er merkte an, dass Augsburg durch den Zustrom an Ver­trie­benen nach den Ver­hee­rungen des Zweiten Welt­kriegs um 15 Prozent gewachsen ist und dass durch den weiteren Zustrom derer, die sich danach aus den Ländern des Ostblocks für das „Gehen“ und gegen das „Bleiben“ entschieden, zahlreiche weitere Menschen als Aussiedler und Spät­aussiedler in die Stadt kamen. Was sie bei aller Verschieden­heit einte und von anderen Zuwanderern unterschied, war „das Bekenntnis zur deutschen Sprache und Kultur“. Mit ihren Erinnerungen haben sie das „Gedächtnis dieser Stadt“ über die Jahre mitgeprägt und ihre kulturellen Werte in den Integrations­prozess eingebracht. Der Referent stellte drei Fragen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: Was, wie und warum soll erinnert werden? Weil in der „Erinnerungs­landschaft“ einer Gruppe unterschiedliche „Gewächse“ blühen, gebe es ein „Mosaik an Identitäten und Geschichten“ – mit schmerzvollen, aber auch mit guten Erinnerungen. Persönliche und kollektive Erinnerung müssten sich ergänzen, damit ein Bild entsteht.

Die Tanzgruppe der Siebenbürger Sachsen in ihren Trachten

Wie kann dieses komplexe Gedächtnis wachgehalten werden? Die Vertriebenen­gruppen sind mittlerweile teils in der dritten Generation hier ansässig. Wer die „alte Heimat“ nicht selbst erlebt hat, erfährt über Erzählungen der Eltern und Großeltern, wie es dort war. Doch über die Enkel­generation hinaus gibt es kaum persön­lichen Kontakt; hier wirkt das „kulturelle Gedächtnis“: Die Erinnerung wird über Traditionen oder Gedenktage weitergegeben. Es mündet im „institutio­nellen Gedächtnis“, das über „Erinnerungs­speicher“ funktioniert – Museen, Archive oder Bibliotheken. Schon seit 1952 sorgt der „Kultur­paragraf“ (§ 96) im Bundes­vertriebenen­gesetz für die Förderung ent­sprechender Institutionen; für Augsburg sei etwa das Bukowina-Institut ein prominentes Beispiel dafür. Der Redner hob hervor, dass auch der (wissen­schaftliche) Blick von außen wichtig sei für die Einordnung des Geschehens: Erinnerung müsse „mit Herz und Hirn“ funktionieren, Emotion mit Information verbunden werden.

Warum aber soll überhaupt erinnert werden? Viele Entwurzelte hätten sich dafür entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen, um weder sich noch andere mit der Vergangenheit zu belasten. Dennoch sei es vielen anderen von Anfang an auch ein Bedürfnis gewesen, die Gemein­schaft zu suchen. In der Gruppe war es leichter möglich, nach den verheerenden Erfahrungen der Vertreibung und Diskrimi­nierung wieder Wert­schätzung, Selbst­vertrauen und Würde zurück­zugewinnen. Die Gemeinschaft sei der Rahmen und die Traditions­pflege der Lands­mannschaften nicht weniger als die Demon­stration gelungener Integration – ein Zeichen, dass man als „produktiver und positiver Teil einer Gesellschaft“ gesehen werden will, ohne sich „das Eigene“ nehmen zu lassen.

Dem Festvortrag folgte eine Podiums­diskussion zur Frage „Wie erinnern?“, an der neben dem Festredner noch die Leiterin des Bukowina-Instituts an der Universität Augsburg, Prof. Dr. Jana Osterkamp, der BdV-Landes­vorsitzende und ehemalige Landrat von Aichach-Friedberg, Dr. h.c. Christian Knauer, und der Vorsitzende der Sudeten­deutschen Stiftung, Dr. Ortfried Kotzian, teilnahmen. Knauer ließ es sich nicht nehmen, der Stadt Augsburg ein großes Kompliment auszusprechen für diese „einzigartige Veranstaltung“, die es seines Wissens nirgends sonst gebe. Er hob insbesondere die Brückenfunktion der Vertriebenen und ihrer Nachkommen hervor, die nach dem Kalten Krieg über die Jahre gute Beziehungen zu den Herkunfts­ländern aufgebaut hätten und dort mittlerweile „herzlich willkommen“ seien. Andererseits sind die ehemaligen Vertriebenen nunmehr wesentlicher Bestandteil der Stadtgemeinschaft.

Auf die Frage der Moderatorin, wer sich für Institutionen wie das Bukowina-Institut oder das IKGS in München interessiere, antworteten Jana Osterkamp und Florian Kührer-Wielach einmütig, dass bei den Studie­renden oft – konkret etwa zu einem Viertel bis einem Drittel – persönliche oder familiäre Bezüge vorhanden seien. Das Interesse an Osteuropa sei aber generell recht groß. Ortfried Kotzian hob den guten Zuspruch für das erst vor wenigen Jahren mit einer modernen Konzeption aufgebaute Sudeten­deutsche Museum in München hervor. Man habe hier mit Förderung des Freistaats gezielt einen kultur­historischen Schwerpunkt bei der Museums­konzeption gesetzt und darauf verzichtet, nur auf Flucht und Vertreibung zu fokussieren. Das Museum habe für diesen Ansatz zu Recht den Deutschen Museumspreis erhalten. Auch Jana Osterkamp sieht die Zukunfts­fähigkeit der Vertriebenen­geschichte darin, dass sie Teil der (deutschen) Kultur­geschichte ist und auch so vermittelt werden muss. Am Bukowina-Institut werde über Interviews mit Zeitzeugen die „Geschichte des Ankommens“ untersucht, aber auch die „Geschichte der Weitergabe“. Einig war man sich darüber, dass jetzt der „letzte Moment“ sei, in dem es noch Zeitzeugen gibt, deren Erlebnisse es festzuhalten gilt.

Ortfried Kotzian zog das Fazit, dass es trotz aller Förderung über die Jahre nicht gelungen sei, das Wissen über die ostdeutsche Kultur „ins breite Volk“ zu vermitteln, was vor allem an den Schulen versäumt worden sei. Auch Knauer hat die Erfahrung gemacht, dass es sehr im Ermessen der Lehrkräfte liege, ob die ost- und südost­deutsche Geschichte im Unterricht überhaupt thematisiert wird.

Dass die Augsburger Öffentlichkeit von diesem Empfang der Lands­mannschaften so gut wie nichts mitbekam, ist symptomatisch. Die Nachkommen der Flüchtlinge und der Heimat­vertriebenen sowie die Aussiedler und Spät­aussiedler der 1970er- bis 1990er-Jahre machen einen großen Prozentsatz der Bevölkerung in Bayern aus und treten auch im Augsburger Stadt- und Vereinsleben aktiv in Erscheinung – ob beim Plärrer­umzug, bei der Lechhauser Kirchweih oder beim Europatag. Durch Vermittlung der Sudeten­deutschen kam Augsburg beispiels­weise zur Städte­partner­schaft mit Liberec, früher Reichenberg, in der Tschechischen Republik. Im Mai 2025 feierte der Landesverband Bayern der Banater Schwaben sein 75-jähriges Bestehen mit einem Kulturtag in Augsburg. Mehrere hundert Trachtenpaare zogen mit Musik durch die Innenstadt und tanzten auf dem Rathaus­platz. Zum Festakt in der Kongress­halle kam Minister­präsident Markus Söder als Festredner. Dieses Ereignis fand in der lokalen Bericht­erstattung keine Erwähnung. Vielleicht erklärt sich diese Ignoranz dadurch, dass so mancher mit dem Begriff „Lands­mannschaft“ eine gewisse Rückwärts­gewandt­heit verbindet: Das waren die „Ewig­gestrigen“, die in Zeiten des Kalten Krieges ihre Gebiets­ansprüche betonten. Mit den Jahren hat sich allerdings einiges geändert; im vereinigten Europa sind neue Generationen heran­gewachsen. Schon die zweite Generation der Vertriebenen hat sich von den revan­chistischen Ansprüchen ihrer Lands­mannschaften distanziert und einen eigenen Jugend­verband gegründet: „DJO – Deutsche Jugend in Europa“. Die Jugend­gruppen der heutigen Lands­mannschaften haben Europa sozusagen in die Wiege gelegt bekommen – weil sie durch ihre Eltern oder durch ihre eigene Biografie den „direkten Draht“ in die Herkunfts­länder haben. Aber gleichzeitig sind sie ohne Wenn und Aber hier in Augsburg zu Hause, das ist auf keinen Fall ein Widerspruch.

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