DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 29.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Dritte Orte – neuer Hype der Stadtplanung oder soziale Notwendigkeit?

Zur aktuellen Diskussion um die Bedeutung von möglichst konsumfreien, altersunabhängigen und gemeinnützig wirksamen sozialen Begegnungsräumen im urbanen Raum

Von Peter Bommas

Kulturräume schaffen und neu denken

Die Augsburger Stadtratsfraktion der Grünen hatte am letzten Samstag unter dem Titel „Kulturräume schaffen und neu denken“ zu einer Podiumsdiskussion in die Stadtbücherei eingeladen. Dort wurde die Feststellung von Bürgermeisterin und Bildungsreferentin Martina Wild, die Stadtbücherei sei ein „Paradebeispiel für einen Dritten Ort“, durchaus kontrovers diskutiert.

Was also sind diese sogenannten, momentan so angesagten „Third Places“, woran erkennt man sie und warum gelten sie für eine integrative Stadtgesellschaft plötzlich als geradezu unverzichtbar?

Dritte Orte zur Förderung des sozialen Zusammenhalts

Ausgelöst hat den Hype wohl ein aktuelles Forschungsprojekt des Deutschen Instituts für Urbanistik, unterstützt vom Deutschen Städtetag, das sich mit der Erforschung der Bedeutung sogenannter „Dritter Orte“  für den sozialen Zusammenhalt und die Förderung des Gemeinwesens befasst (siehe dazu die aktuelle Studie der Körber-Stiftung „Dritte Orte – Begegnungsräume in der altersfreundlichen Stadt“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, 2023 und „Dritte Orte in der Großstadt“, Veröffentlichung des Deutschen Städtetags, März 2025).

Der Begriff „Dritter Ort“ wurde 1989 vom amerikanischen Stadtsoziologen Ray Oldenburg in seinem Buch „The Great Good Place“ eingeführt vor dem Hintergrund der dortigen Stadtentwicklung mit der Abgrenzung von Arbeitsstätten in den Cities (zweiter Ort) und den suburbanen Wohnvierteln (erster Ort). Vorbild für ihn waren die europäischen Städte mit ihren damals noch lebendigen Mixstrukturen aus Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Verweilen etc. Heutzutage hängt auch bei uns dieses Bild schief und die Diskussion um Begegnungsräume für zwanglose soziale Interaktion – gleichgültig ob für Jugendliche oder die alternde Boomergeneration –  hat Fahrt aufgenommen. Dritte Orte sind Treffpunkte für die lokale Gemeinschaft, gleichgültig ob es sich hierbei um Häuser, Institutionen, Plätze oder Parks im öffentlichen Raum handelt. Es sind Freiräume ohne Konsumzwang und soziale Kontrolle, für Austausch und gegen Einsamkeit und sie sind deshalb generationenübergreifend offen, niederschwellig, kommunikativ und gut erreichbar. In dieser Form und Funktion werden sie vom Deutschen Institut für Urbanistik als „Inkubatoren für das Gemeinwesen“ gehandelt.

In Augsburg ist dieser Diskurs nicht ganz neu. Im Zusammenhang mit prekären Aufenthaltsorten für Jugendliche in der „Inner City“ wurde das Problem immer wieder benannt. Zuletzt bei der Diskussion zur möglichen Umnutzung des ehemaligen Konservatoriums, aktuell unter dem Begriff „Max 59“ – die DAZ berichtete – als Zukunftsvision eines integrativen, niederschwelligen und gemeinnützig organisierten innerstädtischen Begegnungs-, Bildungs- und Kulturortes. Darüber, inwiefern solche „Dritte Orte“ altersübergreifend funktionieren und angenommen werden, darf spekuliert werden. Aufgrund der Erfahrungen mit dem eher zufälligen Nebeneinander von „Seniorentreffs“ in Bürgerhäusern bzw. kirchlichen Gemeindehäusern und nicht-kommerziellen jugendkulturellen Begegnungsräumen wie Jugendzentren in einigen Stadtteilen ist im Hinblick auf organisatorisch-strukturelle Vorgaben eine gewisse Skepsis durchaus angebracht. Dritte Orte als konzeptionelle Teile der Stadtplanung sind mit Vorsicht zu genießen – man erinnere sich nur an die urbane Zwangsjacke, als gut funktionierende, selbstorganisierte Jugendzentren in den 70er und 80er Jahren in kommunale Strukturen überführt wurden und dabei nicht selten langsam aber sicher Federn lassen mussten..

Kein Selbstläufer: Stadtplaner als Baumeister für Dritte Orte

Deshalb Vorsicht bei stadtplanerischem Tatendrang, denn dritte Orte jenseits von privatwirtschaftlich betriebenen Treffs – kleine Stadtteilkneipen, Gartenwirtschaften in Kleingartenanlagen etc. – sind ein schwer kalkulierbares Phänomen, wie etliche verwaiste Parkanlagen, marode Tischtennisplatten und verlotterte Sitzgruppen in Augsburg vor Augen führen.

Zwanglose Begegnungsräume, wo Jung und Alt aufeinandertreffen und miteinander ins Gespräch kommen, gibt es jenseits der Urbanistik quasi als „Wildwuchs“ und sie sind auch in Augsburg zu finden. Allerdings entstanden und entstehen solche Orte fast naturwüchsig, manchmal zufällig und nie als Resultat von – noch so gut gemeinter – Stadtplanung! Jugendliche und Senioren eignen sich solche Räume als Treffpunkte über Jahre an, wenn sie nicht ordnungspolitischen und verkehrstechnischen Planungen der Stadtregierungen weichen müssen oder sich aufgrund von kommunalen Auflagen und wirtschaftlichen Zwängen nicht mehr rechnen.

Luftbad, Grandhotel und Kulperhütte: Paradebeispiele für Dritte Orte

Ein gutes Beispiel: Das Gelände des „Luftbads“ hinter dem ehemaligen Ackermann-Areal und dem Gögginger Wäldchen am Wertachkanal zwischen Pfersee und Göggingen. Lange Zeit im Dornröschenschlaf, doch seit etlichen Jahren ein echter „Dritter Ort“ als Outdoor-Treff, Badeplatz, Spielwiese, Diskursmeeting – ganzjährig, altersunabhängig (von 16 bis weit über 80), zwanglos, konsumfrei und vielsprachig – wenn nicht gerade Starkregen, Schneefall oder andere krasse Klimaphänome das Gelände unpassierbar machen.

Kulperhütte an der Wertach (Foto von Udo Legner)

Ein zweites, eigentlich interessantes, aber sich aktuell kriselndes Beispiel, das gerade um sein Überleben kämpft, ist das Projekt „Grandhotel Cosmopolis“ im Domviertel. Grandios gestartet, mit hohem partizipativem Aufwand, aber inzwischen, trotz vorbildlicher und funktionierender intergenerationeller und interkultureller Ausrichtung, in Gefahr zu einem kommunalpolitisch vernachlässigten, weil unterfinanzierten „Nicht-Ort“ zu mutieren. In diese Reihe gehört natürlich auch die privatwirtschaftlich organisierte, aber sehr besucherfreundlich ausgerichtete und generationenübergreifend funktionierende „Kulper-Hütte“ an der Wertach. Sie zeigt, wie man trotz wirtschaftlicher Zwänge mit Phantasie und Risikolust eine hohe Begegnungsqualität schaffen kann!

Aus diesen ganz unterschiedlich wirksamen Beispielen – wie auch aus dem fehlgeschlagenen Beteiligungsprozess um das Kreativwerk „Gaswerk“ – gilt es bei der Planung und Umsetzung des aktuell vom Stadtrat einstimmig beschlossenen und von der Tessin-Stiftung initiierten und finanzierten Projekts „MAX 59“ zu lernen. Es könnte innerstädtisch ein echter Magnet werden. Aber eben nur mit wirklich überzeugenden Beteiligungsverfahren bei Planung und Umsetzung, sicherer Finanzierung bei gleichzeitig gemeinnütziger, von kommunaler Regie befreiter Organisation. Dieses Projekt muss mit seinen und durch seine potentiellen Nutzer*innen über mehrere Jahre wachsen und muss Improvisation und planerische Weitsicht verbinden, Beteiligung samt Ideenaustausch wirklich zulassen. Und dabei sollten die Expertise und das Engagement zukünftiger Nutzer*innen und die Erfahrungen von Partizipations-Profis von Beginn an im Zentrum stehen.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist nun der für den 04.06.25 terminierte, in den Räumen des Holbein Gymnasiums stattfindende Expert*innen-Workshop zu Nutzungs- und Umsetzungsideen mit altersgemischtem, handverlesenem Teilnehmer*innen-Kreis. Die Ergebnisse dieses Workshops müssen als Initialzündung für weitere Impulse und anschließende Aktionstage  für öffentliches Interesse sorgen, um ein plakatives Bild des Zukunftsprojekts MAX 59 zu entwerfen. Unter dem Aspekt der Funktion und Bedeutung „Dritter Orte“ für die Stadtentwicklung wird die DAZ diesen Prozess kritisch begleiten.

gesamten Beitrag lesen »



Brechtbühne: Der Schlager als Rettung des Kunstlieds

Warum stirbt das Kunstlied aus? Weil die Texte so langweilig sind? Die Ballermann-Schlager sind dagegen erfolgreich. Da hilft nur eins: Kunstlieder mit Ballermann-Texten! Die spaßige Idee eines Musikdozenten landete nun als Stückentwicklung „Exportschlager“ in Uraufführung auf der Brechtbühne. Ein musikalischer Spaß, der es in sich hat. Von Halrun Reinholz Das Premierenpublikum wird schon beim Eintreten […]

gesamten Beitrag lesen »



Schlappe im Schwabenderby

Trotz respektabler Rückrundenbilanz: Nach der 0:4 Niederlage in Stuttgart droht der Thorup-Truppe ein trostloses Saisonfinale wie im letzten Jahr. Von Udo Legner Wenn es um Nichts mehr geht, dann geht beim FCA bestimmt nichts mehr. Diese Binsenweisheit scheint für den FCA wie in Stein gemeißelt. Aller schlechten Dinge sind drei So verlor der FCA am […]

gesamten Beitrag lesen »



Erstes Augsburg DOK-Filmfest

Bei der Eröffnung des DOK-Fests dankte Kulturreferent Jürgen Enninger den Betreibern des Liliom und Thalia Kinos für deren unermüdliches kulturelles Engagement und dem Team vom DOK.fest München für die filmreife Kooperation. Von Udo Legner Gesellschafts(t)räume – Kinos als Orte der Begegnung Gerade in Zeiten, die von Verunsicherung und gesellschaftlicher Spaltung geprägt sind, gewännen Kinos als […]

gesamten Beitrag lesen »



Schwarz-Grüne Stadtregierung – schweigen, aussitzen, schönreden!

Von Peter Bommas Man gewinnt langsam den Eindruck, dass die amtierende Stadtregierung nur noch auf dringliches Nachfragen und dann häppchenweise Auskunft gibt zu wichtigen stadtpolitischen Sachlagen. Man unterhält zwar ein aufgepepptes Kommunikationsamt, aber gleichgültig, ob Dauerbaustelle Staatstheater, Trennung mit Kündigung vom Architekturbüro Achatz und anstehende Klage, stillschweigende Verabschiedung der Linie 5 und endgültige Entscheidung zur […]

gesamten Beitrag lesen »



Adios Europa – Kieler Störche beenden FCA-Höhenflug

Eine blamable Bauchlandung beendete den Traum der Thorup-Truppe von Höherem. Statt der erhofften Revanche für den Hinrunden-Tiefpunkt bei den Kieler Störchen setzte es gegen den Aufsteiger aus dem hohen Norden auch beim Rückspiel in der ausverkauften WWK-Arena eine enttäuschende 1:3 Niederlage. Von Udo Legner Welch große Hoffnungen die bislang so erfolgreiche Rückrunde bei den FCA-Fans […]

gesamten Beitrag lesen »



Rumble in the jungle – white water race in Augsburg und Markkleeberg

Am ersten Maiwochenende findet in Markkleeberg bei Leipzig Teil Zwei der Sichtungsrennen des Deutschen Kanu-Verbands (DKV) statt – ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2025 in Perth, Australien. Bereits eine Woche zuvor blickte die Slalomwelt nach Augsburg, wo auf der traditionsreichen Olympiastrecke von 1972 der Auftakt der Qualifikationsserie stattfand. Von Rob Zagler Für […]

gesamten Beitrag lesen »



Großes Kino zum Auftakt der Augsburger Europawochen

Mit der Vorführung des Dokumentarfilms „Surf on, Europe!“ hatten die diesjährigen Europawochen einen gelungenen und vielversprechenden Start. Sowohl der Film als auch die anschließende Podiumsdiskussion begeisterte das zahlreich erschienene und größtenteils junge Publikum. Von Udo Legner In seinem Grußwort zur Eröffnung der Europa Wochen betonte Welterbe-, Sport- und Kulturreferent Jürgen Enninger die große Bedeutung eines […]

gesamten Beitrag lesen »



Erinnerungskultur in Augsburg – Nur auf Sand gebaut?

Gerade erst eröffnet, schon wieder zu. Die plötzliche Schließung der Halle 116 durch die Stadt Augsburg kam sogar für die Mitarbeiter des Erinnerungsorts überraschend. In einer sehr knappen Begründung auf der städtischen Homepage heißt es, dass das Gebäude „im Sinne aktueller Sicherheitsanforderungen nicht mehr standsicher“ sei. Droht damit auch der Erinnerungskultur in Augsburg der Einsturz? […]

gesamten Beitrag lesen »



Zweite Rückrunden-Niederlage gegen den Tabellenzweiten Leverkusen

Gegen den noch amtierenden deutschen Meister und derzeitigen Tabellenzweiten  Leverkusen kassierte der FCA seine erste Auswärtsniederlage in diesem Jahr.  In einem eher unspektulären Spiel hieß es am Ende 2:0 für das Team von Xavier Alonso. Von Udo Legner Im Vorfeld des viertletzten Spieltags hatte es einigen Wirbel gegeben: Should I Go or Should I Stay? Während […]

gesamten Beitrag lesen »



Internationale Ballett- und Tanzgala im Martinipark

Seit Jahren bietet die Sparte Ballett des Augsburger Theaters den Freunden des Tanztheaters eine hochkarätige Gala mit Tänzerinnen und Tänzern aus aller Welt. Auch die Ballettgala 2025 erfreute das Publikum mit einer grandiosen Mischung aus Bewährtem und Innovativem. Von Halrun Reinholz „Nach der Ballettgala ist vor der Ballettgala“ – darauf weist Ballettdirektor Ricardo Fernando gleich […]

gesamten Beitrag lesen »



Augsburg und die Legende vom heiligen Fugger 

Die Stadt Augsburg und die Fuggerschen Stiftungen feiern wieder einmal gemeinsam ein 500-Jahre-Jubiläum. Die historische Problemfigur Jakob Fugger soll erneut als Lichtgestalt auf die Stadt abstrahlen und dabei auch noch als angeblich innovativer Denker und Sozialreformer in die Zukunft wirken. Peter Bommas nennt das Geschichtsklitterung und empfiehlt zur Revision einen Museumsbesuch. Kommentar von Peter Bommas […]

gesamten Beitrag lesen »



« neuere Artikel ältere Artikel »

Kurznachrichten

15-Jähriger aus Augsburg vermisst



Seit Dienstag (28.04.2026) wird der 15-jährige David Baidinger aus Augsburg vermisst. Der 15-Jährige wurde zuletzt im Bereich Augsburg Oberhausen gesehen. Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Der Vermisste wird wie folgt beschrieben: Der 15-Jährige ist ca. 175 cm groß, ca. 75 kg schwer und hat kurze Haare. Er trägt vermutlich eine dunkle Jogginghose, einen […]

gesamten Beitrag lesen »



Apfelblüte



Zurzeit herrschen ideale Bedingungen für die Apfelblüte. 2026 könnte ein gutes Apfeljahr werden! Foto: Apfelblüte in Lechhausen.

gesamten Beitrag lesen »



„Drunter und drüber“: Kinder­fotopreis Augsburg 2026 startet



Chaos im Kinderzimmer, spannende Muster auf dem Bürger­steig oder die Welt aus Frosch­per­spektive – beim Kinder­fotopreis Augsburg Stadt & Land 2026 dreht sich alles um das Motto „Drunter und drüber“. Kinder von drei bis zwölf Jahren aus Stadt und Landkreis können ihre krea­tivsten Momente mit der Kamera fest­halten. Ein­sende­schluss ist der 18. Sep­tember 2026, die Preis­ver­leihung […]

gesamten Beitrag lesen »



Augsburg verpasst Sieg knapp – Kade trifft, Dahmen rettet Punkt



Der FC Augsburg hat sich in einem intensiven Duell mit Eintracht Frankfurt ein 1:1 erarbeitet – und dabei lange wie der mögliche Sieger ausgesehen. Nach einer zerfahrenen ersten Hälfte brachte Anton Kade die Fuggerstädter kurz vor der Pause verdient in Führung. Auch nach dem Seitenwechsel blieb Augsburg zunächst gefährlich, verpasste es aber, trotz guter Chancen […]

gesamten Beitrag lesen »



Halbzeit: Kade belohnt Augsburg spät – verdiente Führung gegen harmlose Frankfurter



Der FC Augsburg zeigt in einer insgesamt zähen ersten Hälfte die reifere Leistung und geht mit einer verdienten 1:0-Führung in die Pause. Von Beginn an traten die Fuggerstädter engagiert auf, setzten die Gäste aus Frankfurt früh unter Druck und erspielten sich leichte Feldvorteile – auch wenn klare Torchancen zunächst Mangelware blieben. Defensiv stand der FCA […]

gesamten Beitrag lesen »



Suche in der DAZ

  

DAZ Archiv

April 2026
M D M D F S S
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930