Wendejahre
Maximilian I.
DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Montag, 17.06.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

MEINUNG

Kommentar: Warum die Werner-Egk-Schule umbenannt werden muss

Gegen die Umbenenung der Werner-Egk-Schule scheint sich politischer Widerstand zu formieren. Sollte das der Fall sein, muss Oberbürgermeister Kurt Gribl diesen Spuk schnellstmöglich beenden

Kommentar von Siegfried Zagler

Egk-Büste von Bernhard Bleeker in der Werner-Egk-Begegnungsstätte in Donauwörth © DAZ

Die Geschichte ist schnell erzählt: Dem pensionierten Lehrer Hans-Georg Kalbhenn fiel im Januar 2017 auf, dass die Werner-Egk-Grundschule in Oberhausen im Vergleich zu anderen Augsburger Schulen auf ihrer Homepage nur dürftig über den Namenspatron Werner Egk informierte und formulierte daraufhin die Bitte gegenüber der Schulleiterin Claudia Kirsch, dieses Defizit zu beheben.

„Es ging mir darum, dass die Seite angemessen sein Leben darstellt, dass eben alles erklärt wird und nichts verschwiegen wird.“ Kalbhenn fand es nicht angemessen, dass die Rolle des Komponisten in der Nazi-Zeit mit keinem Jota erwähnt wurde. Kalbhenn umschrieb gegenüber der DAZ die Reaktion der Schule als ein „schweigsames Fastnichts“. Er wollte sich nicht abspeisen lassen und schrieb das Kulturreferat, die Stadtratsfraktionen und Augsburgs OB Kurt Gribl an. Kalbhenns Anliegen wurde von einem Antrag Volker Schafitels (FW) auf die politische Ebene gehoben: „Der Ältestenrat soll mit sofortiger Wirkung die Änderung des Schulnamen „Werner-Egk-Schule“ beschließen und die Schule entsprechend umbenennen“, so Stadtrat Schafitel.

Das war am 14. Februar 2017. Oberbürgermeister Kurt Gribl machte sich im Ältestenrat dafür stark, dass sich die Kommission für Erinnerungskultur mit dem Thema zu befassen habe. Der Ältestenrat willigte ein. Die Kommission für Erinnerungskultur (Vorsitzender: Kulturreferent Thomas Weitzel) ließ sich mit der Recherche Zeit, nämlich über ein Jahr, war aber in ihrem Urteil einstimmig wie eindeutig: „Als Opportunist und Nutznießer der nationalsozialistischen Herrschaft, der nach 1945 nicht zur kritischen Selbstreflexion bereit war, ist Werner Egk in den Augen der Kommission menschlich kein Vorbild und kein geeigneter Namenspatron für eine Schule.“ Diese Empfehlung ging an das Bildungsreferat und an das Schuldirektorium der Werner-Egk-Schule. Die Schüler-Eltern und das Direktorium fanden in Übereinstimmung mit dem Bildungsreferat einen neuen Namen: „Grundschule Augsburg Oberhausen Mitte“.

Die Begründung der Kommission für Erinnerungskultur lehnte sich inhaltlich sehr eng an die Begründung der Spruchkammer an, die Egk 1947 als „nicht belastet“ einstufte, aber in der Urteilskommentierung wenig Zweifel aufkommen ließ, dass er mit dem Nationalsozialismus paktierte: „Als 1933 der nationalsozialistische Barbarismus die Herrschaft in Deutschland antrat, war es eine große Enttäuschung, daß die geistige Führerschicht anstatt Widerstand zu leisten, einer nach dem anderen mit dem Nationalsozialismus paktierte. Der Widerstand erlahmte dadurch immer mehr, die Klarsehenden vereinsamten und wurden machtlos. Es besteht zu allen Zeiten und für alle den Durchschnitt Überragenden die Verpflichtung, Vorbild zu sein. Jeder, der seine Leistung und seinen Namen dem Nationalsozialismus zur Verfügung stellte, hat damit eine Schuld auf sich geladen. Auch Egk kann dieser Vorwurf nicht erspart werden.“ (Spruchkammer München-Land Mü-La 146/46/3636 vom 17. Oktober 1947). 

Werner Egk wurde 1947 von der zuständigen Gerichtsbarkeit freigesprochen, bekam keine Strafe, kein Berufsverbot, aber er bekam eine Beurteilung, die ihm eine moralische Schuld zusprach, die im Jahre 1947 nicht geringer war als 1994 oder 2019. 

Im Auftrag der Alliierten hatten die Spruchkammern die Aufgabe, die Entnazifizierung mit rechtsstaatlichen Mitteln zu betreiben. Die Schuld der Beschuldigten musste nachgewiesen und festgestellt werden. Bei der Namensgebung von Schulen, Universitäten, Straßen und bedeutsamen Gebäuden sollte es umgekehrt sein: Diejenigen, die einen Namenspatron vorschlagen, sollen in der Lage sein, mit einer lückenlosen Vita die Eignung des Namenspatron zu begründen. 

Als Werner Egk 1994 vom Augsburger Stadtrat zum Namenspatron der Grundschule in Oberhausen ernannt wurde, wurde offenbar nicht lückenlos dargestellt und differenziert begründet. Dieser Fehler soll nun korrigiert werden. Die Kategorie des moralischen Handelns während der Schreckensherrschaft der Nationalsozialsten ist Egk vom zuständigen Gericht abgesprochen worden. Das sollte bereits ausreichen, um ihn als Namenspatron einer Schule für ungeeignet zu halten. 

Die Empfehlung der städtischen Kommission führt keinen tieferen Grund an, als eben Opportunismus und Vorteilsnahme im Rahmen eines Verbrechersystems und eines gleichgeschalteten Kulturapparats. Egk komponierte für die Nazis, profitierte vom System, lebte das System und wollte nach dem Krieg ein „Antifaschist“ sein, wie er vor der Spruchkammer zu Protokoll gab. Eine wirklichkeitsferne Erinnerungsfiktion, die im Nachkriegsdeutschland epidemisch auftrat und das postfaschistische Klima der jungen Bundesrepublik prägen sollte. 

Einer der großen Künstler dieser Zeit, Rainer Werner Fassbinder, unternahm mit seinem Schaffen den Versuch auch diesen tiefen, dunklen Wald der Bonner Republik zu beleuchten. So lautete der programmatische Titel seiner Effie-Briest-Verfilmung: „Fontane Effi Briest oder: Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen“.

Es waren und sind demnach Mitläufer und Opportunisten, die auf unscheinbare Weise Unrechtssysteme ermöglichen und daran mitarbeiten, diese zu festigen und zu bestätigen. Die Empfehlung der Kommission, die Werner-Egk-Schule umzubenennen, ist deshalb richtig, ebenso die bisherige Vorgehensweise der Stadt. Doch nun scheint sich Widerstand zu formieren: Am 1. April hätte der Bildungsausschuss diese Empfehlung beschließen sollen, das letzte Wort hätte der Stadtrat gehabt. Doch soweit sollte es nicht kommen: CSU-Stadträtin Ingrid Fink wollte das Thema wegen Beratungsbedarf der CSU-Fraktion von der Agenda haben, der Bildungsausschuss akzeptierte.

Damit ist das Thema vertagt. Wie es weitergeht ist derzeit völlig offen. Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) und Bildungsreferent Hermann Köhler (CSU) haben sich noch nicht öffentlich geäußert. 

Im Gegensatz zur Namensänderung in Friedberg, wo das Wernher-von Braun-Gymnasium umbenannt wurde – und dies zu schweren Verwerfungen und unerträglichen Relativierungen führte, die bundesweit wahrgenommen wurden, bis sich das Kultusministerium einschaltete, schien die Stadt Augsburg die „Causa Egk“ mit aushaltbaren Nebengeräuschen abzuwickeln. „Man sollte der CSU-Fraktion Zeit lassen, sich eine Meinung zu bilden“, sagte Kulturreferent und Kommissionsvorsitzender Thomas Weitzel ohne ironischen Unterton auf die DAZ-Frage, ob ihm die neue Entwicklung nicht Sorgen bereite.

Wenn man, wie Thomas Weitzel, keine politische Macht hat, braucht man Gelassenheit und Demut beim Scheitern. Den politischen Akteuren im Augsburger Stadtrat ist in diesem Zusammenhang jedoch die Analysefähigkeit von Weitzel zu wünschen, sodass sie die verheerende historische Dimension der Wirkungsmacht von Opportunisten wie Egk erkennen und dementsprechend entscheiden.



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