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Donnerstag, 22.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brecht im Sinkflug

Von Siegfried Zagler

Die Debatte um das Augsburger Brecht-Festival nimmt langsam groteske Züge an. Pro Augsburgs Versuch, das 60.000-Euro-Defizit des diesjährigen Festivals mit den Defiziten des Vorgängerfestivals (AugsburgBrechtConnected) zu relativieren, führt in einen tiefen dunklen Wald. Und zwar deshalb, weil das Ostermaier-Festival und die Regenbogenregierung, die dieses Festival zu verantworten hatte, Geschichte sind und es für eine Stadtregierung unwürdig ist, die eigenen Fehler an den Fehlern der Vorgängerregierung zu messen.

Brecht im jahrelangen Sinkflug auf Augenhöhe der Kulturpolitiker gebracht

Unabhängig davon, dass beide Festivals unerhörte Fehlbeträge generierten, ist der Sachverhalt festzuhalten, dass sich die beiden Festival-Formate in ihrer Konzeption und Zielsetzung nicht vergleichen lassen. Das abc-Festival hat sich mehr um Ostermaier als um Brecht gedreht. Das abc-Festival hat Brecht als Ausstattung verwendet, als Hintergrundmusik und Bühnenbild zu einer Bühne, die ein bis dahin unbekanntes Format einführte: die Brecht-Party. Kurzum: Der Regenbogen hat sich mit Ostermaier und seinen Medien-Kumpanen schwer vergriffen, das Thema verfehlt und Steuergelder verbrannt. Hätte es damals die DAZ gegeben, wäre dies vermutlich genauso bewertet worden. – Langs Veranstaltungsreigen wiederum war zu flach angelegt. Die Brecht-Festivals unter der Ägide von Lang setzten thematische Schwerpunkte, die sich nicht am Werk des Stückeschreibers und Lyriker ausrichteten, sondern an Nebensächlichkeiten. Lang war beseelt von dem pädagogischen Gedanken, sein Brechtbild (also den guten Brecht) zu vermitteln, damit man sich seinem Werk quasi vorurteilsfrei widmen könne. Die unzähligen Tigerenten-Brecht-Lehrstunden mit Dr. Lang haben etwas bewirkt, was man sich vor wenigen Jahren nicht im Ansatz hätte vorstellen können, nämlich Brecht im jahrelangen Sinkflug auf Augenhöhe der Augsburger Kulturpolitiker zu bringen. Sinnloser sind in der langen Geschichte der Stadt im Kulturbereich noch nie Steuergelder verschwendet worden.

Peter Grab war damals auch nicht klüger als heute

Noch ein Wort zu Ostermaier: Peter Grabs Abkehr vom abc-Festival wurde vom Regenbogen in seiner ureigenen Verkapselung als ein Affront gegen eine hervorragende Kulturpolitik verstanden. Daraus resultierte ein giftiger Nachwahlkampf, der phasenweise Züge einer Kampagne gegen den neu im Amt befindlichen Kulturreferenten annahm. Allen voran: Karl-Heinz Schneider (SPD), der in den ersten Kulturausschusssitzungen Peter Grab, so schien es zumindest, die Haut abziehen wollte, weil er Albert Ostermaiers abc-Festival nicht fortsetzte und zu neuen Ufern in Sachen Brecht-Festival aufbrechen wollte. Ironie der Geschichte: Karl-Heinz Schneider ist heute ein großer Fan eben dieses Nachfolgefestivals, das ebenfalls Geschichte wäre, wenn er sich nicht für dessen Fortsetzung stark gemacht hätte. Grab war damals auch nicht klüger als heute und argumentierte mit Zahlen statt mit Inhalten. Das abc-Festival sei zu schlecht besucht gewesen und habe somit das Ziel eines Festivals verfehlt. Grab glich die Besucher- und Einnahmezahlen damals mit den Zahlen seiner Literaturveranstaltungen ab, die er als Citymanager organisierte. – Dass es mit dem abc-Nachfolge-Festival noch schlimmer werden sollte, konnte damals niemand ahnen und damit sind nicht die Besucherzahlen des diesjährigen Festivals gemeint.

Der Verlierer ist nicht Lang, sondern die Stadt

Dr. Joachim A. Lang ist unter der Prämisse angetreten, „Augsburgs berühmten Dichtersohn“ in der Stadtgesellschaft populärer zu machen. Er wolle Brecht den Augsburgern näher bringen, so Langs Credo. In einer Umfrage der Augsburger Allgemeinen haben sich nur wenige Augsburger beteiligt, wie in Erfahrung zu bringen war. 74,2 Prozent stimmten für „Ich brauche kein Brecht-Festival“ und 14,6 Prozent für „Das Festival muss mehr die Masse ansprechen“. Nur 11,2 Prozent fanden das Konzept passend. Ostermaier wollte zuvorderst mit seinem Festival ins überregionale Feuilleton. Dieses Ziel hat er immerhin erreicht, davon profitierte auch die Stadt. Soviel zur Ehrenrettung von Ostermaier und der Regenbogenregierung.

Lang wollte zweierlei: Brecht in der Stadtgesellschaft popularisieren und ins überregionale Feuilleton. Beides hat er nicht erreicht. Das Augsburger Brecht-Festival unter Joachim Lang ist somit als gescheitert zu betrachten. Der Verlierer ist nicht Lang, sondern die Stadt, der man den Vorwurf machen muss, zu unreflektiert an etwas Unreflektiertem fest zu halten. Dieser Vorwurf geht nicht nur an Kulturreferent Grab, sondern auch an Oberbürgermeister Kurt Gribl, in dessen Referat das Festival umgesiedelt worden sein soll, wie es 2010 in einer städtischen Pressemitteilung hieß.

Die Opposition zu bewerten ist ein Ablenkungsmanöver

Zurück zur aktuellen politischen Debatte: Die Pressemitteilung Pro Augsburgs führt deshalb in einen dunklen Wald, weil sie wie beschrieben zwei unvergleichbare Formate mit unterschiedlichen Zielvorgaben vergleicht und dabei auch noch mit Zahlen argumentiert: Besucherzahlen und Eintrittserlöse eines dreitägigen Festivals mit Besucherzahlen und Eintrittserlösen eines zehntägigen Festivals zu vergleichen ist ein Irrwitz. Nicht weniger abwegig ist es, die eigenen Defizite mit den Defiziten der Vorgänger relativieren zu wollen. Die Opposition muss auf die künstlerische wie finanzielle Schieflage eines Festivals reagieren und sie muss dies unabhängig davon tun, was in der Zeit schief lief, als sie in der Regierung saß und es zum Beispiel Albert Ostermaier meisterlich verstand, das Steigenberger-Hotel in eine Wodka-Bar zu verwandeln. Die Opposition moralisierend aufgrund ihrer zurückliegenden Verfehlungen in ihrer Regierungszeit zu bewerten ist ein Ablenkungsmanöver, das mehr über die eignen Nöte verrät als über die moralische Integrität der Gescholtenen. Hinzu kommt bei Pro Augsburgs Pressemitteilung eine haushaltstechnische Pseudo-Differenzierung zur Sprache, die tief blicken lässt. Peter Grab hat sich bisher über das Festival-Defizit politisch dahingehend geäußert, dass das Defizit nicht den städtischen Haushalt belasten werde. Das kommende Festival müsse dieses Defizit ausgleichen. Soweit so gut. Im Gegensatz dazu habe Eva Leipprand „ohne großes Aufhebens“ das abc-Defizit aus dem Kulturetat beglichen, so Pro Augsburg.

Das Defizit bei Lang wurde auch aus dem Kulturetat beglichen

Womit wurde das Brecht-Festival gefördert?  Womit die Fehlbeträge beglichen? Natürlich aus den Mitteln des Kulturetats, die nun eben genau dort fehlen. Was dazu führt, dass das Brecht-Festival 2013 im nächsten Jahr zirka 36.000 Euro weniger städtische Mittel aus dem Kulturetat erhält. Selbstverständlich hat Peter Grab das Lang-Defizit auch aus dem Kulturetat beglichen. Mit dem Brecht-Festival wird dasjenige Projekt „bestraft“, das die Mittel des Referates 5 (Kulturetat) über Gebühr hinaus belastete. Der Unterschied zum Vorgehen in Sachen Defizitausgleich besteht also darin, dass bei Eva Leipprand andere als Ostermaier „bestraft“ wurden. Aber wer? Welche Projekte mussten unter der Verschwendungssucht des Feuilleton-Darlings Ostermaier leiden? Welche wurden gestrichen? Wer protestierte? Gab es eine betroffene Schar empörter Kulturschaffender, wie das etwa aktuell aufgrund des Biennale-Konzeptes der Fall ist?

Grab hat die eigene Beschlussvorlage ad absurdum geführt

Wenn man sich die Beschlussvorlage des Kulturausschusses vom 30.1.2012 ansieht, stellt sich eine tiefergehende Frage. Dort heißt es wörtlich: „Aufgrund der derzeitigen Haushaltslage soll der städtische Finanzierungsanteil zunächst weiterhin 120.000 Euro betragen. Sobald es die Haushaltslage und/oder Sponsoringleistungen erlauben, soll dieser Finanzierungsanteil adäquat angehoben werden, damit künftig mehr Highlight-Veranstaltungen integriert werden können. Damit soll die Dachmarke Brechtstadt Augsburg regional wie überregional gestärkt werden.“ Grab hat mit seiner Entscheidung, dem kommenden Brecht-Festival den städtischen Zuschuss von 120.000 auf 84.000 Euro zu kürzen, diese Beschlussvorlage ad absurdum geführt. Nicht nur wegen dieser finanziellen Zurückstufung, sondern auch wegen des Negativ-Images, mit dem das Brecht-Festival nun behaftet ist, hat der Kulturausschuss und der Stadtrat das Festival unter falschen Voraussetzungen bewertet und verlängert. Damit sollte sich die Wählervereinigung Pro Augsburg und der Stadtrat auseinandersetzen. Stattdessen werden Nebelkerzen gezündet.