Werden und Vergehen: Ballett zum Mozart Requiem
Ein ungewöhnliches Projekt des Augsburger Staatstheaters hatte im Martinipark Premiere: Mozarts Requiem als Ballett. Die spartenübergreifende Produktion ist mehr als nur choreografierte Musik von Mozart – Peter Chus Konzept umfasst das Ballettensemble, den Chor und die Solisten gleichermaßen.
Von Halrun Reinholz
Gleich nach der Einführung starten eine Tänzerin (Giulia Finardi) und ein Tänzer (Thomas Krähenbühl) – quasi nackt, an Adam und Eva erinnernd – auf der Bühne im Treppenfoyer im Martinipark, gleichzeitig findet der Einlass des Publikums statt und die beiden Tänzer können auf einer Gaze-Wand auf der Bühne weiter verfolgt werden. Sie bewegen sich rhythmisch, zunächst noch ohne und dann zu einer vom Band gespielten Musik und kommen allmählich auch persönlich auf der Bühne an. Das Orchester ist inzwischen vollzählig, der Chor und die Sopranistin Jihyun Cecilia Lee stehen bereit und der Dirigent gibt den Einsatz zum „Requiem Aeternam“.

Jihyun Cecilia Lee und Yury Makhrov umringt von Tänzerinnen und Tänzern des Ballettensembles
Von einer „großen Baustelle“ spricht Ivan Demidov im Interview zu der Produktion, die er musikalisch leitet. Der gerade mal 35-Jährige ist mittlerweile seit neun Jahren in Augsburg und dem Publikum inzwischen in vielen musikalischen Facetten vertraut. Auch der in Florida aufgewachsene Choreograf Peter Chu ist in Augsburg kein Unbekannter. Seine tänzerischen Ausdrucksformen sind von der chinesischen Kultur inspiriert, enthalten Referenzen zu Tai Chi und Quigong. Mit dieser Universalsprache geht er auch an ein Werk wie Mozarts Requiem heran, das der Struktur der katholischen Totenmesse folgt, aber auch in Mozarts Verständnis weit darüber hinausgreift.
Umspielt von weich fließendem Stoff
Werden und Vergehen der Natur bestimmen die Zirkularität des Lebens, das ist auch das Konzept von Chus Inszenierung. In die fließenden Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer ist der Chor mit eingebunden, die Sängerinnen und Sänger werden umringt, eingerahmt, „umspielt“. Alle haben erdfarbene Kostüme aus weich fließendem Stoff, das gilt auch für die vier Solistinnen und Solisten: Jihyun Cecilia Lee (Sopran), Natalia Boeva (Alt), Yuri Makhrov (Tenor) und Avtandil Kasperli (Bass), die etwas markanter gekleidet sind, aber die Bühne ebenso fließend betreten und verlassen wie die Tänzer und Sänger.

Thomas Krähenbühl und Giulia Finardi als „Adam“ und „Eva“ vor dem Baum (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)
Zu den Kostümen von Imme Kachel passt das Bühnenbild von Felix Weinold, der am Haus gerade für die Sparte Ballett auch früher schon bemerkenswerte Akzente gesetzt hat. Links hinten in einer Art Glaskasten liegt als zweiter Aktionsort ein Baum, der für Peter Chu für die Beziehung des Menschen zur Natur steht und in dem er den Ausdruck eines Kreislaufs sieht, auch wenn dieser vermeintlich „tot“ ist. In diesem Zusammenhang stehen auch Tiere für Chus Inszenierung Pate, vor allem der Kranich als Totenvogel: Zwar erscheint kein Kranich auf der Bühne, aber die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer imitieren dessen geöffnete Flügel, die für Chu eine Beziehung zu Loslassen, Trauer und Verlust symbolisieren.
Eines der beeindruckendsten Werke Mozarts
All das sieht er auch in Mozarts Requiem in d-Moll (KV 626) aus dem Jahr 1791 gewährleistet, auch wenn diesem letzten Werk des jung gestorbenen Komponisten angesichts des zunächst mysteriösen Auftraggebers ein eigener Mythos anhaftet. Jedenfalls ist es unvollendet geblieben, etwa ein Drittel wurde posthum hinzugefügt. Dennoch ist es, mit den Hinzufügungen von Franz Xaver Süßmeier, eines der bekanntesten und beeindruckendsten Werke Mozarts. Für die Ballettproduktion wählte Demidoff teils andere Ergänzungsvarianten von Michael Ostrzyga und fügte zusätzlich neue Musik des Filmkomponisten André Barros, die sich problemlos (vom Band gespielt) ins Gesamtkonzept einfügt.
Ein beeindruckender Abend – weniger düster als tröstlich und hervorragend aufgeführt vom bestens koordinierten Ballettensemble, dem Chor, dem Orchester und den Solistinnen und Solisten. Das Premierenpublikum quittierte mit heftigem und uneingeschränktem Applaus.




