Streit um Augsburger Bordellrazzia
Ein Video sorgt Monate nach einer Razzia in einem Augsburger Bordell für Streit. Innenminister Joachim Herrmann hält das Vorgehen der Polizei wegen des Verdachts auf Drogenhandel für verhältnismäßig. Der Verein Doña Carmen kritisiert dagegen die gewaltsame Durchführung des Einsatzes.
Von Bruno Stubenrauch
Während der rechte Polizeibeamte gegen eine Tür tritt, setzt der Beamte links wenige Sekunden später den Rammbock an der gegenüberliegenden Tür ein, in der sich die Kamera befindet. (Bild: Screenshot donacarmen.de)Am 19. November 2025 durchsuchte die Polizei auf richterliche Anordnung vier Objekte in Augsburg und im Raum Nördlingen, darunter ein Bordell in der Riedinger Straße. Hintergrund waren Ermittlungen wegen des Verdachts des unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln.
Nach Polizeiangaben wurden bei der Gesamtaktion Betäubungsmittel, Waffen und eine größere Menge Bargeld sichergestellt. Vier Personen wurden vorläufig festgenommen und anschließend wieder entlassen. Welche Gegenstände in welchem der vier Objekte gefunden wurden, teilte die Polizei nicht mit.
34 Sekunden Polizeieinsatz
Der Frankfurter Verein Doña Carmen e.V., der sich für die Rechte von Prostituierten einsetzt, veröffentlichte inzwischen einen 34 Sekunden langen Videoausschnitt des Einsatzes. Darauf sind mindestens fünf Polizeibeamte in einem Treppenhaus zu sehen. Die Aufnahme zeigt, wie eine Frau in ein Appartement geht, nachdem laute Stimmen zu hören sind und die Tür schließt. Wenige Sekunden später kommen die Beamten die Treppe herauf. Ein Polizist ruft „Polizei“ und tritt etwa eine Sekunde später gegen die geschlossene Tür. Zumindest die im Video erkennbaren Tritte bleiben erfolglos.
Ein zweiter Beamter kommt mit einem etwa 60 Zentimeter langen Metall-Rammbock die Treppe herauf. Auch er setzt das Werkzeug bereits etwa eine Sekunde nach seinem Herantreten gegen eine zweite, gegenüber liegende Tür ein, aus der das Video gefilmt wurde. Nach dem dritten Schlag beginnt diese Tür aufzuschwingen. Anschließend betreten drei Beamte das Appartement und öffnen unverschlossene Türen. Andere Personen oder körperliche Durchsuchungen sind in dem Ausschnitt nicht zu sehen.
Ein Versuch, die Eingangstüren zunächst durch Klopfen, längeres Ansprechen oder eine Aufforderung zu öffnen, ist in der Aufnahme nicht zu erkennen. Ob es vor Beginn des Videos andere Versuche gab, lässt sich also nicht beurteilen.
Herrmann: Vorgehen war verhältnismäßig
Innenminister Joachim Herrmann erklärte Doña Carmen am 10. August, dem Polizeieinsatz hätten umfangreiche Ermittlungen wegen des Verdachts des Drogenhandels zugrunde gelegen. Gerade bei Betäubungsmitteldelikten bestehe die Gefahr, dass Beweismittel schnell vernichtet oder beiseitegeschafft würden. Ein schnelles und schlagartiges Vorgehen unter Nutzung des Überraschungsmoments sei deshalb erforderlich gewesen.
Nach den ihm vorliegenden Erkenntnissen seien die Maßnahmen verhältnismäßig, geeignet und erforderlich gewesen. Den konkreten Vorwurf eines Fehlverhaltens der Beamten leitete Herrmann zur Prüfung an die zuständige Stelle beim Polizeipräsidium Schwaben Nord weiter. Ein Ergebnis liegt bislang nicht vor.
Doña Carmen: „Verharmlosung von Polizeigewalt“
Doña Carmen hält Herrmanns Antwort für eine Verharmlosung des Vorgehens. Entscheidend sei nicht nur, ob die Polizei wegen eines Drogendelikts ermitteln durfte, sondern wie sie die Durchsuchung durchgeführt habe. Das Video zeige aus Sicht des Vereins ein unnötig martialisches und einschüchterndes Vorgehen.
Der Verein kritisiert zudem, dass Herrmann in seinem Antwortschreiben nicht konkret auf die im Video dokumentierte Türöffnung eingeht. Auch sei weiterhin unklar, welche Beweismittel tatsächlich im Bordell sichergestellt wurden und ob gegenüber den dort angetroffenen Frauen körperliche Durchsuchungen vorgenommen wurden.
Die offene Frage
Unstrittig ist, dass die Polizei wegen eines strafrechtlichen Verdachts und auf Grundlage richterlicher Durchsuchungsbeschlüsse tätig wurde. Umstritten ist dagegen die Verhältnismäßigkeit der Durchführung.
Das Video dokumentiert einen sehr schnellen Einsatz von Tritten und Rammbock. Ob dieses Vorgehen unter den konkreten Umständen erforderlich war, lässt sich aus dem kurzen Ausschnitt allein nicht abschließend beurteilen. Weitere Erkenntnisse muss jetzt die von Herrmann angekündigte Prüfung des Beamtenverhaltens liefern.
Mehr Info: Das Video bei donacarmen.de