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Donnerstag, 21.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

lab30 – demnächst auf Spendenbasis?

Augsburger Elektronik-Art-Festival soll auch 2013 stattfinden

Von Frank Heindl



An Engagement hat es „lab30“, dem Augsburger Festival für elektronische Kunst, nie gefehlt, an Geld schon immer. Beide Zustände haben sich 2012 drastisch verschärft – und werden 2013 geradezu eskalieren. Denn fürs nächste Jahr ist, als Folge von Peter Grabs „Biennalekonzept“, gar kein Geld mehr da – dafür aber geballtes Engagement der „lab30“-Fans: Ein Freundeskreis hat sich gegründet, der das Festival 2013 auch ohne städtische Mittel über die Runden bringen möchte. Am vergangenen Mittwoch gab’s mit einer Preview auf das 2012er lab die erste Veranstaltung dieses Fanclubs.

Neben den Großfestivals des Genres in Linz und Berlin kann „lab30“ in der Tat „im Vergleich mit den kulturellen Zentren der Republik bestehen“, wie der Aufruf des Freundeskreises betont. Zudem ist es das einzige Augsburger Festival, das sich ausschließlich zeitgenössischer Kunst widmet – und damit Fans der Electronic Art von weit her anlockt. Trotzdem ist das „lab“ natürlich eine Spartenveranstaltung geblieben. Wer nie dort war, findet nicht von alleine hin – wer allerdings die drei Tage voller sympathisch-skurriler Spinnereien einmal erlebt hat, der mag’s nie mehr missen. „Subversiv, erfrischend, überraschend“ nennt Elke Seidel vom städtischen Kulturamt die Veranstaltung und schiebt später vorsichtshalber nach: „Eine kleine Stadtintervention, subversiv, aber total legal“.

Spaß und Ernst halten sich stets die Waage

Und das trifft den Sachverhalt ganz gut: Die größtenteils jungen bis sehr jungen Künstler des Genres werfen meist einen beeindruckend frischen und trotzdem tiefen, neuartigen und enthüllenden, durchaus subversiven Blick auf Welt und Gegenwart. Neben technisch extrem versponnenen Gimmicks (auch die sind Kunstwerke, und wie!) bot das Festival in den vergangenen Jahren stets auch erhellende Einblicke ins Sein, ins Leben, in die Kunst – und natürlich immer einige Versuche, die elektronische Zukunft mittels komplizierter (aber manchmal auch überraschend einfacher) elektronischer Installationen zu antizipieren. Deutlichster Unterschied des „lab“ zu traditionellen Kunstveranstaltungen: Spaß und Ernst hielten sich bestens die Waage – vielleicht sogar mit einem gewissen Vorteil für Ersteren.

Der Spaß hörte mit dem „Biennalekonzept“ zunächst mal abrupt auf. Peter Grabs Notlösung für die Augsburger Festivals: Sie sollen nur noch alle zwei Jahre stattfinden, kriegen dafür alle zwei Jahre jeweils mehr Geld. Wenn die Veranstalter wollen, dürfen sie auch weiterhin jährlich – müssen dann allerdings ihren Zwei-Jahres-Etat splitten. Das gefällt, verständlicherweise, weder den Festival-Kuratoren und -Veranstaltern noch den eingefleischten Fans. Weshalb letztere nun fürs „lab“ die Werbetrommeln rühren und die Spendenbüchse schwingen. Das Engagement der Stadtgesellschaft wird gefordert, Gerald Fiebig, Sprecher des als Verein demnächst zu gründenden Freundeskreises, hofft optimistisch auf mindestens 200 Spenden à 50 € – das ergäbe 10.000 Euro und würde 2013 ein kleines „lab30“ möglich machen. Genau: so billig ist das Festival. Die Künstler sind es nämlich gewohnt, für weniger als die Selbstkosten anzureisen – und sollen in Zukunft noch mehr privat untergebracht und verköstigt werden. Fiebig verspricht den Herbergs-Spendern spannende Tage mit internationalen Gästen – die Künstler kommen bis aus Frankreich, England, Litauen und anderen Ländern.

Absurd realistische Handy-Roboter-Oper

Am 25. Oktober startet das nächste lab – um Appetit darauf zu machen und die Spendenbereitschaft anzuheizen, gab’s am Mittwoch im Jungen Theater eine Preview, den „Opernball zu lab30“, wie Elke Seidel das nannte. Angereist war Künstler Karl Heinz Jeron mit seiner Roboteroper „Hermes“. Und es gab, lab-typisch, eine wunderbar lustige Inszenierung, die sich lustvoll mit Lust und Frust gegenwärtiger technischer Entwicklung auseinandersetzte. Jeron hat sich beim ICE-Fahren jahrelang – wie so viele – über laute Handygespräche mehr gewundert als geärgert. Der Ärger ist verflogen, „mittlerweile freute ich mich, wenn jemand quatscht – das gibt Material.“ Denn Jeron schreibt jetzt mit und füttert seine Roboter mit den merkwürdigen Gesprächsfetzen, die er seinen Mitreisenden abgelauscht hat. Das Wundern allerdings ist geblieben: „Ich habe bestimmte Themenbereiche identifiziert, und es ist unglaublich, was da verhandelt wird: Geheimnisverrat, Betrug, Sex – und immer alles öffentlich.“

Auf Jerons Bühne: Zwei Tupperdosen auf Drahtgestellen mit Rädern unten dran und von vielen Tapes zusammengehalten. Die beiden Roboter bewegen sich gewollt ruckartig und ungelenk: Unsynchrone Bewegungen, hat Jeron herausgefunden, werden von Beobachtern als spontan und individuell aufgefasst – der Roboter wird als lebendiges Wesen interpretiert und ob seiner relativen Hiflosigkeit bemitleidet. An einer Schnur über der Bühne zappeln vier weitere, kleinere Wesen, sie stellen den „Chor“ dar. Der singt laut Jeron „so die absurden Sachen: Ich bin hier, wo bist du?“ Den alltäglichen Handy-Schwachsinn eben. Doch unten geht’s zur Sache: „Du weißt, dass es mich verletzt“, singt einer, der andere meint, er habe „sowas schon des Öfteren gesehen. Im Fernsehen kommt sowas auch.“ Es sind absurd-realistische Halb-Konversationen auf eher niedrigem Niveau, Therapiesitzungen per UMTS, Gemeinheiten schnurlos: „Tut so viel Naivität eigentlich weh?“

Nach der Preview Appetit auf mehr

Und weil es dabei trotzdem, nicht anders als bei Mozart, Verdi & Co., um die großen und kleinen Dramen des Lebens geht, ist die Oper genau das richtige Genre dafür. Jeron hat sich Versatzstücke komponieren lassen, die er zu Dialogen zusammensetzt. Die Roboter geben dann nicht etwa Samples von sich, sondern synthetische Sprache: Sie singen sozusagen wenn nicht vom Blatt, so doch aus dem Datenspeicher. Und mit etwas Konzentration kann man das gelegentlich sogar ohne Textblatt verstehen – ganz wie im Theater.

Die Preview hatte den gewünschten Erfolg: Nach zwei Vorstellungen vor vollen Rängen war der Appetit auf mehr geweckt. Und die Spendenbereitschaft des Publikums hat zumindest diesen Abend möglich gemacht – per Eintrittspreis und Getränkeverkauf. Elke Seidel am Tag danach: „Der Abend war kostendeckend.“ Wenig Zeit bleibt allerdings für die Deckung der Kosten des erhofften lab 2013: Um planen zu können, muss das nötige Spendenaufkommen bis zum Frühjahr gesichert sein. Kontakt zum Freundeskreis gibt’s bei Gerald Fiebig unter Telefon 0175/5336919.

Spendenkonto und weitere Info:

» Aufruf des Freundeskreises (pdf, 11 kB).