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Samstag, 18.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kommentar: Bundestrainer Löw: eigenschaftslos, freundlich, unbestimmt

Kommentar zu Jogi Löws Rückzug: Warum nicht vor der Europameisterschaft?

Kommentar von Siegfried Zagler

Grafik: Screenshot mit freundlicher Genehmigung des DFB © DFB

Nicht die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, sei von Bedeutung, sondern die Frage, ob es ein Leben vor dem Tod gibt. Dies lässt Alfred Döblin seine furiose Romanfigur Franz Biberkopf sagen, der durch das Berlin der 20er Jahre wandert, ohne einen Weg zu finden, da es diesen für ihn (im bürgerlichen Sinn) nie gab. Ähnliches lässt sich über Jogi Löw sagen, der sich vor seinem “Amt” als DFB-Trainer selten länger als eine Saison als Cheftrainer bei diversen Klubs halten konnte und von Provinzverein zu Provinzverein tingelte – bis ihn Zufallsnationalmannschaftstrainer Jürgen Klinsmann als Co. zur DFB-Equipe lotste.

Löws aktueller Vertrag hätte eine Laufzeit bis 2022. Von 2006 bis heute gewann Löw einen WM-Titel (2014). Bei der kommenden EM im Sommer, die wegen der Coronakrise nicht stattfinden sollte, ginge Deutschland mit jedem anderen Trainer als haushoher Favorit ins Rennen. Die Frage, frei nach Döblin, lautet also: Warum stirbt Löw als Bundestrainer erst nach und nicht vor der Europameisterschaft? Nicht die einzige Frage, die unbeantwortet im Raum steht.

Dem Deutschen Fußballbund saßen/sitzen seit Gründung 13 Präsidenten vor. Der aktuelle Präsident ist die Nummer 13 und heißt Fritz Keller. Bundestrainer Jogi Löw überlebte fünf (!): Affärenprofi Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger, die zeitweise als Doppelspitze agierten. Dann stand Zwanziger in der Kritik, weil er bei der Schiedsrichteraffäre eine unglückliche Figur abgab. Darauf folgte Wolfgang Niersbach, der nach dreieinhalb Jahren zurücktreten musste – wegen der steuerrechtlichen Vorwürfe bezüglich der WM 2006.

Es folgte Reinhard Grindel, der in jeder Hinsicht überfordert schien, und in die Schusslinie geriet, weil er bei der Erdogan-Affäre der beiden türkischstämmigen Nationalspieler Gündogan und Özil eine unglückliche Figur abgab und zudem ohne Not Löws Vertrag vor der WM 2018 bis 2022 verlängerte. Zurücktreten musste der bereits schwer angeschlagene Grindel, als bekannt wurde, dass er von einem ukrainischen Oligarchen eine Luxusuhr als Geschenk angenommen hatte.

Alle skandalumwitterten DFB-Präsidenten legten einen Schwur auf Löw ab, der mit dem DFB-Schlachtschiff Nationalmannschaft und einem ausgeprägten Blendwerk-Partner gut von der dauerhaften Strukturkrise und Führungslosigkeit des DFB abzulenken verstand. Da die DFB-Auswahlmannschaften seit 2008 auf zwei Generationen erstklassige Fußballprofis zurückgreifen konnten und können, funktionierte das Sonnyboy-Tandem Bierhoff/Löw wie geschmiert. Der Titelgewinn 2014 legte über viele Unerträglichkeiten einen goldenen Schleier.

So nahm man achselzuckend zur Kenntnis, dass Löw nur selten die passende Aufstellung fand, in Sachen Fußball kaum etwas Bemerkenswertes sagte, weder in einer Fremdsprache noch in der deutschen Sprache zu Hause ist. Wir gewöhnten uns an seine Kunstsprache “Badenshoch”, störten uns nicht am Fingernägelkauen, Nasenbohren, Hodenkratzen, an seine getönten zum Pony gescheitelten Haare. Und dennoch blieb stets die Frage im Raum: Warum nur wurde Löw von der deutschen Sportpresse so nachsichtig behandelt?

Das Geheimnis eines der größten Fußballphänomene der jüngeren Sportgeschichte ist nicht schwer zu enträtseln: Joachim Löw war und ist die smartere Entsprechung von Schön/Derwall/Ribbeck: eigenschaftslos, freundlich, unbestimmt. Stets so schwätzend, als würde er eine Thekenmannschaft trainieren. Jogi Löw hat als Projektionsfigur für Millionen Bundestrainer hervorragend funktioniert. Jeder konnte Jogi sein, könnte besser als Jogi sein, wenn man ihn nur ließe.

Desolat und fahrig, taktisch unbeleckt, emotional untersteuert und völlig leidenschaftlos waren viele Auftritte der Nationalmannschaft, die mit dem 0:6 gegen Spanien einen Tiefpunkt erreicht hat. Die Kritik an diesem Auftritt entwickelte endlich Schwerkraft, die selbst den heiligen Weltmeister-Löw ins Tal der Sterblichen zog.

93,78 Prozent von 179.337 Kicker-Lesern beanworteten die Frage mit NEIN, ob Löw noch der richtige Bundestrainer sei. Der Bundestrainer, der die deutsche Nationalmannschaft zu einer B-Truppe verkommen ließ, schien selbst von einem Nichtentscheider-Präsidenten wie Fritz Keller nicht mehr vermittelbar zu sein.

Wenn in einer Nationalmannschaft nicht die besten Kicker einer Nation spielen, dann ist das “Konzept Nationalmannschaft” ad absurdum geführt. Genau das ist von Löw initiert worden: Er hat, um seinen Kopf zu retten, nach dem WM-Desaster 2018 den Unsinn eines “Umbruchs” erfunden. Löws ureigenes “Konzept” wendet sich nun gegen ihn selbst: Er ist von jedem ersetzbar.