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Donnerstag, 10.11.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Meinung

Kommentar: Der lange Schatten der Theatersanierung

Wie schlägt sich eigentlich Eva Weber so? Könnte sie 2026 in Schwierigkeiten kommen? Diese Fragen sind tatsächlich öfters zu hören – und die Antwort fällt einfach aus: Augsburgs Oberbürgermeisterin inszeniert sich selbst mit der Kraft der Bilder und steht dabei auf einem Berg von Problemen, während ihr Blick optimistisch in die Ferne schweift. Bei der nächsten Kommunalwahl stehen ihre Chancen gut, falls sie sich nicht selbst schlagen sollte. Dass sie das kann, hat sie zuletzt überzeugend dargelegt.

Kommentar von Siegfried Zagler

Eine Sanierung, die Vieles blockiert und lange Schatten in die Stadt wirft – Foto: DAZ

Als am 11. März 2011 160 Kilometer vor der Ostküste Japans zwei Minuten lang die Erde bebte, und kurze Zeit später apokalyptische Bilder weltweit über die TV-Geräte flimmerten, hatte das unmittelbare Folgen für die deutsche Energiepolitik.

Die kaum ertragbaren Bilder des ertrunkenen dreijährigen Aylan Kurdi veränderten die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Das Video von der Tötung von George Floyd, der grausam durch Polizeigewalt hingerichtet wurde, führte nachweisbar zur Abwahl von Donald Trump. Und das auf allen Kanälen gezeigte Verhalten Armin Laschets, der, während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Opfern der Flutkatastrophe sein Beileid aussprach, im Hintergrund stand und lachte, löste einen politischen Erdrutsch aus, wie es ihn in der Bundesrepublik noch nie gab.

Nicht die blitzgescheiten Analysen, der Washington Post oder der New York Times brachten den irren Präsidenten der USA zu Fall, sondern ein wackliges Video einer Passantin. Nicht die klugen Kommentare und Meinungsartikel der Süddeutschen oder des Spiegels sorgten für den Niedergang der Union, sondern ein paar unbedachte Sekunden ihres Kanzlerkandidaten.

Über die politische Kraft der Bilder ist viel geschrieben worden, sind viele Seminare gehalten und Doktorarbeiten verfasst worden. Weshalb es kaum verwundert, dass die Bedeutungshoheit des Bildes in der Politik mit hohem Aufwand von den Regierenden als Darstellungsinstrument ihrer Macht verwendet wird. Bilder sind unmittelbar zu verstehen. Die Botschaft eines Bildes verstärkt und erhöht die Wirklichkeit eines Moments. Man denke nur an Willy Brandts Kniefall von Warschau. Bilder sind unbestechlich und transportieren kaum verhandelbare Information, wenn es den Augenblick der Wahrheit tatsächlich gab.

Konstruierte Bilder entlarven ihre Konstrukteure als politische Poser

Sind Bilder aber konstruiert, entlarven diese Bilder ihre Konstrukteure als Poser, die die fotografische Reduktion des Komplexen für eine Werbebotschaft verwenden. Als sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem weißen Pferd abbilden ließ, setzte er im ästhetischen Sinn den Geist Napoleons in Szene und lieferte dabei eine nicht nur narzisstische Botschaft mit, sondern offenbarte auch seine koloniale Weltsicht, die er Jahre später mit dem Angriff auf die Ukraine in Realität verwandelte. Fotografien können die Welt bewegen und düstere Vorboten sein.

Als Eva Karoline Zeller als Tochter des bekannten CSU-Politikers Alfons Zeller 1996 aus dem beschaulichen Allgäu zum Studieren nach Augsburg zog, war sie 19 Jahre alt und von der großen Freiheit in der großen Stadt Augsburg so begeistert, dass sie das Lernen vernachlässigte, durch Prüfungen flog und ihr Jurastudium in Bayreuth fortsetzen musste – und beenden konnte. Dort lernte sie ihren späteren Mann Florian Weber kennen, dessen Nachnamen sie seit 2004 trägt. Eva Weber arbeitete als Juristin seit 2008 bei der Stadt Augsburg, bis sie nach der Erkrankung des damaligen Wirtschaftsreferenten Bubmann von OB Kurt Gribl dem Stadtrat als Wirtschaftsreferentin vorgeschlagen wurde. Nach der Kommunalwahl 2014 wurde sie zusätzlich vom Stadtrat zur Bürgermeisterin und zur Finanzreferentin gewählt.

Erzählt wird diese Geschichte von Eva Weber selbst, und zwar auf einer Website, die sie zum Wahlkampf 2020 ins Netz stellte. Eva Weber beginnt ihre biografische Fotoerzählung mit Bildern aus ihrer Kindheit. Sie zeigt ihren Werdegang von der Wiege bei einem kleinen Weiler im Allgäu bis zur OB-Kandidatin der CSU. Es handelt sich um eine Art Familienalbum, das seinen Betrachtern die intime Botschaft der selbst reflektierten Biografie vermittelt: „Seht her, so bin ich! Und es ist mein Schicksal, dass ich Oberbürgermeisterin von Augsburg werde.“

Dass diese Form der Selbstdarstellung eine starke narzisstische Note hat, muss nicht erwähnt werden. Doch was wird im Wahlkampf nicht alles verbrochen? Stärker fällt ins Gewicht, dass Eva Weber ihre fotografische Selbstvergewisserung auch nach fast zweieinhalb Jahren im Amt fortsetzt, als müsste sie für die Bürger der Stadt Bilder inszenieren, die einen emotionaleren Informationswert haben als städtische Pressemitteilungen. Zuletzt setzte sie ein Foto ins Netz, das sie vor einem Heizkörper zeigt – in der Hocke mit ernstem Gesicht und der Hand am Regler.

Blumenschmuck zum Turamichele: Dieses Jahr zu unsicher

Dass Eva Weber trotz ihres jungen Politikeralters reichlich Verwaltungserfahrung mit in das OB-Amt brachte, sollte nicht vergessen werden. Weber bringt also Berufserfahrung mit, die sie zu nutzen versteht, wenn sie den Stadtrat leitet, oder die nicht ganz einfache Koalition zwischen CSU und den Grünen moderiert, oder in die CSU-Fraktion hineinwirkt, die derzeit noch Wachs in ihren Händen ist – ganz anders als das in Kurt Gribls erster OB-Periode der Fall war.

Umso überraschender ist es, dass Augsburgs Oberbürgermeisterin in komplexen wie einfachen Situationen all zu oft das falsche Pferd sattelt und nicht die richtige Sprache findet. So geschehen, als sie im tiefen Coronawinter 2021 den Weihnachtsmarkt stattfinden lassen wollte, und dabei zwar inhaltlich (also hygienetechnisch) nicht falsch lag, aber in der politischen Gesamtsituation auf verlorenem Posten stand und vom CSU-Ministerpräsidenten Söder gerüffelt und zurückgepfiffen wurde. – Die Ikonografie dazu lieferte die Augsburger Allgemeine, deren Fotograf wie durch ein Wunder anwesend war, als Eva Weber den enttäuschten Marktleuten in kleiner Runde die nichtfrohe Botschaft erklärte.

Kaum im Amt gab sich Eva Weber sicher, dass das Klimacamp sich unrechtmäßig als Dauerprotest-Plage neben dem Rathaus platziert hatte und erließ einen Räumungsbescheid, der auf zwei Ebenen der Verwaltungsgerichtsbarkeit geschreddert wurde. Das Versammlungsrecht war plötzlich aus Webers Sicht zum komplexesten Recht geworden, das es geben würde. Und noch etwas später, als sich das Klimacamp längst als politischer Faktor etabliert hatte, wurde seitens der Stadt argumentiert, man hätte diese Form der Versammlungsfreiheit juristisch überprüfen lassen müssen, um Rechtssicherheit herzustellen, falls es ähnliche Protestformen von rechts geben sollte.

Eva Webers erzählt von der Banalität der Macht

Ein unglaublicher Zufall wiederum, dass der Bildreporter der Augsburger Allgemeinen anwesend war, als Weber den Klimacampern die Nachricht der Räumungsabsicht überbrachte. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil so der Eindruck entsteht, dass die Augsburger Allgemeine auf Bestellung des OB-Referats die erwünschten Bilder liefert, und somit die freie Presse mit der Oberbürgermeisterin eine Komplizenschaft bildet, wenn es um ihre Selbstinszenierung geht. In ihrem Willen, sich selbst und das OB-Amt fotografisch in Szene zu setzen, hat Eva Weber eine Fotostrecke erschaffen, die von der „Banalität der Macht“ erzählt.

Dass die konstruierten Weber-Bilder von der Selfie-Generation bisher akzeptiert und von einer zirka 100-köpfigen Fanblase goutiert werden, ist nicht überraschend.

Diffuser wird ihre Außenwahrnehmung, wenn sie sich ins politische Geschehen sprechend einmischt. Als sie gegenüber Frederik Hintermayer im Stadtrat ausfällig wurde, hatte sie das Pech, dass die feinen Mikrofone ihren leisen sprachlichen Gran hörbar machten. Als Baureferent Gerd Merkle mit seiner spektakulären Überstundenforderung für Negativschlagzeilen sorgte, überraschte Weber nicht durch Krisenmanagement, sondern durch Angriff mittels einer kryptischen Pressemitteilung, in der sie die Veröffentlichung dieser irrwitzigen Forderung als „Schlag ins Gesicht“ von 6500 städtischen Mitarbeitern bezeichnete, ohne dies näher zu erklären.

Als nicht unproblematisch darf man auch das kommunikative Verhalten von Eva Weber bezüglich den jahrelangen Exzessen in der Maxstraße bezeichnen, die sie erst als Exzesse begriff, als es Gewalt gegen die Polizei gab – erst danach nahm sie eine kritische Distanz zur niveaufreien Ballermann-Meile der Stadt ein. Schwer zu nehmen ist auch Eva Webers Kommunikation in Sachen Sportkind, als sie gegen zwei Beschlüsse des Bauausschusses vorging, indem sie auf Instagram einen Quasi-OB-Leserbrief schrieb und auf populistische Art in die politische Stadt hinein kommunizierte, wie man es in demokratisch organisierten Verwaltungen nicht kennt.

Wie in einer Bananenrepublik

„Wie in einer Bananenrepublik“, polterte die Rathausopposition. Um mögliche Missverständnisse zu vermeiden: Eva Weber ist der Fall Sportkind nicht inhaltlich anzukreiden, da man ihre Positionierung (auch seitens der DAZ) durchaus teilen kann. Es ging (und geht) aber nicht nur inhaltlich um eine Positionierung zu einer historisch-optischen Gesamtgestaltung der Innenstadt, sondern auch um einen politischen Fall, der tief blicken lässt.

Webers OB-Kommunikation via soziale Medien, nachdem sich die Leserbriefspalten der AZ pro Sportkind überschlugen, ließ nur zwei Schlüsse zu: Entweder sie hat den Fall Sportkind verschlafen und wollte sich spät noch mit aller Macht einklinken oder sie konnte sich bei der Entscheidungsfindung gegen Baureferent Gerd Merkle nicht durchsetzen und warf nach einer Serie von internen Niederlagen quasi ihr Amt risikoreich „all in“ auf den Spieltisch.

Weder die Grünen, noch die CSU wollten mitgehen und lenkten ein. Eva Weber hat in der Sache zumindest Zeit gewonnen. Die Augsburger Bürgerschaft und die sich permanent durch die Augsburger Verwaltung gegängelt fühlenden Geschäfteinhaber wurden durch das OB-Veto beruhigt. Es ist jedoch kein Zeichen einer starken OB, wenn die Verwaltung ihrer Chefin nicht folgt und es ist zugleich ein Zeichen von Schwäche, dass eine Oberbürgermeisterin dergestalt hoch pokert, wenn intern nicht auf sie gehört wurde.

Aktuell verliert Eva Weber Sympathien bei konservativen Wählern in Sachen Verkehrspolitik und Innenstadtgestaltung. Richtig gefährlich würde es für sie erst werden, hätten die Augsburger Grünen besseres Personal in ihren Reihen, das es verstünde, Webers ohnehin schwierigen parteipolitischen Spagat so weit zu dehnen, dass sie daran scheitert. Doch damit ist so lange nicht zu rechnen, solange die schwachen Grünen Referenten Wild, Erben und Enninger im Amt sind und sich mit Eva Weber als Oberbürgermeisterin ihre Pfründe sichern.

Weber kann sich nur selbst schlagen

Trostlose Verzierung beim Turamichele: Die Macht der Bilder schlägt zurück — Fotos: DAZ-Archiv

Eva Weber kann sich also nur selbst schlagen. Dass sie dafür ein Faible hat, hat sie in Sachen Turamichele-Schmuck sorgfältig dargelegt. Für die Augsburger ist das Turamichele ein seit vielen Jahrhunderten einzigartiges Fest, das in seiner obszönen Primitivität zwar aus der Welt gefallen scheint, aber einen Rest Augsburger DNA birgt: Die Stiche des Turamicheles, des Beschützer Augsburgs, sollten der Obrigkeit des bayerischen Königreichs gelten, das sich die freie Reichsstadt Augsburg einverleibt hatte. Begleitet von der Dult und dem Marktsonntag wird seit vielen Jahren mit einem hohen Marketingaufwand das Stechen des Turamichele gefeiert – mit einem gelbroten Plastikblumenschmuck um die bizarre Bühne herum. So grob das Stechen auf der Bühne, so hässlich der Blumenschmuck auch sein mag. Das Fehlen des Schmucks wurde bemerkt und hart kritisiert. Seitens der Verwaltung wurde der Fauxpas mit Sicherheitsbedenken begründet. Offenbar suchte das Grünamt nach einem statischen Gutachten, das es natürlich nicht gab, weshalb aus Sicherheitsgründen auf das Plastikgebinde verzichtet worden sein soll.

Dass diese Geschichte tatsächlich in die Welt gesetzt wurde, nachdem man viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte das Blumengebinde einfach an die Turmwand gehängt hatte, ist pittoresk und so bizarr wie der Turamichele-Brauch selbst. Eva Weber unterstrich Ende September auf der Stadtratspressekonferenz diese Erzählung. Im Zusammenhang mit dem Baumunglück sei die Verwaltung sehr vorsichtig geworden, so Eva Weber.

Das tragische Baumunglück geschah im Juli 2021! Viel mehr wäre dazu nicht zu sagen. Dass OB Weber einen schlichten Fauxpas ihrer Verwaltung damit in Verbindung bringt, ist keine akzeptable Erklärung, sondern eine beschämende Ausrede.

Theatersanierung: Der Geruch der Dekadenz

„So viel Geld für so Vieles. Warum nicht für unsere Kinder?“ Mit diesem Plakattext demonstrierten Mütter während der Bauausschusssitzung, als es um die Schulsanierungen ging, die von der Stadt zu langsam vorangetrieben und schlecht kommuniziert werden.

Der fehlende Blumenschmuck, Bilder von demonstrierenden Müttern: Die Wirkungsmacht der Bilder kommt plötzlich von der anderen Seite und baut Druck auf, der auch deshalb entsteht, weil die Stadt in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Situation die Sanierung des Theaters fortführen will und dafür zirka sechs Millionen im Jahr ausgibt. Für den laufenden Theaterbetrieb presst die Stadt jährlich zirka 16,5 Millionen Euro aus dem Stadtsäckel. Diese Mittel – für den laufenden Theaterbetrieb wie für die Theatersanierung – sind freiwillige Leistungen. Im Gegensatz dazu zählt die Instandhaltung der Schulen zu den Pflichtaufgaben der Kommunen.

In Zeiten wie diesen erhält diese vom Stadtrat beschlossene Mittelverteilung einer ohnehin finanzschwachen Kommune den Geruch der Dekadenz. Eva Weber hat zusammen mit Kurt Gribl und Gerd Merkle die Theatersanierung politisch in der Hauptsache zu verantworten. Da auch Gerd Merkle bald in Ruhestand geht, wird es Eva Weber sein, die als politische Person 2026 für eine möglicherweise völlig aus dem Ruder laufende Theatersanierung die Zeche zahlen müsste, falls es der Opposition gelänge, diese Klaviatur richtig zu spielen.