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Mittwoch, 26.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Die Faszination der Plastination

Es ist Halbzeit in der Augsburger Körperweltenausstellung, die seit dem 6. Juni unter dem Motto „Eine Herzenssache“ in der Schwabenhalle gastiert.

Persönliche Eindrücke eines Ausstellungsbesuches von Maja Silvia Steiner

„Das Leben ist schön“, grüßt am Eingang eine Werbung für Radio Fantasy. Das kann man geschmacklos finden, doch diejenigen, die das gewiss täten, wenden ihre Schritte dieser Tage ohnehin nicht in die Schwabenhalle zu Augsburg, in der noch bis 13. September Gunter von Hagens‘ Körperwelten zu sehen sind.

Dass der Hype um die „Leichenshow“ vorbei ist, ist offenkundig, wenn man sich an einem gewöhnlichen Wochentag kurz vor Öffnung der Pforten einfindet. Man ist allein – fast allein. Drei, vier Pärchen versprengt auf dem Vorplatz, eine kleine Gruppe Schülerinnen steckt die Köpfe zusammen. Endlos lange Schlangen am Einlass, dichtes Gedränge um die Exponate – das war einmal. Ein Grund dafür ist wohl auch, dass nach Heidelberg und Berlin hier schon die dritte Ausstellung in Deutschland in diesem Jahr stattfindet. Dennoch ist das Interesse vorhanden. 65.000 Besucher sahen die Ausstellung in den ersten 7 Wochen. Die erwarteten 180.000 werden es wohl nicht mehr werden, aber ein Zuschauerschnitt von 1.300 am Tag ist respektabel zu nennen.

Die Kritik an den Körperwelten ist weitestgehend verstummt. Reflexartig verurteilen die Kirchen immer noch den Umgang mit den Toten, wobei es als Fortschritt gewertet werden kann, dass sich Teile ihrer Vertreter inzwischen ansehen, worüber sie richten. Darüber hinaus hat sich mehrheitlich die Haltung durchgesetzt, dass von Hagens – sieht man von seinem nicht eben sympathischen Hang zu Exzentrik und Provokation ab – einen wichtigen Beitrag zur anatomischen Aufklärung leistet. Ganz im Sinne von Rudolf Virchow, der einst das Medizinhistorische Museum der Charité in Berlin Mitte gründete, um dort „den wissenschaftlichen Fortschritt darzulegen und den Menschen die Scheu vor der Medizin zu nehmen“. Auch er zeigte schon, völlig unbeanstandet von jeglichen ethischen Bedenken, menschliche Feuchtpräparate – also in mit Formalin gefüllten Glasbehältern aufbewahrte Präparate aus der Anatomie, der Embryologie, der Missbildungslehre und der vergleichenden Anatomie – tote Menschen also.

plastiniertes Herz

plastiniertes Herz


Doch wenden wir uns der Ausstellung selbst zu. Sie ist dem Herzen und dem Kreislaufsystem gewidmet und so begrüßt ein kräftiger Pulsschlag die Besucher und begleitet sie auf ihrem Rundgang. 70 mal schlägt ein Herz in einer Minute, 75 ml Blut pumpt es dabei in den Körper, 7.500 Liter Blut an einem Tag durch 95.500 km Gefäßsystem: 200 Mio. Liter im Leben – drei Supertanker voll. Natürlich sind das keine Erkenntnisse, die man nicht auch jedem Biologiebuch entnehmen könnte. Doch das faustkleine plastinierte Herz vor Augen, das sich beim Eintreten dem Besucher präsentiert, schnürt es diesem das eigene doch zusammen, ob der ungeheuren Leistungsfähigkeit unseres Lebensmotors.

Eben das ist es, was die Plastinationstechnik und die mit ihr möglich gewordenen Ausstellungen leistet und was, wer sich aus zu akzeptierenden moralischen und ethischen Bedenken keinen eigenen Eindruck verschaffen möchte, niemals wird nachvollziehen können: Das desinteressierte Selbstverständnis, das man gemeinhin dem eigenen Körper entgegenbringt, der zur Verfügung steht und meist funktioniert wie er soll, wird durch die unmittelbaren Empfindungen, die die plastinierte Körperwirklichkeit im Gegensatz zu Büchern und Anatomiemodellen auslöst, in eine ungeheuere Faszination über das Wunder unseres körperlichen Seins transformiert. Warum auch sollte hier nicht gelten, was überall im Leben den Unterschied zwischen Reproduktion und dem Echten ausmacht?

Makaber anmutende Pose: der Torhüter

Makaber anmutende Pose: der Torhüter


Noch eindringlicher wird die „Empathie“ mit den eigenen Organen bei den ausgestellten Lungen: Gegenübergestellt werden die normale, durch Verunreinigungen der Luft auch ausreichend belastete und eine Raucherlunge, bei der man sich beklommen fragt, wie mit so einem Organ Atmen überhaupt noch möglich sein kann. Raucher mag man in diesem Moment nicht sein. Ebenso die ausgestellten Embryos: Wer in Fragen der Abtreibung eine liberale Einstellung hat und diese behalten mag, sollte um die Föten in verschiedenem Entwicklungsstadium einen Bogen schlagen – er könnte sonst zum letzten Mal in seinem Leben für eine Fristenlösung plädiert haben. Nicht zu Unrecht umstritten sind einige der Ganzkörperplastinate, die in manch makaber anmutende Posen gebracht sind. Teilweise zeigen sie sehr anschaulich das Gefüge im Körperinneren, nicht immer aber erschließt sich dem Betrachter der Sinn des Arrangements.

Der Organpräsentator

Der Organpräsentator


Wenn Besucher den expandierten Schädel betrachtend schlussfolgern, wie winzig im Verhältnis zum Kopf doch das menschliche Gehirn sei, dann hat die Didaktik wohl versagt. Durch Spektakuläres auf Wissenswertes aufmerksam zu machen, diese Museumsphilosophie herrscht heute überall vor. Man wird die sensationsheischenden Objekte unter diesem Gesichtpunkt wohl weiter hinnehmen müssen – und hofft, dass Herr von Hagens sich die Geschmacklosigkeit einer evtl. gar mittels Knopfdruck zu bewegenden Leiche versagen mag.

Der Rundgang durch die Augsburger Ausstellung ist faszinierend intensiv und informativ. In besonderem Maße beeindruckend auch die Gefäßgestalten, die eine Vorstellung des Mikrokosmos unseres Durchblutungssystems ermöglichen sowie die Scheibenplastinate, die wie eine besondere Form von Kernspintomographie Einblicke in den Körperquerschnitt eröffnen. „Hätten die alten Ägypter die Plastination schon erfunden gehabt, hätten wir heute weder Diskussionen noch Verbotsforderungen hinsichtlich dieser herausragenden Anatomiedarstellungen“, philosophierte ein Ausstellungsbesucher vor der Figur des „Denkers“ stehend. Damit traf er den Nagel ziemlich gut. Von Hagens‘ geniale Erfindung wird irgendwann so selbstverständlich sein wie eine Mumie in einem ägyptischen Museum – nur lehrreicher. Fazit: Sehenswert.