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Dienstag, 30.06.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Corona als Diskursbremse?

Welche Rolle kommt der Kultur in Post-Corona-Zeiten zu? Diese Frage stand am Mittwochabend im Fokus des art3kultursalons im Ofenhaus des Augsburger Gaswerks.

Thomas Girst und Kathrin Mädler Bildquelle :a3kultur

Mit einer Kostprobe aus dem 2019 erschienenen Buch »Alle Zeit der Welt« von Prof. Dr. Thomas Girst gab es am Eröffnungsabend des art3kultursalons einen inspirierenden Auftakt: »Wo und warum offenbart sich das Schöne im Menschen, der ein Getriebener ist?«. Rund 40 Besucher*innen kamen zum Panel X des Vernetzungskongresses für Kultur/Wirtschaft/Politik, das die Rolle fokussierte, die Kultur in Post-Corona-Zeiten spielen kann und soll. Einigkeit herrschte am Ende der inhaltsreichen Diskussion, die Alfred Schmidt und Jürgen Kannler moderierten, darüber, dass Künstler*innen im Dialog mit der sie unterstützenden Wirtschaft weniger als »Bittsteller« denn als selbstbewusster »Partner« wahrgenommen werden sollten.

Auch der schwierige Begriff der Systemrelevanz war Thema. Wie Thomas Girst betonte, lasse sich dieser schlecht mit der in der Kultur postulierten Zweckfreiheit – oder wie Kathrin Mädler es formulierte, mit dem »Widerständigen« des Theaters – vereinbaren. Überzeugend vertrat Girst im Verlauf des Abends seine These, dass »die Kunst immer entsteht und existiert und sich auch ohne den Mammon den Weg bahnt«. Womöglich hilfreich für Kulturinstitutionen sei es, sich in »ihrem Tun einmal von außen zu betrachten«.

Mit Girst, der 2016 zum »European Cultural Manager« ernannt wurde und das globale Kulturengagement der BMW Group verantwortet, und Kathrin Mädler, seit 2016 Intendantin des Landestheaters Schwaben in Memmingen, war das Podium hochkarätig besetzt.

Mädler und ihr Theaterteam erlebten die erzwungene Passivität der Corona-Krise als extrem belastend und »destruktiv«, denn: »Theatermenschen sind per se Energiemaschinen«. Schnell entschied man sich in Memmingen für einen radikalen Schnitt und erstellte einen komplett neuen Spielplan, änderte die Abo-Struktur, um im Herbst mit dem Fokus auf Flexibilität einen konstruktiven Umgang mit den Pandemie-Beschränkungen zu ermöglichen. Dieser Schritt in die Offensive habe ins Haus hinein und nach außen Vertrauen gebildet und zu einer sehr erfreulichen Zuschauerresonanz mit großer Solidarität geführt. Gerne hätte sie die Zäsur noch intensiver genutzt, um über das Potenzial zukünftig wichtiger Theaterentwicklungen nachzudenken.

Gefährlich wäre es, wenn »Corona als Diskursbremse« fungiert und bislang offensiv auf die Bühne gestellte gesellschaftspolitische Themen blockiert werden. Um die Kultur und das Theater zu stärken, setzt Mädler auf eine »austauschende Strategie mit weiteren Kultureinrichtungen der Region«, nicht ohne den Blick auf das Prekäre der bisherigen Theaterstrukturen zu schärfen. Im Moment aber sind es eher »erhaltende Fragestellungen und die damit einhergehende Logistik«, mit der sie sich auseinandersetzen muss. (Renate Baumiller-Guggenberger/a3kultur)

Der Vernetzungskongress für Kultur/Wirtschaft/Politik fand am 24. und 25. Juni im Ofenhaus auf dem Augsburger Gaswerkgelände statt. Gestreamtes unter: www.art3kultursalon.de