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Dienstag, 26.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brechtburg oder Friedensstadt?

Brechtfestival: Mit dem Stück „Stadtratssitzung“ zeigte das s`ensemble Theater eine überzeugende Realsatire

Von Halrun Reinholz

Stadtratssitzungen sind zwar in der Regel öffentlich, aber nur selten verirrt sich der gemeine Bürger auf die ihm vorbehaltenen Zuschauerplätze. Anders beim s`ensemble Theater, hier findet eine „Stadtratssitzung“ vor ausverkauftem Haus statt und es scheint, als hätte Sebastian Seidel sich doch das eine oder andere Mal in den echten Sitzungssaal des Rathauses begeben, um die reale Augsburger Debattierkultur zu studieren. Die Idee ist nicht neu, schon 2012 gab es zum Brechtfestival eine „Stadtratssitzung“, da wurde sie sogar tatsächlich im Sitzungssaal des Stadtrates gespielt. Damals wurde um den Bau der zweiten Theaterspielstätte gerungen. Schnee von gestern, wie wir heute wissen, die „Brechtbühne“ steht da, ein Container, der auch bald wieder Vergangenheit sein soll. Geändert hat sich nämlich im Grunde nichts in Augsburg: „lauter Baustellen“, über die im Stadtrat beraten werden muss. Eine dieser ewigen Baustellen ist immer schon der Umgang der Stadt mit Bertolt Brecht, dem ungezogenen Sohn, an dem man aber in dieser Stadt doch nicht vorbeikommt.

Das Brechtfestival (auch so eine Baustelle) bietet nun alljährlich Gelegenheit, sich mit dem Augsburger Dichter zu befassen. Durchaus kontrovers, wie die „Stadtratssitzung“ zeigt. Denn der Antrag, über den abgestimmt werden soll, ist die Umbenennung der Stadt in „Brechtburg“. Während die eine Stadtratsfraktion sich vehement dagegen ausspricht, eine Person zu ehren, die sich politisch kompromittiert hat (wenn auch die literarischen Fähigkeiten durchaus anerkannt werden), spricht sich die andere selbstverständlich dafür aus, die Stadt nach ihrem weltweit  bekannten Sohn zu benennen. Kenner der Szene konnten natürlich die „echten“ Stadträte dabei erkennen. Doch nicht diese (in Augsburg sattsam bekannte) Auseinandersetzung macht den Reiz des Stückes aus und schon gar nicht ging es um einzelne Politiker. Die Auseinandersetzung um Brecht ist nur die Folie für die satirische Zuspitzung politischer Debatten, der Verhaltensmuster und verbalen Entgleisungen (inklusive der Rufe aus dem Zuschauerraum), die die Komödie zur Realsatire werden lassen. Auch typisch: Der Name „Friedensstadt“ geistert als Alternative für „Brechtburg“ durch die Sitzung (von einer „Zuschauerin“ hartnäckig vertreten), obwohl er nicht unter den zur Abstimmung stehenden vier(!) Optionen steht.

Höhepunkt der Stadtratssitzung ist der Auftritt der Theaterintendantin Juliane Votteler (Lea Sophie Salfeld parodierte ihre Chefin meisterhaft), die mit schlagenden Argumenten für die Umbenennung plädiert. Der „Oberbürgermeister“ hört der Debatte eher hilflos zu, seine „Referenten“ sind gesichtslose Masken, die bei der Abstimmung einvernehmlich die Hand heben. Nur der Berichterstatter schlüpft aus seiner vorgegebenen Neutralität und gibt persönliche Statements ab.

Das ist großes Kabarett  – im Stil von Gerhard Polt „fast wie im richtigen Leben“. Entschieden wurde  – wen wundert`s? – letztlich nichts. Ein vergnügliches Lehrstück in bester Brechtscher Tradition, das viel mehr Augsburger Bürger sehen sollten. Die beiden Vorstellungen zum Brechtfestival waren an der Grenze ihrer Kapazitäten. Es ist nämlich zu befürchten, dass der Besuch einer echten Stadtratssitzung weniger Spaß macht.