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Montag, 20.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

GESELLSCHAFT

Rückblick auf den 5. Augsburger Begabungstag

Als das Bildungsbündnis sich auf den Dreiklang von Ökologie, Verantwortung und Politik für den 5. Augsburger Begabungstag festlegte, da ahnte niemand, wie hochaktuell dieses Thema werden würde. 

Von Udo Legner

Grafik: Nontira Kigle

Es begann zu Beginn des Schuljahres 2018/2019. Niemand hatte damit gerechnet, aber es geschah und es geschieht immer noch: Eine Welle der Politisierung, die sich als Protest gegen das Versagen der Politik gegenüber dem Klimawandel verstand, schwappte von Schweden bis in die Schwabenmetropole und führte bei den dem Begabungstag vorhergehenden Fridays-for-Future-Demos zu einer Rekordbeteiligung: Bundesweit protestierten 1,3 Millionen und in Augsburg mehr als 6000 Menschen. In seiner Begrüßung spannte Bildungsreferent Hermann Köhler den Bogen zu dem Key-Note-Speaker des vorletzten Begabungstages im Jahr  2017. Damals hat Yaakov Hecht (DAZ berichtete) in seinem Vortrag betont, dass Bildung nur mit  Partizipation und demokratischen Schulen gelingen könne.

Partizipation und Engagement

Was vor zwei Jahren noch weitgehend Wunschdenken war, sei mittlerweile Wirklichkeit geworden. Schülerinnen und Schüler bestimmten nicht nur mit, sondern sie bestimmten fast im Alleingang, was bei den Fridays for Future Aktionen läuft. Die Vielfalt der Veranstaltungen dieses Bildungstages  mit Vorträgen, Workshops, Diskussionen und die vielen Stände, mit denen sich fast 40 Einrichtungen auf dem Marktplatz der Möglichkeiten präsentierten, zeige eindrucksvoll die Breite des Augsburger Bildungsspektrums und sei Beleg für das große Engagement schulischer wie außerschulischer Akteure, so Hermann Köhler.

Die Auswertung der Feedback-Bögen verdeutlichte die große Zufriedenheit der mehr als 250 Besucher mit dem bewährten Konzept des Begabungstags, das ein breites und generationenübergreifendes Publikum anspricht. Der Mix aus hochkarätigen Fachvorträgen (Bildung für nachhaltige Entwicklung durch den Greenpeace-Kampainer Thomas Hohn, WeQ Learning von Peter Spiegel zur Frage, wie die Wir-Qualität in unserer Gesellschaft breit verankert werden kann) und die Workshops mit Lehrer/innen und  Schüler/innen sowie der vielen ehrenamtlich Engagierten – sie alle machen den Erfolg dieser bereits traditionsreichen Bildungsveranstaltung im Augsburger Rathaus aus.

Frischer Wind im Bildungsbereich

Green Peace-Kampainer Thomas Hohn Foto: © Ramona Stonner

Green Peace-Kampainer Thomas Hohn Foto: © Ramona Stonner

Key-Note Speaker und Green Peace-Kampainer Thomas Hohn erläuterte die Kernpunkte einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) . Zukunft wird hierbei zu einem sinnstiftenden Moment für Bildungsprozesse, die eine neue Partizipations-und Kooperationskultur von Bildungseinrichtungen voraussetzt.

Lernen soll weitgehend selbstverantwortlich und lösungsorientiert erfolgen und es gehe nicht zuletzt darum, Alternativen zu den derzeit dominierenden Wirtschaftsmodellen, Lebensstilen und Denkweisen zu entwickeln. Im Idealfall befähige BNE die Menschen dazu, sich und die Gesellschaften, in denen sie leben, zu transformieren. Dass dies freilich kein Selbstläufer ist, verdeutlichte ein Blick auf das Greenpeace Nachhaltigkeitsbarometer. Zwar begegneten mittlerweile 71 Prozent der Schülerinnen und Schüler Nachhaltigkeit in der Schule, doch nur 30 Prozent haben Möglichkeiten kennengelernt. Gesellschaft zu verändern. Gerade mal 19 Prozent haben sich mit Zukunftsvisionen auseinandergesetzt und nur 15 Prozent nehmen an einem Austausch mit Menschen anderer Kulturen teil und begegneten anderen Denkweisen. Inzwischen gebe es zwar immer öfters Nachhaltigkeitsprojekte an Schulen  – von Müllsammeln bis zu Projekttagen und Podiumsdiskussionen – allzu oft seien diese aber nur punktuell und von kurzer Dauer und verpufften deshalb anstatt nachhaltig nachzuwirken.

Positive Gegenbeispiele hierzu bot der Marktplatz der Möglichkeiten, auf dem sich 40 Initiativen und Schülergruppen präsentierten, die sich schon lange um eine Bildung für nachhaltige Entwicklung bemühen, wie zum Beispiel der Stand des Holbein und Maria-Theresia Gymnasium. Die Schüler/innen stellten ihre auf zwei bzw. auf drei Jahre angelegten ERASMUS Projekte  „OWNING THE FUTURE“ und „A VISION SHARED – Promoting the UN Sustainable Development Goals in and beyond School“  vor und führten zudem eine Umfrage zu Fairem Handel durch, die gleichzeitig in den spanischen, englischen, französischen und italienischen Partnerschulen stattfand.

Partizipativ abgerundet wurde der Begabungstag durch den Auftritt der Musik Combo des Jakob-Fugger Gymnasiums und der Verköstigung durch die Holbein-Catering-Truppe.



Europäische Schulen im Corona-Fahrwasser

 „Das Gewaltigste unter der Sonne ist das Vorübergehende.“ Die Auslegung dieses Zitats von Botho Strauß erfährt durch die anhaltende Corona-Krise eine neue Variante, die selbst vor Ländergrenzen und Schultüren nicht Halt macht. Europaweit macht sie Länderregierungen und Schulleitungen gewaltig zu schaffen und stellt sie vor enorme Herausforderungen.

Von Udo Legner

Das auf drei Jahre angelegte Erasmus Projekt des städtischen Maria-Theresia-Gymnasiums zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen gibt einen fundierten Einblick in die Schul- und Unterrichtssituation bei unseren europäischen Nachbarn in Zeiten der Corona-Pandemie, der über eine Momentaufnahme hinausgeht.

Als sich die Teams der französischen (Lycée privé François d’Estaing in Rodez), englischen (Fowey River Academy, Cornwall), italienischen (Liceo Moajarana Laterza Putignano, Apulien) und spanischen (I.E.S. Aljada, Murcia) Partnerschulen zur Auftaktveranstaltung im November 2019 in Augsburg trafen, konnte niemand ahnen, welche Schwierigkeiten die Realisierung dieses von der EU geförderten Projekts bereiten würde. Unterbringung in Gastfamilien, Kooperationen mit außerschulischen Partnern,  Schulbesuche, Exkursionen oder gar der Schulterschluss mit der Friday for Future Bewegung bei einer Demo – im Rückblick klingt dies wie große Oper, an die nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie unmittelbar nach dem zweiten Projekt-Treffen in Putignano im Februar 2020 nur noch in nostalgischer Erinnerung zu schwelgen war.

Like A Bridge Over Troubled Water

Anstatt der geplanten Begegnungen – einer Fahrt zum Sitz der Europäischen Kommission nach Brüssel sowie eines Team-Treffens in Cornwall – zwang der ab Mitte März 2020 verhängte Lockdown zu einer Verlagerung sämtlicher Aktivitäten in den virtuellen Raum. Mit Zoom Konferenzen (u. a. beim Augsburger Begabungstag – die DAZ berichtete), digitalen Workshops (wie mit dem Lyrik Kabinett München) und weiteren Aktivitäten wurde und wird versucht, die eineinhalbjährige Corona-Karenzzeit zu überbrücken und das Thema Nachhaltigkeit so wie es der Projekttitel „A Vision Shared – Promoting the UN Development Goals in and beyond Schools“ suggeriert, in den europäischen Partnerschulen und Kommunen zu verankern. Dass dies wohl erst im folgenden Schuljahr realisiert werden kann, verdeutlicht die folgende Aufstellung, die auch Aufschluss darüber gibt, welche Herausforderungen die Schulen in Italien, England, Spanien und Frankreich zu bewältigen haben. 

Schwieriger Spagat in Apulien

Die italienische Partnerschule in Putignano hat nicht nur die Probleme zu meistern, die der Wechselunterricht (Italiens Regierung beschränkte die Teilnahme am Präsenzunterricht auf maximal 50 Prozent der Schülerschaft) mit sich bringt, sondern muss zudem mit den Vorgaben zurecht kommen, die für die Region Apulien gelten. Angesichts der hohen Infektionszahlen und der Überlastung der Krankenhäuser wurde den Familien der Schulbesuch freigestellt. Die Lehrkräfte sind angehalten, den Präsenzunterricht via Live-Stream aus den Klassenzimmer zu übertragen, was oftmals an digitale Kapazitätsgrenzen stößt. Problematisch ist zudem die Abnahme von Prüfungen, die gleichzeitig in der Schule und via Distanzunterricht abzulegen sind, da diese die Frage der Chancengerechtigkeit aufwerfen. 

Britische Partnerschule – trotz Brexit Europameister in Digitalisierung

An der Fowey River Academy in Cornwall unterrichten seit 5. Januar zehn Lehrkräfte (im Rotationssystem) ca. 10 Prozent der Schülerschaft (entweder aus prekären Verhältnissen oder aus Familien, in denen die Eltern systemrelevanten Berufen nachgehen) unter strengen Auflagen – u. a. zwei verpflichtende COVID-Tests pro Woche. Für all die anderen gibt es noch bis zum 8. März Distanzunterricht, der mit der Firefly Platform problemlos funktioniert, zumal alle Schüler und Schülerinnen und sämtliche Lehrkräfte mit neuen McBooks ausgestattet wurden, die von den fest angestellten IT-Technikern der Schule eingerichtet wurden. 

Spanische Partnerschule: Wechselunterricht dank SIM-Karten

Für Schüler- und Lehrerschaft war das Umschalten auf Wechselunterricht völliges Neuland, das insbesondere durch die fehlende Hardware erschwert wurde. Dank der in Murcia an allen staatlichen Schulen installierten Internetanschlüssen und einer leistungsstarken Internet-Plattform lief der Wechselunterricht (50 Prozent der gesamten Schülerschaft sind alternierend im Präsenz- bzw. Distanzunterricht)   weitgehend störungsfrei, da Schüler und Schülerinnen bei Bedarf mit SIM-Karten für ihre Handys versorgt wurden.

Französische Partnerschule: Plädoyer für Präsenzunterricht 

In Rodez wurde die Entscheidung der Regierung für landesweiten Präsenzunterricht begrüßt. Trotz hoher Infektionszahlen ist die gesamte Schülerschaft einschließlich der fast 200 Internatsschüler seit September wieder zurück in der Schule und der für das soziale Lernen so wichtige Kontakt zu Mitschülern und Lehrern blieb erhalten. In der Phase des ersten Lockdowns erwies sich die Durchführung des Distanzunterrichts als äußerst problematisch, da es in dem eher ländlichen Einzugsgebiet der Schule oft an leistungsstarkem Internet und den benötigten Geräten fehlte. Für in Quarantäne befindliche Schüler kann der Unterricht problemlos aus den Klassenzimmern gestreamt werden, wodurch verhindert wird, dass sie zu weit zurückfallen.

Corona-Krise deckt Digitalisierungsdefizite der deutschen Schulen auf

Dass deutsche Schulen in Sachen Digitalisierung im weltweiten Vergleich hinterherhinken, ist spätestens seit der OECD zur Pisastudie 2018 publik und wird auch durch die Kontrastierung mit den o. g. Schulen deutlich. Zugang zu digitalen Lernplattformen, digitale Weiterbildung der Lehrerschaft, Schulen mit WLAN – in all diesen Bereichen belegt Deutschland hinter(st)e Tabellenplätze. Ohne den Ausbruch der Corona-Pandemie hätte von dieser Misere wohl auch weiterhin kaum jemand Notiz genommen. Doch durch den erfolgten Lockdown und der damit einhergehenden Verpflichtung zum Distanz- und Wechselunterricht wurde der eklatante Nachholbedarf in diesem Bereich schonungslos aufgedeckt. 

Global denken, lokal handeln

Das Augsburger Bildungsbündnis ist derzeit dabei, einen Forderungskatalog für eine zeitgemäße und zukunftsfähige Lernkultur aufzustellen, der sich nicht nur auf den Bereich Digitalisierung beschränkt, sondern auch die Themen Bildungsgerechtigkeit, selbständiges Lernen, kreative Unterrichtsformen und Kompetenzentwicklung mit einbezieht.



Streit um Schulsanierung

Wahlkampf: OB Gribl stänkert gegen Bündnispartner – SPD stänkert zurück

Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl nimmt im Streit um die ins Stottern geratene Sanierung der Augsburger Schulen Bildungsreferent Hermann Köhler in Schutz und wertet mittels städtischer Pressemitteilung Akteure der beiden Bündnispartner SPD und Grüne ab – und fordert von ihnen zugleich “geschlossene Unterstützung”.

Kurt Gribl © DAZ

Die Anwürfe von SPD und Grünen im Augsburger Stadtrat gegen Bildungsreferent Hermann Köhler weist Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl zurück: “Fest steht: Hermann Köhler hat sich um die Schulentwicklung und den Bildungsstandort Augsburg enorme Verdienste erworben. Vielmehr haben diejenigen, die jetzt Kritik an ihm üben, in Zeiten eigener Verantwortung gerade im Bereich der Schulsanierungen strategisch und operativ versagt“, so OB Gribl, der den Köhler-Kritikern “Häme” unterstellt, zumal die Kritker “nicht einmal ansatzweise Probleme dieser Größenordnung gelöst hätten.”

OB: “Kritik an Köhler ist respektlos und unanständig”

“Mit Blick auf das Schweigen der SPD”, poltert Gribl weiter, “zu der unlängst passierten zig-Millionen schweren Panne im Bereich des SPD-geführten Sozialreferats ist die Attacke gegen Hermann Köhler respektlos und unanständig!” – Kollegen anderer Fraktionen hätten sich mit Kritik am SPD-Sozialreferenten im Interesse einer guten Sachlösung zurückgehalten. Genauso sei es auch bei den Kommunikationsdefiziten gewesen, die der SPD-Ordnungsreferent in der Frage des Trinker- und Süchtigen-Treffs in Oberhausen verursacht habe – oder in der eskalierenden Situation wegen Belästigungen durch Trinkerhotspots auf dem Rathausplatz und dem Elias-Holl-Platz, die auch Dirk Wurm zu verantworten habe.

Hermann Köhler © DAZ

Mehr Loyalität und eine kooperativere Haltung dürfe sich Hermann Köhler auch von den Grünen erwarten: „Die Aufgabe des Bildungsreferenten besteht darin, fachlich Prioritäten aufzuzeigen, um die Herkulesaufgabe der Schulsanierungen überhaupt meistern zu können. Anstatt den Referenten zu unterstützen, wird über intensive Debatten bei der Lösungsfindung geklagt. Das entspricht in keinster Weise der kollegialen Teamhaltung, wie sie die Grünen bei der Bewältigung krisenhafter Situationen gerne für sich in Anspruch nehmen“, macht OB Dr. Gribl in Bezug an die Baumfällungen im Herrenbach deutlich.

Nachdem Gribl via städtischer Pressemitteilung seinen CSU-Referenten in Schutz genommen sowie hochgelobt und “seine” Nicht-CSU-Referenten abgewatscht hatte, folgte seine abschließende Bewertung der aktuellen Stadtregierung: “Der Erfolg dieser Stadtregierung lag und liegt immer noch im respektvollen Miteinander und in der wechselseitigen Unterstützung ungeachtet der Parteizugehörigkeit. Als Oberbürgermeister mahne ich dazu an, den Kommunalwahlkampf mit sachlichen Inhalten zu führen und nicht verdiente Leistungsträger zu beschädigen. Wie vor ihm kein anderer Bildungsreferent kann Hermann Köhler auf herausragende Erfolge verweisen, die gänzlich Ausdruck eines konzeptionellen, planvollen und fachlich versierten Vorgehens sind.”

SPD: “Der einzige der hier über die Pressemitteilung Wahlkampf betreibt ist der OB selbst”

Florian Freund © DAZ

Dr. Florian Freund, SPD-Fraktionsvorsitzender verteidigte prompt die SPD und ging sogleich in den Angriff über: “Als Stadtoberhaupt ist man angehalten, sich über städtische Pressemitteilungen politisch neutral zu verhalten. Der einzige der hier über die Pressemitteilung Wahlkampf betreibt ist der OB selbst”.

Der SPD- Fraktion gehe es bei den Schulsanierungen immer um die Sache. Dass neben der SPD und den Grünen vor allem auch die Schulfamilien Kritik an dem Schulreferenten geübt haben, darüber verliere der OB in seiner Einlassung kein Wort. „Wenn der OB jetzt die Unterstützung der SPD-Fraktion einfordert, dann sollte er seinen Referenten zuerst daran erinnern, dass Stadtratsbeschlüsse auch für den Bildungsreferenten gelten. “Die SPD trägt ganz wesentlich Verantwortung für die großen Projekte in dieser Stadt, auch wenn es einmal ungemütlich wird oder CSU-Referenten Baukosten oder Zeitpläne nicht einhalten wie beim Hauptbahnhof oder wie der Linie 5. Egal ob die Projekte in den Zuständigkeitsbereich eines SPD-Referenten oder einer anderen Partei fallen”, so Freund, der darauf hinweist, dass die SPD sich mit Kritik an Finanzreferentin Weber oder Baureferenten Merkle (beide CSU) in der Vergangenheit immer zurückgehalten habe, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle mal gehakt habe.

Der OB sei Chef der gesamten Verwaltung. Wenn er jetzt aufgrund einer begründeten inhaltlichen Kritik am Bildungsreferenten die Fassung verliere und gegen einzelne Referenten und Koalitionspartner wüte, helfe das niemandem. Schon gar nicht den Schulen, so endet Freunds Replik auf den offiziellen städtischen Anpfiff eines Oberbürgermeisters, der noch vor Kurzem alle Verwaltungsmitarbeiter bezüglich des kommenden Wahlkampfes anschrieb, um ein Neutralitätsgebot anzumahnen.

 



Schulsanierung sorgt für schwere Verwerfungen im Regierungsbündnis

Hohe Wellen schlägt das Vorhaben der Verwaltung, die vom Stadtrat beschlossene Generalsanierung der Augsburger Schulen auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Grund dafür seien die gestiegenen Kosten für den Brandschutz, der den größten Anteil des 300-Millionen-Paketes beanspruche.

Von Siegfried Zagler

Im Feuer: Bildungsreferent Hermann Köhler © DAZ

Brandschutz sei nicht verhandelbar, deshalb stimmte heute der Bildungsausschuss allen außerplanmäßigen Kosten zu. 11 Millionen Euro muss die Stadt 2019 nachschieben – zu Lasten von inhaltlichen Sanierungsmaßnahmen, so der Plan von Bildungsreferent Hermann Köhler. “Von einer Generalsanierung muss daher Abstand genommen werden”, wie es in der heutigen Beschlussvorlage heißt. Das größte Opfer müsste demnach das Holbein-Gymnasium bringen, dessen Sanierung mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag geplant war. Vorrang habe die Statik und der Brandschutz, schließlich gehe es dabei um Leib und Leben. Weiter heißt es in der Beschlussvorlage der Köhler-Verwaltung, dass “für die Ermittlung des Gesamtsanierungsbedarfs sowie für eine Konzepterstellung zur Abarbeitung dieser Mängel derzeit 150.000 Euro an Planungsmitteln zur Verfügung stehen. Da von der Generalsanierung Abstand genommen werden muss, sollen diese Mittel für die Umsetzung einer konkreten baulichen Maßnahme an der Schule verwendet werden.”

Für die Schulfamilie des Holbein-Gymnasiums muss das wie Hohn und Spott klingen. Die Generalsanierung der Augsburger Schulen steht als politisches Vorhaben seit 2014 fest und wurde bereits von einem Grundsatzbeschluss des Stadtrats am 23. Oktober 2014 untermauert. Finanziert wird das Bildungsförderprogramm über zinsgünstige Kredite und Fördermittel des Freistaates Bayern. Im Mai 2017 wurde das Projekt mit einem weiteren Grundsatzbeschluss des Stadtrats auf den Weg gebracht und von der Stadt als politischer Groß-Erfolg in den öffentlichen Raum gestellt.

Nicht nur von den “Bündnispartnern” SPD und Grüne, sondern auch von der CSU erhält Köhler eine schwere Breitseite

Am heutigen Mittwoch erlebte nun Bildungsreferent Hermann Köhler (CSU) nach dem Fall Egk seinen zweiten Feuergang. Und dem Referenten fiel neben der SPD und den Grünen sogar die CSU in den Rücken, indem sie flugs am Nachmittag den Bildungsausschuss mit einem wolkigen Antrag überraschte. Man wolle am Grundsatzbeschluss (24.5.2017) festhalten und eine Sanierung nach einem Stufenplan angehen. Keine Rede mehr von einem Aufschub.

“Es ist mir noch nie untergekommen, dass es einen Beschluss geben muss, um bei einem Beschluss zu bleiben”, witzelte Stadtrat Otto Hutter (Linke) über das CSU-Papier, das die SPD wie die Grünen erstmal auf Eis setzten, indem sie Beratungsbedarf beantragten. Man wolle keine Schule gegen andere Schulen ausspielen, so Eva Leipprand (Grüne). Das Gleiche geschah mit einem SPD-Antrag wenige Minuten vorher, in dem die Sozis ein neues Finanzierungskonzept für die Schulsanierungen forderten: CSU-Stadträte beantragten Beratungsbedarf für ihre Fraktion.

“Es entsteht ein Gefühl der Geringschätzung”

So richtig ging die SPD-Fraktion nach der Sitzung via Pressemitteilung auf Hermann Köhler los: „Die Vorgehensweise des Schulreferenten wird von unserer Seite in keinem Fall akzeptiert. Der Augsburger Stadtrat hat die Generalsanierung des Holbein-Gymnasium beschlossen und daran hat sich auch Herr Köhler zu halten. Dies ist auch nicht das erste Mal, dass der Schulreferent Stadtratsbeschlüsse nicht umsetzt, wie zuletzt beim Alleingang des Bildungsreferats zur Schließung des Schullandheims Zusamzell.“ Auch hier hat die SPD in der heutigen Sitzung Beratungsbedarf angemeldet.

„Welche Halbwertszeit haben Stadtratsbeschlüsse, wenn sie in dieser Form einkassiert werden? Das was hier von Seiten des Schulreferates passiert, ist nicht nur ein Affront gegenüber dem Stadtrat, sondern auch gegenüber einer engagierten Schulfamilie. Wie an anderen Augsburger Schulen kann auch am Holbein-Gymnasium der bisherige Schulalltag seit Jahren nur durch ehrenamtliches Engagement der Schulfamilien überhaupt noch aufrechterhalten werden. Das Lernumfeld der Schülerinnen und Schüler und das Arbeitsumfeld der Lehrerinnen und Lehrer ist oft so schlecht, dass nicht nur ein Gefühl der Geringschätzung entsteht, sondern auch keine optimale Lehr- und Lernatmosphäre geschaffen werden kann. Es muss auch die Frage gestellt werden, ob der bauliche Zustand den Anforderungen an gesunde Lebens- und Arbeitsverhältnisse noch entspricht.“ So orakelt SPD-Rätin Jutta Fiener Richtung Bildungsreferent.

 

So sollten die Mittel für die Schulsanierung verteilt werden – Grafik: Stadt Augsburg

 

“Das hat mit Professionalität überhaupt nichts zu tun”

Angela Steinecker, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion kritisiert den Realitätssinn des gesamten 300-Millionen-Projekts: “Die Umsetzung des Sanierungsprogramms liegt offenbar weit hinter den Erwartungen der Schulfamilien und der Bürgerschaft zurück. Es kann nicht angehen, dass notwendige Schulsanierungen einfach gestrichen werden oder stattdessen nur kleine bauliche Maßnahmen vollzogen werden. Was hier passiert ist eine Flickschusterei und hat mit Professionalität überhaupt nichts zu tun.”

Den Vorschlag der SPD, der in einen Antrag gegossen wurde, formuliert Fraktionschef Florian Freund: Es müssen die Finanzmittel für die umfassende Sanierung der Schulen ermittelt werden. Da die Kosten beim Brandschutz durch die Decke gingen und deshalb in vielen Schulen Unterrichtsräume, Sanitäranlagen, Turnhallen, Außensportanlagen, Fachräume nicht oder nur eingeschränkt nutzbar seien, hat nun die SPD-Fraktion beantragt, die erforderlichen Finanzmittel für die umfassende Sanierung der Augsburger Schulen zu ermitteln – und ein weiteres Sanierungspaket mit der Regierung von Schwaben und dem Freistaat Bayern auf den Weg zu bringen.

“Ein Offenbarungseid der Stadtregierung”

Und zum Schluss unterstellt SPD-Stadtrat Hüseyin Yalcin Köhler noch schwere Versäumnisse: “Diese Aufgabe hätte Köhler in der Vergangenheit längst ausführen müssen, anstatt die schon längst bekannten hohen Kosten für den Brandschutz als Monstranz vor sich herzutragen.”

Das ganze Desaster sei aber nicht allein auf Köhlers Mist gewachsen, so Otto Hutter (Linke), sondern ein Offenbarungseid der gesamten Stadtregierung, insbesondere der jetzigen Koalition, die trotz hohen Einnahmen viel zu wenig Rücklagen für die Schulsanierungen gebildet habe. Diese Unternehmung soll mit einer kräftigen Finanzspritze des Freistaats von 2015 bis 2030 über die Bühne gehen. 300 Millionen Euro stehen für die Sanierung der 70 Augsburger Schulen zur Verfügung. Zirka 122 Millionen schießt der Freistaat in das Mammutprojekt, der Rest muss aus dem Stadtsäckel finanziert werden.