Die Augsburger Zeitung

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Samstag, 16.12.2017 • Nr. 350 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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“Die eigentlichen Einwanderer sind die Maschinen”

Wird es in Zukunft noch genug Arbeit geben? Oder wird die Digitalisierung den Menschen aus Arbeitsprozessen fast komplett ausschließen? Vor rund 400 Gästen im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses sprachen Philosoph Prof. Peter Sloterdijk und Prof. Gordon Rohrmair, Präsident der Hochschule Augsburg, bei der Auftaktveranstaltung des vom Freistaat Bayern und der EU geförderten Weiterbildungsprojekts “TEAM 4.0.” über die Herausforderungen der Gegenwart.

Peter Sloterdijk im Goldenen Saal

Peter Sloterdijk im Goldenen Saal Foto: Regio Augsburg Wirtschaft GmbH

„Eine Gesellschaft, die keinen Verpackungsverschluss an der Kondensmilch hinbekommt, der beim Öffnen nicht spritzt, wird auch so schnell keine künstliche Intelligenz schaffen, die die Welt auslöscht“, witzelte Rohrmair eingangs, um als IT-Experte bei der Bewertung zukünftiger Entwicklungen am Arbeitsmarkt aus gewerkschaftlicher Sicht eine düstere Prognose zu geben: „Die gleiche Wertschöpfung wird in absehbarer Zeit von der Hälfte der Mitarbeiter erbracht werden.“ Treiber dieser Entwicklung ist nicht nur die rasant wachsende Effizienz in der Produktion, die durch Digitalisierung und Industrie 4.0. weiter vorangetrieben wird. Auch neue digitale Geschäftsmodelle wie Amazon oder UBER drehen an der Effizienzschraube: Als Plattform-Innovationen zielen sie darauf, die Märkte transparenter zu machen. Was für den Kunden gut sei, erhöhe den Druck auf die Zulieferer der angebotenen Leistungen enorm und krempelt ganze Branchen um.

Seit der Antike haben Gesellschaften neue Qualifikationen erwerben müssen

„Der Ausdruck digitale Transformation täuscht darüber hinweg, dass es eigentlich eine Metamorphose ist. Von einer neuen Technologie führt also kein Weg zurück“, so Prof. Rohrmair. In der Dimension sei der Wandel vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine, die durch die Ablösung der Muskelkraft einen enormen Wohlstandsschub bewirkt habe. „Nun stehen wir vor der Erweiterung der geistigen Kraft“, prognostizierte Rohrmair. Dies erfordere den Aufbau völlig neuer Qualifikationen, wie zum Beispiel bei der Medienfähigkeit und beim Umgang mit einer Vielzahl komplexer Informationen. Dass beschleunigte Strukturrevolutionen klassische Merkmale der Zivilisationsgeschichte sind, arbeitete Peter Sloterdijk heraus: „Wir leben in einer Generation, die von dem Gefühl heimgesucht wird, dass ihr Leben von einer Zäsur durchschnitten wird, die ihresgleichen sucht.“ Aber seit der Antike hätten ganze Gesellschaften neue Qualifikationen erwerben müssen, so etwa im alten Athen, das erstmals eine umfassende Alphabetisierung seiner Bürger anstrebte. Heute stehe die Gesellschaft vor der Herausforderung einer Art „Hyperalphabetisierung“ um die Fertigkeiten “Lesen – Schreiben – Programmieren”. Dass diese beschleunigten Entwicklungen Menschen beunruhigen, liege in der Natur des Menschen.

Der Mensch ist das Tier, das ausweicht, weil es mit einem angeborenen Gefühl Schmerz zu erwarten ins Leben startet

„Menschen sind geborene Eskapisten, der Mensch ist das Tier, das ausweicht, weil es mit einem angeborenen Gefühl Schmerz zu erwarten ins Leben startet“, so Sloterdijk. Dass wir mit unserem „Sinn für das Unheimliche“ nicht immer richtig liegen, zeige unsere häufig falsche Überschätzung von Risiken. „Es ist mir leider nicht immer gelungen, selbst hochrangigen Politikern den Unterschied zwischen Risiko und Gefahr begreiflich zu machen“, resümmierte der Philosoph. „Das Hauptereignis unserer Generation ist Migration. Seit dem 18. Jahrhundert haben wir eine beispiellose Abwanderung aus der Landwirtschaft in die Städte erlebt“ und heute erfolge eine „robotische Invasion“, denn „die eigentlichen Einwanderer sind Maschinen“. Am Beispiel der Automobilindustrie erklärte Sloterdijk, wie wir bereits gelernt haben, uns an eine „Invasion smarter Maschinen“ anzupassen: „Wir haben heute in Deutschland bei 82 Millionen Einwohnern 45 Millionen zugelassene Fahrzeuge – diese Fahrzeuge sind irgendwoher gekommen, dies ist als eine Art Einwanderung zu beschreiben.“ Redewendungen in Bezug auf unser Auto wie „Ich stehe da hinten“ würden zeigen, dass eine Identifizierung mit Maschinen im Bereich der Automobile weit fortgeschritten sei. Für die Akzeptanz weiterer Maschinen in Zukunft sei auch entscheidend, wie die „robotische Einwanderung fiskalisch interpretiert werden und als Nettobeitragszahler erschlossen werden kann.“

Deutschland ist auch ein Auswanderungsland für Maschinen

Deutschland sei mit seinem Exportüberschuss aktuell auch ein Auswanderungsland für Maschinen, deswegen stellt sich derzeit die Situation für den Produktionsstandort Augsburg noch etwas anders dar. Der Mangel an adäquat qualifizierten Fachkräften sei aktuell ein Produktionshemmnis für zahlreiche Unternehmen. „Wir können diesen Fachkräftemangel nicht lösen, indem wir nur Fachkräfte von außen hinzuziehen. Wir werden nicht umhin können, unser eigenes Potenzial zu qualifizieren“, fügte Andreas Thiel, Geschäftsführer der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH hinzu. ————-

Das Projekt TEAM 4.0 soll Beschäftigte auf die technologischen Umbrüche am Arbeitsmarkt vorbereiten und wird getragen von der Hochschule Augsburg, der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH und dem BBZ Berufsbildungszentrum. Es wird in den nächsten drei Jahren Weiterbildungen rund um das Thema Arbeit 4.0. anbieten. Es wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds in Bayern und aus Landesmitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration gefördert. Projektträger ist die Hochschule Augsburg, Projektpartner sind das Berufsbildungszentrum Augsburg der Lehmbaugruppe gGmbH sowie die Regio Augsburg Wirtschaft GmbH. Kooperationspartner sind die weiteren Partner des TEA-Netzwerkes der Transfereinrichtungen Augsburg, das Anwenderzentrum Material- und Umweltforschung der Universität Augsburg, das FZG Projekthaus Augsburg sowie die Fraunhofer-Einrichtung für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik IGCV und das Zentrum für Leichtbauproduktionstechnologie des DLR in Augsburg.


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