Gastkommentar
Die Augsburger Antwort: Engagement statt Quote
In der Diskussion, die sich an Heribert Prantls Vortrag am 4. März 2026 im Augustanasaal anschloss, stellte der Augsburger Stadtrat Serdar Akın eine Frage, die wie ein Echo auf den Vortrag wirkte und zugleich eine sehr konkrete lokale Wirklichkeit berührte: Wie kann es sein, dass nahezu die Hälfte der Augsburger Stadtgesellschaft – jene mit Migrationsbiografie – im Stadtrat kaum sichtbar repräsentiert ist?
Kommentar von Sait Içboyun
Die Frage verweist auf eine reale demokratische Spannung. Augsburg ist eine Stadt bemerkenswerter Vielfalt. Menschen aus mehr als 170 Nationen leben hier zusammen, arbeiten, gründen Familien und gestalten das urbane Leben. Doch diese Vielfalt spiegelt sich in den politischen Gremien bislang nur begrenzt wider.
Reflexartig taucht in solchen Momenten ein Vorschlag auf, der zunächst plausibel klingt: die Forderung nach einer Migrantenquote. Doch wenn man die Gedanken Prantls ernst nimmt, führt dieser Weg in eine Sackgasse. Eine Quote wäre letztlich nichts anderes als die Verwaltung von Herkunft – eine Art biographische Buchhaltung. In einer Stadt von der radikalen Heterogenität Augsburgs führt dieser Ansatz zudem in ein logisches Paradox. Wer wäre „der“ Repräsentant dieser Vielfalt? Welche Herkunft sollte welchen Sitz im Stadtrat beanspruchen?
Beginnen wir, die sechzig Sitze im Rathaus nach Abstammung oder kulturellem Hintergrund zu kontingentieren, verwandeln wir Bürger in statistische Kategorien. Wir verwalten dann Unterschiede, statt Gemeinsamkeit zu ermöglichen. Gerade hier wird der humanistische Kern von Prantls Argument sichtbar. Wenn die Würde des Menschen unantastbar ist, dann steht der Mensch als freies Subjekt im Mittelpunkt – nicht seine ethnische Zuschreibung. Eine Demokratie, die Repräsentation primär über Herkunft organisiert, läuft Gefahr, genau jene Trennlinien zu verfestigen, die sie eigentlich überwinden möchte.
Das eigentliche Problem liegt tiefer

Heribert Prantl im Augustanasaal (Foto: Marko Petz)
Die Repräsentationslücke ist weniger eine Frage fehlender Quoten als eine Frage fehlender Teilhabechancen. Wer Zugang zu Bildung, Netzwerken und gesellschaftlichen Ressourcen hat, findet leichter den Weg in politische Verantwortung. Wer diese Zugänge nicht besitzt, bleibt oft außen vor. Die entscheidende Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft besteht deshalb darin, genau hier anzusetzen.
Heribert Prantl beschrieb den Sozialstaat als „Schicksalskorrektur“. Das Leben beginne nicht gerecht. Manche Kinder wachsen mit Sicherheit, Förderung und Selbstvertrauen auf. Andere starten unter Bedingungen, die ihre Möglichkeiten begrenzen, bevor sie überhaupt sichtbar werden. Wahre Schicksalskorrektur bedeutet deshalb nicht, Sitze nach Herkunft zu verteilen. Sie bedeutet, Barrieren abzubauen – im Bildungssystem, in Institutionen und nicht zuletzt in den Köpfen.
Politische Teilhabe beginnt mit Befähigung
Ein Stadtratsmandat ist kein Symbolplatz und kein Identitätsmarker. Es ist vor allem ein Opfer der Zeit. Wer ein solches Amt übernimmt, verbringt Abende in Ausschüssen, arbeitet sich durch Verwaltungsakten, ringt um Haushaltszahlen und versucht, zwischen widerstreitenden Interessen Lösungen zu finden. Dieses Engagement verlangt Geduld, Ausdauer und eine tiefe Bindung an die Stadt. Und dieses Brennen kennt keine Herkunft.
Es darf keinen Unterschied machen, ob jemand Hans oder Hassan heißt, ob eine junge Frau Zoe oder Thang gerufen wird. Entscheidend ist nicht der Stammbaum, sondern die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Demokratie lebt nicht von statistischer Repräsentation allein. Sie lebt von Menschen, die bereit sind, ihre Zeit, ihre Energie und ihre Leidenschaft in das Gemeinwesen einzubringen.
Gerade in Augsburg zeigt sich, dass dieses Engagement vorhanden ist. Viele Menschen kandidieren bei den kommenden Kommunalwahlen – Frauen und Männer, Alteingesessene und Zugewanderte, Menschen mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten. Das ist ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass es ein echtes Interesse gibt, diese Stadt mitzugestalten. Doch politische Verantwortung sollte niemals um des Mandats willen gesucht werden. Sie sollte aus der Sache heraus entstehen.
Wenn jemand den Platz in einem Parlament freimacht, dann nicht für eine statistische Kategorie – sondern für einen wachen, streitbaren Demokraten. Für jemanden, der bereit ist, sich mit allen Fasern einzubringen, der Debatten nicht scheut, der organisiert, überzeugt und Verantwortung trägt. Ob dieser Mensch Maximilian heißt, Mihaylov oder Anton, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist etwas anderes: die innere Bindung an die freiheitlich-demokratische Ordnung. Migration allein garantiert keine demokratische Haltung – so wenig wie Herkunft aus der Mehrheitsgesellschaft sie automatisch hervorbringt. Demokratie ist kein biologisches Merkmal. Sie ist eine politische Kultur, die gelernt, gelebt und verteidigt werden muss.
Augsburg muss seinen eigenen Weg finden
Der Geist des Grundgesetzes – Freiheit, Würde, Verantwortung – ist kein Erbe, das sich von selbst weiterträgt. Er lebt nur dort, wo Menschen ihn aktiv gestalten. Augsburg muss deshalb seinen eigenen Weg finden. Nicht über ethnische Zuweisungen von Sitzen, sondern über die Stärkung einer aktiven Stadtgesellschaft. Eine Gesellschaft, in der möglichst viele Menschen ermutigt werden, sich einzubringen – in Vereinen, Initiativen, Parteien und öffentlichen Debatten. Denn aus dieser lebendigen Zivilgesellschaft entstehen am Ende auch gute Kommunalpolitiker.
Vier Tage vor den Kommunalwahlen am 8. März gewinnt diese Frage eine besondere Bedeutung. Demokratie entscheidet sich nicht nur in großen historischen Momenten. Sie entscheidet sich auch an lokalen Wahlurnen. Die Repräsentationslücke im Augsburger Stadtrat ist deshalb kein Zeichen des Scheiterns der Demokratie. Sie ist ein Hinweis auf eine Aufgabe, die noch vor uns liegt.
Heribert Prantl erinnerte in seinem Vortrag an das Bild des Apfelbäumchens, das nach dem Zweiten Weltkrieg trotz Trümmern und Hunger gepflanzt wurde. Dieses Bild ist heute aktueller denn je. Hoffnung bedeutet nicht, die Probleme zu übersehen. Hoffnung bedeutet, trotz der Risse weiter zu bauen. Auch in Augsburg.
Denn am Ende entscheidet nicht der Stammbaum über die Zukunft einer Stadt – sondern der Wille ihrer Bürger, sie gemeinsam zu gestalten. Dieser Wille zeigt sich nicht in Quoten oder Kategorien, sondern im täglichen Engagement: Tag für Tag, Stunde für Stunde, in Ausschüssen, Vereinen, Initiativen, im Gespräch mit Nachbarn, beim Organisieren, beim Streiten um bessere Lösungen und beim Anpacken.
Menschen wie Serdar, Eva, Martina, Florian, Elisabeth, Bruno – oder Frédéric Zucco, der als Vorsitzender des Integrationsbeirats die Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte vertritt – stehen hier sichtbar als Repräsentanten. Doch sie handeln im Namen Hunderter, Tausender anderer in Augsburg, die im Verborgenen ihre Zeit, ihre Kraft und ihr Herz in die Stadtgesellschaft investieren.
Es sind diese Menschen, sichtbar und unsichtbar, die Demokratie lebendig halten, die Risse in der Gesellschaft nicht als Ende, sondern als Chance begreifen, und die aus Verantwortung, Leidenschaft und Solidarität die Zukunft Augsburgs formen. Eine Quote? Nein. Einsatz.