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Freitag, 05.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

StadtGestalten – Augsburger im Porträt

„Mensch ist auf der Welt, um zu lernen, bis er heimgeht“

StadtGestalten: Sieglinde Wisniewski (SPD)

In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mitgestalten. Heute im Gespräch: Sieglinde Wisniewski.

Ein Interview von Sait İçboyun

Ein Nachmittag am Schlößle. Genauer gesagt auf dem neu gestalteten Platz vor dem ehemaligen „Neuen Grünen Kranz“. Hier, wo jetzt helle Pflastersteine, moderne Bänke und ein sanft plätscherndes Wasserspiel den Ton angeben, treffen wir uns. Sie lädt mich sofort ein, holt gleich eine Flasche Wasser – und noch bevor das eigentliche Gespräch überhaupt beginnt, wird klar, wer hier sitzt: Ständig bleiben Menschen kurz stehen, rufen ein herzliches „Hallo“ herüber, halten für einen kurzen Smalltalk an. Sieglinde Wisniewski ist so tief in diesem Stadtteil verankert, so nahbar und bekannt, dass es kein Wunder ist, dass die Lechhauser sie bei der letzten Stadtratswahl von Platz 14 auf Platz 6 hochgewählt haben.

Sie ist eine Politikerin des alten Schlags im besten Sinne: eine echte Stadtteilvertreterin, die ihre Wurzeln tief im Viertel hat. Von ihr kann man lernen, dass Politik am Ende keine abstrakte, große Theorie braucht, sondern schlichte Wahrhaftigkeit, Präsenz und ein echtes Gesicht.

Sait İçboyun: Liebe Sieglinde, bei der letzten Stadtratswahl wurdest du von Platz 14 auf Platz 6 hochgewählt. Das heißt, die Menschen haben dich gezielt mit ihren drei Stimmen unterstützt. Während die große Politik oft an Vertrauen eingebüßt hat und weiter verliert, gewinnen Menschen wie du, die hier im Viertel sehr beliebt sind, an Kraft. Was ist dein Geheimnis, dass du als Stadträtin, die in der Mitte auf einem nicht erfolgsversprechenden Platz zur Wahl stand, bedingungslos das Vertrauen der Menschen gewinnen kannst?

Sieglinde Wisniewski: Ich bin seit 1981 Mitglied in der SPD und habe mich 1995 auf Anfrage entschieden, für die SPD für den Stadtrat zu kandidieren. Ich hatte dann 2002 das Glück, dass ich für unseren damaligen Stadtkämmerer Walter Graf nachrücken durfte, und das heißt, ich bin seit 2002 im Augsburger Stadtrat. Das bedeutet natürlich, dass mich sehr viele Leute kennen, vielleicht auch schätzen oder zumindest auch sehr viel Vertrauen zu mir haben, und ich stehe für die Position: Wahrheit, Klarheit, Transparenz.

Ich kann und will auch nichts versprechen, was eventuell nicht erfüllt werden kann. Es ist eines meiner Merkmale, dass ich alle Mails beantworte, versuche, Dinge zu klären – warum etwas geht, warum es auch nicht geht – und natürlich sehr viel unterwegs bin, um, wie man so schön sagt, den Bürgerinnen und Bürgern auf den Mund zu schauen. Getreu dem Motto: Wo drückt der Schuh?

Im Zentrum von Lechhausen

Wir wohnen in Augsburg seit 1974, in Lechhausen seit 1980 und seit 1988 im Zentrum von Lechhausen. Im Laufe der Zeit bin ich hier mit meinen drei Kindern und immer wieder einem Hund sehr viel unter­wegs gewesen und natürlich dann auch an­sprech­bar und ansprech­bereit. Es ist wichtig, dass wir als kommunal gewählte Ver­treter greifbar sind. Die Menschen sollen uns, jetzt im Beson­deren mich, sehen. Sie sollen wissen: Wie lebe ich? Wie bin ich? Was tue ich? Bin ich abgehoben oder gehe ich im Stadt­teil ein­kaufen, gehe ich im Stadt­teil zum Arzt, gehe ich zum Friseur?

Also diese ganzen alltäglichen Dinge wollen Bürgerinnen und Bürger sehen und auch hören.

Natürlich hat sich unser Stadtteil in den langen Jahren, in denen ich hier mit meiner Familie zu Hause bin, drastisch geändert, wenn ich unsere Neuburger Straße anschaue. Früher hatten wir gemischte Anbieter: Schuhladen, Buchladen, den alten Happacher mit allen Dingen, ähnlich wie das Kaufhaus Conrad. Wir hatten Lindner und Giegerich – das ist alles längst vergangen. Vergangene Zeit.

Wir haben nun, was unserer Gesellschaft entspricht, sehr viele Einkaufsmöglichkeiten mit Menschen, die einen Migrationshintergrund haben. Dafür bin ich auch dankbar, weil wir nicht nur schimpfen dürfen, sondern auch positiv sehen sollten, was diese Menschen leisten. Sie haben ihre Läden, bieten Waren an, kommen mit uns ins Gespräch und es ist vom Einkaufsverhalten, vom Miteinander her ein gutes Miteinander.

Natürlich gibt es auch Probleme, dass wir sehr viele Kulturvereine unterschiedlicher Nationen haben, die sich oft nur an bestimmten Tagen öffnen – in der Moschee zum Tag der offenen Tür oder wenn sie zu Veranstaltungen einladen. Ansonsten sind sie doch oft ein in sich verschlossener Rahmen, wobei beide Seiten, sowohl die Vereine als auch wir mit den alten, eingebürgerten Strukturen, daran arbeiten müssen, in ein gutes Miteinander zu kommen.

Sait İçboyun: Liebe Sieglinde, das, was ich an dir so großartig finde, ist, dass du die Herausforderungen der Gesellschaft auch in Lechhausen beim Namen nennst. Du hast vorhin von der Neuburger Straße gesprochen. Dort sehen wir eine sehr dichte Ansiedlung von Barbershops und Nagelstudios. Diese Verdichtung sehen wir aber auch in Oberhausen und damit geht die Einkaufsqualität im Stadtteil verloren. Was kann denn eine Stadträtin, ein Stadtrat oder die Stadtregierung hier dagegen unternehmen?

Sieglinde Wisniewski: Ja, das ist in unserer Gesellschaft sehr deutlich sichtbar in der Neuburger Straße: eine dichte Ansiedlung von Lebensmittelgeschäften migrantischer Herkunft, unterschiedliche Migranten, sehr viele Dönerläden – getreu dem Motto „Döner macht schöner“, das stelle ich jetzt im Stadtteil nicht so unbedingt fest –, viele Tattoo-Shops, viele Nagelstudios, auch Barbershops.

Da müssen wir schon darauf schauen, ob die Barbershops zu den gleichen Bedingungen eröffnet und geführt werden dürfen, wie es von unseren deutschen Friseurläden erwartet wird. Das ist sehr bedenklich für die Vielfalt der Einkaufsmöglichkeiten. Aber wenn diese Menschen den Mut haben, ein derartiges Geschäft zu eröffnen, wird das auch insoweit belohnt, dass viele Menschen dort zum Einkaufen hingehen und andere Lebensmittel ausprobieren. Das ist sehr schön, darüber freue ich mich, aber die Vielfalt geht eben verloren.

Sait İçboyun: Ich darf hier kurz einhaken und erlaube mir, kurz aufzuklären beziehungsweise zu ergänzen: Die Barbershops müssen dieselben Voraussetzungen erfüllen wie alle Friseurbetriebe, da wird kein Unterschied gemacht. Beide brauchen einen fachlich-technischen Betriebsleiter, sprich einen Friseurmeister oder eine anderweitig nach der Handwerksordnung qualifizierte Betriebsperson.

Nun, wenn wir fortführen: Wenn wir über das Zusammenwachsen sprechen – wie können wir Brücken bauen, damit sich diese neuen Geschäfte und die traditionelle Stadtteilkultur noch besser ergänzen?

Sieglinde Wisniewski: Gleichzeitig ist es mir sehr wichtig – das würde ich mir sehr wünschen –, dass diese Inhaber und Geschäftsführer ihre Läden auch ein Stück weit an unsere Kultur anpassen. Das bedeutet für mich, dass auch unsere traditionellen Festtage – sprich Ostern, Weihnachten oder Erntedank – in ihren Läden sichtbar sind.

Es geht nicht darum, dass nur wir integrieren, sondern andererseits wäre es auch sehr schön, wenn Integration von unseren Bürgern mit Migrationshintergrund sichtbar wäre; dass wir hier eine Brücke schlagen, nicht nur vom Einkaufen her, sondern auch von der Wertschätzung unserer Feiertage.

Gleichzeitig sage ich natürlich auch: Es gibt sehr viele Gruppierungen und aktive Frauenverbände, wie unsere Stadtteilmütter, die anderen Müttern die deutsche Sprache, deutsche Kultur und auch deutsche Lebensart im Austausch näherbringen.

Und natürlich gibt es auch die anderen noch vorhandenen und schön ausgebauten Annehmlichkeiten, wie unsere Stadtteilbücherei, die jetzt 24 Stunden – nicht persönlich, sondern automatisiert – geöffnet ist, wo Kinder mit anderer sprachlicher Herkunft Zugang zum Lesen und zur Sprache erhalten können. Und es ist ein schönes Miteinander in unserem Stadtteil.

Sait İçboyun: Dieses sichtbare Zugehen aufeinander ist ein schöner Gedanke. Wenn wir aber den Blick auf die Strukturen richten: Oft bilden Geschäfte, die von migrantischen Menschen geführt werden, oder Vereine eine sehr lebendige eigene Dynamik, während die traditionellen deutschen Vereine – ich nenne es einmal so, also autochthon deutsche – mit Nachwuchssorgen kämpfen.

Müssen wir die Frage der Integration nicht weg von reinen Symbolen hin zu einer gemeinsamen praktischen Verantwortung für den Stadtteil definieren? Also wie wir es schaffen, diese engagierten neuen Akteure noch aktiver in die klassischen Lechhauser Strukturen, in die Schulen, in das ehrenamtliche Stadtteilleben und in das Vereinsleben einzubinden?

Sieglinde Wisniewski: Ja, das ist ein frommer Wunsch. Ich stelle immer wieder fest, dass im täglichen Miteinander – wir sitzen hier am Schlößle in der Eisdiele – alle Sprachen zu hören sind. Hier sehen wir ganz viele Menschen aus anderen Kulturkreisen. Das tägliche Leben funktioniert in meiner Wahrnehmung verhältnismäßig gut.

Es funktioniert auch überwiegend in den Vereinen sehr gut, weil unsere Sportvereine sehr offen sind für die Aufnahme. Egal wer, wie alt, wie groß, wie bekleidet, dunkelhaarig oder hellhaarig – das ist ganz offen.

Sieglinde Wisniewski

Ich wünsche mir nur, dass sich auch mehr Väter mit Migra­tions­hinter­grund oder natür­lich auch die Mütter und Frauen bereit erklären, Übungs­leiter­scheine zu machen. Ich weiß, es ist ein ver­messener Wunsch, weil das auch sehr viel Zeit erfordert, aber wir haben in allen Sport­vereinen Mit­glieder­zuwachs, gerade im Kinder- und Jugend­bereich, und es fehlt dann oft an Übungs­leitern, was natür­lich auch sehr wichtig wäre.

Mir wäre wichtig, dass sich die Migranten-Kulturvereine noch mehr für die Mehrheits­gesellschaft öffnen. Ein sehr positives Beispiel sind unsere Aleviten, die eine sehr schöne große Gemeinde in Lechhausen und auch eine kleinere Gemeinde in Oberhausen haben und verstärkt Kontakt suchen – zum Beispiel mit unserem Trachten­verein – sowie immer wieder ihr Haus öffnen für Kinderfeste und Begegnungen für alle Lechhauser Bürgerinnen und Bürger.

Aber von den vielen kleineren Vereinen wird man natürlich – was auch sehr schön ist – zum Fasten­brechen eingeladen, doch da hat man vielleicht ein bisschen zu wenig Zugang, weil überall diese Strukturen ehrenamtlich geprägt sind.

Sait İçboyun: Liebe Sieglinde, du giltst als klassische Stadtteil­vertreterin der traditio­nellen, boden­ständigen Sozial­demokratie. Eine echte Lechhauser Frau – auch wenn nicht hier geboren –, bei der man einfach merkt, wie viel Herzblut bei der Arbeit für die Menschen dahintersteckt. Du bist permanent unterwegs und gibst unendlich viel Energie ab. Woher nimmst du diese schier unerschöpfliche Kraft? Und welche persönliche Geschichte in deiner eigenen Jugend hat dich zu der engagierten Frau gemacht, die heute seit fast einem Viertel­jahrhundert im Stadtrat so leiden­schaft­lich für die Menschen eintritt?

Sieglinde Wisniewski: Ja, das kommt aus meiner Vergangen­heit, die jetzt doch schon – ich kann auf beinahe dreimal 25 Jahre Leben zurückblicken. Geboren wurde ich als zweites Kind von sudeten­deutschen Vertriebenen in Hessen, wohin meine Eltern unfreiwillig verwiesen worden waren. 1955 fand dann der wirtschaftliche Aufschwung der Bundes­republik statt. Meine Eltern sind nach Baden-Württemberg gezogen.

Ich bin dort in einen katholischen Kindergarten gegangen, in die Grundschule, habe die mittlere Reife gemacht. Und wenn ich damals in die von den Kirchen organi­sierten Discos gegangen bin und manchmal auch schon nach den Buben geschaut habe, hieß es dann immer: „Du bringst mir ja kein Flüchtlings­mädel heim!“ Ich habe nicht verstanden, was daran so schlecht sein sollte.

Sait İçboyun: Das zeigt, dass dir das Gefühl, sich als Zugezogene erst beweisen zu müssen, aus der eigenen Familiengeschichte vertraut ist und du deshalb auch das Nichtfunktionierende so offen ansprichst?

Sieglinde Wisniewski: Ja, unbedingt. Und wenn ich von früher erzählen darf: Meine Eltern waren fleißig. Mein Vater war schwer kriegs­behindert, er ist sehr jung gestorben.

Ich habe meine berufliche Karriere bei der Deutschen Bundespost begonnen, ebenfalls im mittleren Dienst. Ich bin dann mit meinem Mann Bernd, der Diplom-Ökonom ist, 1974 nach Augsburg gezogen. Das war für sein Studium der Wirtschafts- und Sozial­wissen­schaften im Trimester an der damaligen Reform­uni­versität Augsburg. So sind wir nach Augsburg gekommen.

Meinen Namen habe ich angeheiratet. Mein Schwieger­vater stammt gebürtig aus Bydgoszcz, sprich Bromberg – ein schwieriger Name. Zu meiner Hochzeit gab es damals noch nicht die Möglichkeit, den Namen der Frau zu behalten. Da hieß ich nämlich schlichtweg Dietz, deshalb buchstabiere ich seit 53 Jahren meinen Nachnamen.

Und aus dieser Geschichte meines Mannes und auch aus meiner Familien­geschichte – Teile meiner Familie wurden ausgesiedelt in die damalige DDR, kein Besuch mehr möglich, kein Kommen möglich, nur mit verhältnis­mäßig schwierigem Papieraufwand – erklärt sich vieles.

Sait İçboyun: Wie ist Augsburg dann für dich von der Studentenstadt zur echten Heimat geworden?

Sieglinde Wisniewski: Augsburg hat mir als Stadt gut gefallen und war auch nicht so weit weg von unserer Heimat, sprich Baden-Württemberg. Aber nach dem Tod meiner Mutter und der Geburt unserer ersten Tochter habe ich dann ganz langsam meine Wurzeln oder feinen Würzelchen für Augsburg entdeckt.

Fotos: Sait İçboyun

Und wie es halt so ist: Zu meiner Zeit war es üblich – es gab keine Kinder­krippen, ein Kinder­garten­platz war schwierig zu erhalten, weil die Kinder damals erst ein Jahr vor der Ein­schulung aufge­nommen wurden. Da habe ich mich als Hausfrau und Mutter gut gefühlt, habe mit meinen Kindern – dann kam meine zweite Tochter und später auch noch unser Sohn – die Sport­vereine kennen und lieben gelernt und immer gern mit Menschen Kontakt gepflegt.

Wir hatten ja auch immer Tiere, weil es immer mein Wunsch war, auf dem Land zu leben. Aber mit dem alleinigen Verdienst meines Mannes waren manche Dinge eben nicht möglich, zum Beispiel ein zweites Auto.

Und so sind wir, wie gesagt, ab 1988 direkt in das Zentrum von Lechhausen gezogen. Die Nähe zum evan­gelischen Kindergarten, die Nähe zur Grundschule. Damals fuhr noch ein Bus von der Augusta-Bank am Zwölf-Apostel-Platz zum Rudolf-Diesel-Gymnasium, und das hatte für mich als Mutter von drei Kindern den Vorteil: Um Mitternacht, wenn die Kinder in Augsburg in die Disco gegangen sind oder ins Kino oder sich mit Freunden getroffen haben, fuhr die letzte Straßenbahn – um 00:15 Uhr waren die Kinder zu Hause. Das war für mich in unserem Stadtteil ein unverkennbares Plus.

Sait İçboyun: Diese Lebenserfahrung prägt sicherlich auch dein tiefes Verständnis für Menschen, die heute eine Migrationsgeschichte in sich tragen, oder?

Sieglinde Wisniewski: Ja, und wie gesagt, diese Geschichte: „Flüchtlings­mädel, ein Flüchtlings­mädel heiratet man nicht.“ Daher kommt auch meine Affinität zu den Sudetendeutschen.

Ich habe mich jetzt im Rentenalter mehr mit meiner beidseitigen Familien­ver­gangen­heit beschäftigt. Meine Eltern kommen aus Fleissen in der Nähe von Marienbad. Früher habe ich immer gesagt: „Da fahre ich nicht hin, die haben meine Eltern nicht gewollt und brauchen jetzt auch unser Geld nicht.“ Aber mittlerweile habe ich die Ursprungs­heimat meiner Familie kennen und lieben gelernt – auch um Daten zu erforschen.

Die Schwierigkeit ist: Auch dort legt man sehr viel Wert auf Datenschutz. Was man selbst nicht im Stammbaum oder im Ahnenpass des Vaters hat, bekommt man nicht. Aber deswegen verstehe ich, wie man sich manchmal schwertut – und daraus nehme ich die Kraft.

Sait İçboyun: Du hast vorhin auch deinen Beruf in der Pflege erwähnt. Zieht man daraus auch eine spirituelle Erdung für den Alltag?

Sieglinde Wisniewski: Natürlich auch. Und weil ich in meinem Glauben – das muss ich ehrlich sagen – zwar in einem katholi­schen Kinder­garten war, aber evangelisch konfirmiert wurde, evangelisch verheiratet bin und meine Kinder evangelisch getauft wurden.

Und es hört sich jetzt vielleicht ein bisschen eigenartig an: Ich habe dann in meinem zweiten Leben, als ich wieder anfangen wollte zu arbeiten, die Chance erhalten, die Ausbildung zur exami­nierten Pflege­fachkraft zu machen. Ich habe dann von Anfang an bis zu meinem Renten­beginn in einem katholi­schen Haus gearbeitet. Dort werden Traditionen gelebt, dort wird Glaube gelebt. Das habe ich dann immer auch versucht, in mein Familien­leben einzubringen.

Ich gehe auch heute noch gerne in beide Kirchen. An der katholischen Kirche schätze ich sehr, dass die Türen immer offen sind und ich – egal wo ich bin, auch im Urlaub – eine Kerze anzünden kann.

Und ich meditiere auch jeden Tag eine halbe Stunde. Das gibt mir die Kraft, die mir wichtigen Dinge für meine Familie, für die Tiere und natürlich auch für die von mir heißgeliebte Stadtrats­arbeit zu tun.

Meine Stadtratsarbeit bietet mir auch heute noch und schon von Anfang an immer die Möglich­keit, Dinge kennen­zulernen – auch kennen­lernen zu müssen –, die ich sonst vielleicht gar nicht wahr­genommen hätte. Aber ich liebe es. Und der Mensch ist auf der Welt, um zu lernen, bis er heimgeht.

Sait İçboyun: Das ist ein wunderbarer, weiser Schlusssatz für ein politisches Leben. Aber so viel Einsatz über all die Jahre hinweg braucht sicherlich auch Rückhalt im Privaten.

Sieglinde Wisniewski: Und die Kraft für meine Stadtrats­tätigkeit erhalte ich natürlich auch durch die Unter­stützung meiner Familie, meiner mittler­weile erwachsenen Kinder und meiner drei Enkelkinder, die schon manchmal auch etwas kritisch mit Mutter und Oma umgehen.

Und natürlich, weil ich seit 53 Jahren mit einem wunder­vollen Mann verheiratet bin, der mir, seit er in Rente ist, den Rücken stärkt und natürlich auch aus Liebe zu mir den Haushalt zu 75 Prozent übernommen hat. Und ich finde, das ist schön, und es ist auch wichtig, dass ich Danke sage.

Ich bin dankbar für meine tolle Familie und natürlich auch für meinen Freundes­kreis, der mir manchmal den Kopf zurecht­rückt und auch Zeit für ein außer­politisches Zusammen­sein einfordert.

Zwei Stunden und vierzig Minuten sitzen wir schließlich zusammen, trinken Kaffee und lauschen dem Sprachen­gewirr. Bewusst wurden auf diesem Platz übrigens keine großen Bäume gepflanzt, damit Raum bleibt: für das Maifest, für die Weihnachtsbuden, für das echte, unbeschwerte Leben im Stadtteil.

Ein langes, herzliches Gespräch über ein Leben im Dienst der Stadtgesellschaft. Dabei kreuzen sich unsere Wege nicht erst in Augsburg. Während Sieglinde als junges Mädchen in Wernau am Neckar aufwuchs, kam ich viele Jahrzehnte später, nur wenige Kilometer entfernt, als siebenjähriger Junge im Asyl­bewerber­heim in Kirchheim unter Teck an.

Zwei Biografien mit Migrations- und Flucht­hintergrund, die im selben Tal im Südwesten begannen und sich nun auf dem Pflaster von Lechhausen treffen. Denn Stadt­gestaltung bedeutet für Sieglinde Wisniewski wie für mich vor allem eines: Begegnung auf Augenhöhe.

Sait İçboyun: Du sagtest: Das Leben ist ein Geben und ein Nehmen, ein tägliches Begegnen. Und wenn alle miteinander leben wollen, müssen wir alle aufeinander zugehen und voneinander lernen, das Fundament dieser offenen Gesell­schaft stärken.

Ich füge hinzu: Das geschieht erst, wenn wir alle – die Gekommenen und die Alt­ein­ge­sessenen – mit­einander ins Gespräch kommen und uns auf Augenhöhe begegnen.

Liebe Sieglinde, wir danken dir herzlich für dein uner­müd­liches Engagement für den Stadtteil Lechhausen und wünschen dir weiterhin unendlich viel Kraft für unsere Augsburger Stadt­gesellschaft!


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