„Wir tragen die Stimme der Unterdrückten in die Politik“
Frieden in der Türkei im Blick: In Augsburg diskutierten kurdische, alevitische und andere zivilgesellschaftliche Gruppen auf der Konferenz „Demokratie, Gerechtigkeit und sozialer Frieden“ über den laufenden Friedensprozess zwischen Abdullah Öcalan und dem türkischen Staat. Die Veranstaltung bot der Diaspora die Möglichkeit, die Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, Forderungen nach Menschenrechten und Gleichberechtigung zu formulieren und gemeinsame Perspektiven für Demokratie zu entwickeln.
Von Sait İçboyun
von links: Mustafa Aslan, Tülay Hatimoğulları, Moderatorin Denise Can, Umut Akdoğan (Foto: Deniz Babir)Noch eine Woche zuvor hatte Tülay Hatimoğulları, Co-Vorsitzende der prokurdischen DEM-Partei, in Istanbul beim Newroz-Fest vor Hunderttausenden gesprochen. Am 28. März 2026 saß sie in Augsburg-Oberhausen vor rund 200 Zuhörer:innen im Alevitischen Kulturzentrum und Cemevi. Gemeinsam mit dem CHP-Abgeordneten Umut Akdoğan und dem Alevitenvertreter Mustafa Aslan diskutierte sie über politische Perspektiven. Moderiert wurde die Veranstaltung von Denise Can.
Der Kontrast zwischen der Großveranstaltung in Istanbul und der Diskussion in Augsburg hätte kaum größer sein können. Und doch blieb die Botschaft dieselbe: Es geht um Frieden, Demokratie und gleiche Rechte für alle gesellschaftlichen Gruppen in der Türkei.
Themen der Konferenz: Frieden, Rechte und Reformen
Im Mittelpunkt der Konferenz standen zentrale gesellschaftliche und politische Fragen:
- die kurdische Frage und die Chancen eines Friedensprozesses,
- die Gleichberechtigung der Aleviten,
- Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit und ökologische Herausforderungen.
Hatimoğulları betonte, dass konkrete Schritte notwendig seien, um Vertrauen aufzubauen. Dazu gehörten die Umsetzung von Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, die Freilassung politischer Gefangener und die Stärkung kommunaler Selbstverwaltungen.
Zugleich wurde auf strukturelle Probleme hingewiesen: Eine einseitige, zentralistische Regierungsführung stelle eines der größten Hindernisse für Frieden dar. Genannt wurden unter anderem die eingeschränkte Unabhängigkeit der Justiz, die Kontrolle der Medien, zunehmende Armut, Gewalt gegen Frauen und ökologische Zerstörung.
Auch die internationale Dimension spielte eine Rolle. Mit Blick auf die Konflikte im Nahen Osten wurde betont, dass die Region unter dem Einfluss globaler Mächte neu geordnet werde. Umso wichtiger sei es, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Glaubensgemeinschaften gemeinsame Wege des Dialogs und der Zusammenarbeit entwickeln.
Unterschiedliche Perspektiven – gemeinsame Herausforderungen
Auch andere politische Positionen wurden sichtbar: CHP-Abgeordneter Umut Akdoğan stellte Reformvorschläge seiner Partei vor, darunter Maßnahmen zur Stärkung kultureller Rechte und zur Aufarbeitung historischer Konflikte. Dabei wurde deutlich, dass verschiedene politische Akteure ähnliche Probleme erkennen, jedoch unterschiedliche Lösungsansätze verfolgen.
Die alevitischen Organisatoren hoben insbesondere die Bedeutung von religiöser Gleichberechtigung und Minderheitenrechten hervor. Eine nachhaltige Versöhnung könne nur gelingen, wenn die kulturellen und identitären Rechte aller gesellschaftlichen Gruppen vollständig anerkannt werden.
Ausblick
Ein Jahr nach den ersten neuen Signalen im Friedensprozess zeigt sich ein gemischtes Bild: Es gibt Bewegung, doch viele zentrale Fragen bleiben offen. Ob es gelingt, Vertrauen zwischen den Konfliktparteien aufzubauen und politische Reformen umzusetzen, ist weiterhin ungewiss.
Die Konferenz in Augsburg machte deutlich, dass die Entwicklungen in der Türkei weit über das Land hinaus beobachtet werden. In der Diaspora wird der Prozess aufmerksam verfolgt – mit Hoffnung, aber auch mit Skepsis.
Klar ist: Eine dauerhafte Lösung erfordert politische Schritte auf vielen Ebenen – und die Bereitschaft, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen gleichberechtigt einzubeziehen.
Tülay Hatimoğulları im Interview




