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Freitag, 23.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Vortrag

Die Kraft der Hoffnung gegen den Wahnsinn der Welt

Am 4. März 2026 versammelte sich im Augustanasaal des Annahofs in Augsburg ein Publikum, das spürte: Es geht um mehr als eine gewöhnliche Vortragsveranstaltung. Das Bündnis für Menschenwürde Augsburg – Schwaben e.V. hatte eingeladen, Jörn Seinsch moderierte den Abend, und Heribert Prantl sprach über einen Satz, der wie eine Warnsirene durch die Geschichte hallt: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“

Von Sait Içboyun

Heribert Prantl (links), Moderator Jörn Seinsch (Foto: Marko Petz)

Was folgte, war kein nüchterner Vortrag, sondern eine leidenschaftliche Intervention in einer Zeit, in der die Gewissheiten der Nachkriegsordnung zu zerbröckeln scheinen. Prantl beschrieb die Gegenwart als eine Welt, die von einem „gigantischen Staubsauger“ erfasst werde – eine Metapher für die rasante Erosion politischer Sicherheiten. Die Pandemie, die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die globale Klimakrise, die Rückkehr autoritärer Machtpolitik und die wachsende Instabilität der internationalen Ordnung hätten ein Klima geschaffen, das an die gefährlichsten Momente des Kalten Krieges erinnere. Die Angst vor dem Einsatz von Atomwaffen sei zurückgekehrt, sagte Prantl, und die Welt befinde sich heute in der gefährlichsten politischen Situation seit der Kubakrise von 1962. Für ihn war das keine abstrakte historische Analogie. Er erinnerte sich an seine Kindheit in der Oberpfalz, als seine Mutter während jener Krise Vorräte hortete, weil niemand wusste, ob die Welt in wenigen Tagen noch existieren würde. Diese Erinnerung, so Prantl, habe plötzlich wieder eine beklemmende Aktualität.

„Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen“

In diesem Zusammenhang zitierte er die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und ihren eindringlichen Appell: „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen.“ Dieser Satz wurde zum moralischen Leitmotiv des Abends. Er richtete sich nicht nur gegen Autokraten in der Ferne, sondern auch gegen Gleichgültigkeit und politische Müdigkeit in der Mitte der Gesellschaft.

Das Zentrum von Prantls Argumentation bildete der erste Artikel des Grundgesetzes. Sein Blick richtete sich dabei auf ein unscheinbares Wort, das häufig überhört wird: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Prantl verweilte bei dem kleinen Wort „des“. Darin liege die radikale Idee der europäischen Aufklärung. Im Grundgesetz stehe nicht die Würde des Deutschen, nicht die Würde des Nützlichen oder des Angepassten. Dort stehe schlicht die Würde des Menschen. In dieser kleinen Silbe verdichte sich die universelle Idee des Humanismus – die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, unabhängig von Herkunft, Religion oder Nutzen.

Gerade deshalb werde dieser Satz heute wieder zu einem politischen Prüfstein. Wenn politische Kräfte versuchen, die Menschenwürde ethnisch zu definieren oder bestimmte Gruppen aus dem Kreis der Gleichberechtigten auszuschließen, verlassen sie nach Prantls Überzeugung den Raum der Demokratie. Eine Partei, die Hass säe und Rassismus zur politischen Methode mache, könne sich nicht länger auf die demokratische Ordnung berufen.

Das Grundgesetz ist keine naive Verfassung

Dabei erinnerte Prantl daran, dass das Grundgesetz aus der Erfahrung der nationalsozialistischen Katastrophe entstanden ist. Es sei keine naive Verfassung, sondern eine wehrhafte Ordnung, die Instrumente der Selbstverteidigung enthält. Besonders scharf kritisierte er deshalb das Zögern der Politik im Umgang mit extremistischen Kräften. Dass bislang kein Verbotsantrag gegen die AfD gestellt worden sei, bezeichnete er als politische Unterlassung von erheblicher Tragweite. Gefährlich sei nicht der Antrag selbst – gefährlich sei es, ihn nicht zu stellen. Dabei berief er sich auf Carlo Schmid, einen der geistigen Architekten des Grundgesetzes, der einst vom „Mut zur Intoleranz gegenüber den Feinden der Freiheit“ sprach. Demokratie, so Prantl, müsse nicht alles tolerieren. Die Freiheit der Demokratie beinhalte nicht die Freiheit, ihre eigenen Grundlagen zu zerstören.

Doch Prantls Vortrag war mehr als eine Analyse politischer Gefahren. Er war auch eine Erinnerung daran, dass Demokratie ohne soziale Gerechtigkeit nicht bestehen kann. In diesem Zusammenhang sprach er vom Sozialstaat als einer der größten europäischen Kulturleistungen. Seine Aufgabe beschrieb er mit einem Begriff, der im Saal lange nachklang: Schicksalskorrektur. Das Leben beginne nicht gerecht. Das Schicksal verteile Chancen willkürlich. Manche Kinder wachsen in Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand auf, andere beginnen ihr Leben unter Bedingungen, die ihnen kaum Möglichkeiten lassen. Prantl erzählte von Lebensgeschichten wie denen eines Frühchens, eines Kindes aus einer drogenbelasteten Schwangerschaft oder eines Geflüchteten, dessen Heimat durch Krieg zerstört wurde. Der Sozialstaat sei der Versuch einer Gesellschaft, diese Ungleichheiten nicht einfach hinzunehmen, sondern ihnen mit Solidarität zu begegnen. Er organisiere Würde.

Demokratie ist ein Lebensprinzip

Immer wieder kehrte Prantl zu einer grundlegenden Einsicht zurück: Demokratie ist kein technisches System und keine bloße Ansammlung von Institutionen. Sie ist ein Lebensprinzip. Wahlen allein genügen nicht. Zwar nannte er Wahltage die „Geburtstage der Demokratie“, doch eine Demokratie, die sich nur an Wahlsonntagen manifestiere, bleibe schwach. Sie müsse im Alltag gelebt werden. Wer sich aus ihr zurückziehe und sich ins Private flüchte, begehe das, was die Griechen einst „Idiotie“ nannten – im ursprünglichen Sinne eines Menschen, der sich nicht um die Angelegenheiten der Gemeinschaft kümmert. Deshalb forderte Prantl eine demokratische Mobilmachung. Die Verteidigung der Grundrechte dürfe nicht allein Gerichten und Institutionen überlassen werden. Sie sei eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft.

Zum Ende seines Vortrags erinnerte er an die Entstehung des Grundgesetzes im Jahr 1949. Deutschland lag damals in Trümmern. Hunger, Zerstörung und moralischer Zusammenbruch prägten das Land. Und doch fanden Menschen den Mut, eine Verfassung zu schreiben, die auf der Würde jedes Einzelnen gründete. Prantl verglich diesen historischen Akt mit dem berühmten Bild vom Apfelbäumchen, das trotz aller Zerstörung gepflanzt wird. Aus diesem kleinen Baum ist in den vergangenen Jahrzehnten ein mächtiger Stamm geworden. Doch er steht heute unter Druck.

Hoffnung ist kein blinder Optimismus

Hoffnung, sagte Prantl zum Schluss, dürfe deshalb nicht mit blindem Optimismus verwechselt werden. Hoffnung sei die Kraft, dem Unglück den totalen Zugriff zu verweigern. In diesem Sinne zitierte er Leonard Cohen: „There is a crack in everything – that’s how the light gets in.“ In allem gebe es Risse. Doch genau durch diese Risse falle das Licht.

In der anschließenden Diskussion stellte der Augsburger Stadtrat Serdar Akin eine Frage, die mich noch lange über den Abend hinaus beschäftigte: Wie kann es sein, dass fast die Hälfte der Augsburger Stadtgesellschaft im Stadtrat kaum sichtbar repräsentiert ist? Für einen Moment verschob sich die Perspektive. Die großen Überlegungen zur Demokratie, die zuvor im Raum standen, bekamen plötzlich eine sehr konkrete, lokale Gestalt.

Denn Demokratie entscheidet sich nicht nur in Verfassungsartikeln oder geopolitischen Konflikten. Sie entscheidet sich auch in Städten, in Nachbarschaften, in Gemeinderäten. Gerade jetzt, wenige Tage vor den Kommunalwahlen am 8. März 2026, gewinnt diese Frage besondere Dringlichkeit. In ganz Bayern werden an diesem Tag neue kommunale Parlamente gewählt – in mehr als zweitausend Gemeinden, Städten und Landkreisen. Es sind diese lokalen demokratischen Räume, in denen politische Teilhabe sichtbar wird oder unsichtbar bleibt.

Die Frage nach Repräsentation, nach Sichtbarkeit und politischer Teilhabe in unserer Stadtgesellschaft verdient deshalb eine genauere Betrachtung. Auf diese konkrete demokratische Herausforderung in Augsburg werde ich in einem zweiten Teil dieser Reihe ausführlicher eingehen.

Der Abend im Augustanasaal endete ohne einfache Antworten. Doch er hinterließ etwas Wichtigeres: die Erinnerung daran, dass Demokratie kein Besitz ist, sondern eine Aufgabe – und dass Hoffnung gerade in dunklen Zeiten eine politische Kraft sein kann.


Kommentar

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