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Mittwoch, 10.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Augsburger Blick auf den Salzburger Jedermann

Es gibt Theaterabende, die glänzen weniger durch die Inszenie­rung als durch die äußeren Umstände – der Salzburger „Jedermann“ gehört zuverlässig in diese Kategorie. Zwischen goldenen Cadillacs, schmissigen Partyszenen und uralten Versen mischt Petrus höchst­selbst kräftig im Regiebuch mit. Wer als Augsburger Frei­licht­bühnen-Kenner glaubt, auf jedes Wetter­drama vorbereitet zu sein, merkt in Salzburg schnell: Hier gelten ganz eigene Festspielregeln.

Eine Glosse von Halrun Reinholz

„Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen 2025;
v.l.: Christoph Luser, Philipp Hochmair und Deleila Piasko.

Der „Jedermann“ ist ein fester Bestandteil der Salzburger Festspiele. Vor genau 105 Jahren wurde das Stück von Hugo von Hofmannsthal unter der Regie von Max Reinhardt zum ersten Mal auf dem Salzburger Domplatz aufgeführt. Ein Stück, das auf ein mittel­alter­liches Mysterien­spiel zurückgeht und in alter­tümlich klingenden Versen verfasst ist. Es geht um einen reichen Mann, der auf der Höhe seiner Lebenslust und in bester Party-Laune vom Tod aufgesucht und zum Mitkommen aufgefordert wird. Ernüchtert von der Abwendung aller seiner Freunde und Verwandten, tut er Buße.

In diesem Jahr spielte wieder der bekannte öster­reichische Schaus­pieler Philipp Hochmair den Jedermann, Deleila Piasko war seine „Buhlschaft“. Den Tod spielte Dominik Dos-Reis. Andrea Jonasson war als Jedermanns Mutter besetzt und der Grazer Christoph Luser ragte als Jedermanns „guter Gesell“ (bzw. Teufel) heraus.

Philipp Hochmair als Jedermann mit Deleila Piasko als Buhlschaft. Fotos: Monika Rittershaus

Der „Jedermann“ in Salzburg ist eine Freiluft­auf­führung und dadurch wetter­abhängig. Wenn es regnet, fällt die Auffüh­rung aber nicht aus, sie wird ins Große Fest­spiel­haus verlegt. Dank moderner Kommu­nika­tions­methoden erfahren die Zuschauer 1-2 Stunden vorher, wo sie sich einfinden müssen. Vor vielen Jahren war ich schon einmal beim „Jedermann“ in Salzburg. Es war den ganzen Tag wunder­bares Wetter, ein heißer Sommertag, aber abends, kurz vor Beginn der Vorstellung, rollte ein Gewitter an. Damals also Fest­spiel­haus. Doch die Atmo­sphäre ist nicht zu ver­glei­chen mit der Freiluft­auf­führung auf der Treppe vor den Dom-Arkaden. In diesem Jahr wagten wir einen neuen Versuch. Das Wetter war schon den ganzen Tag über durch­wachsen, Regen­wahr­schein­lich­keit 50 Prozent. Doch die Meldung kam: Aufführung auf dem Domplatz. Regen­schutz mitbringen.

Als Augsburger Frei­licht­bühnen-Profi weiß man, wie man sich da zu verhalten hat. Wir zogen mit Sitz­kissen und Regen­schutz los und nahmen unsere Plätze ein. Nach und nach strömte das Publikum herbei und wir mussten feststellen: Hier herrschte ein anderer Dresscode als auf der Augsburger Frei­licht­bühne: Schicke Dirndl, Leder­hosen, auch mal Abend­kleider, High-Heels, Anzüge. Fest­spiel­publikum halt. Kaum jemand schien einen Gedanken an Regen­schutz ver­schwendet zu haben. Nun gut, 50 Prozent ist wohl keine sehr hohe Wahr­schein­lich­keit. Die werden schon wissen.

Das Stück wird ohne Pause gespielt. Im Gegensatz zu den Musicals oder Opern auf der Augsburger Frei­licht­bühne hält sich die „Action“ auf der Bühne beim Jedermann in Grenzen. In der diesjährigen Insze­nierung (die auch die vom letzten Jahr war) hat Regisseur Robert Carsen sich immerhin ein paar Hingucker einfallen lassen: Jedermann kommt im goldenen Cadillac angefahren und wirft mit Geld um sich. Auch die zentrale Party-Szene ist ordent­lich auf­gepeppt. Wo das Stück nur einen langen Tisch vorsieht, an dem sich die Dialoge um das irdische Glück und die himm­lische Seligkeit abspielen, ist diesmal echte Party mit Live-Band und Tanz-Einlagen (Choreografie: Rebecca Howell) angesagt. Doch dann hat der Tod seinen beein­drucken­den Auftritt und die Party ist vorbei. Jedermann steht im Büßer­hemd da und sinnt über sein Leben nach.

Und genau in dem spannenden Moment fielen die ersten Tropfen vom Himmel. Erst nur ganz leicht, aber dann immer heftiger. In Augsburg wartet man in solchen Momenten darauf, dass die Vor­stellung abge­brochen wird – nicht wegen der Zuschauer, aber mit Rücksicht auf die Darsteller und die Rutsch­gefahr auf der Bühne. In Salzburg lief alles weiter, vielleicht, weil die gefähr­lichen Szenen mit Tanz und Bewegung vorbei waren. Wir zogen unseren Regen­schutz über und hörten kon­zen­triert zu. Zumindest versuchten wir das, denn an Kon­zen­tration war kaum zu denken. Scharen­weise verließen die edel geklei­deten regen­schutz­losen Besucher ihre Plätze und strömten an den Rand des Platzes, wo ein kleines Vordach sie vor dem Regen schützte. Als peinlich und respektlos empfand ich diese Völker­wande­rung. Auf der Bühne war der Regen kein Thema, die Vor­stellung nahm ungerührt ihren Lauf und nachdem alle sich positio­niert hatten, kehrte auch wieder etwas Ruhe ein. Dass auch die Schau­spieler genervt waren von der Unruhe in den Sitz­reihen, zeigte Christoph Luser, der Darsteller von Jedermanns Gesellen, indem er an passen­der Stelle ins Publikum fragte: „Ist eh noch jemand da oder sind alle schon gegangen? Das ist eine Frei­luft­auf­führung, da muss man auf alles gefasst sein.“

Zum Glück hatte Petrus bald ein Einsehen und der Regen ließ wieder nach. Der Schluss­applaus erforderte keinen Regen­schutz mehr, er kam auch von den „Geflüch­teten“ unter dem Vordach mit großer Herz­lich­keit. Dass der Treppen­absatz vor den Dom­arkaden durch den Regen dennoch gefährlich glatt geworden war, zeigte sich bei den launigen Rutsch-Eska­paden der Darsteller zum Abschieds­applaus.

So war er also für uns schon wieder nicht ganz regenfrei, der „Jedermann“ auf dem Domplatz. Vielleicht wagen wir in ein paar Jahren wieder einen neuen Versuch. Sicher­heits­halber mit Regen­schutz, wie wir es von Augsburg gewohnt sind.

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