Die Stadt HAT bereits viele Freilichtbühnen
Was für eine Entdeckung im Augsburger Rathaus! Pünktlich zum statischen Offenbarungseid an der Freilichtbühne am Roten Tor entdeckt die Stadtspitze plötzlich die Dezentralität. Unter dem wohlklingenden Motto „Eine Stadt, viele Freilichtbühnen“ wird der drohende Totalausfall der traditionsreichsten Spielstätte nun als „frischer Impuls“ verkauft. Das ist nicht nur kreativ – das ist zynisch.
Kommentar von Bruno Stubenrauch
Foto: DAZ
Denn die Wahrheit ist: Augsburg hat bereits viele Freilichtbühnen. Es sind die Hinterhöfe, die kargen Plätze im Univiertel, der kopfsteingepflasterte Annahof oder improvisierte Ecken in der Altstadt und den Stadtteilparks. Dort spielt die lokale Kulturszene schon seit Jahren – allerdings nicht aus Abenteuerlust, sondern aus purer Not. Die freien Veranstalter und kleinen Vereine bespielen diese Orte seit jeher, weil ihnen die Tür zum Roten Tor konsequent verschlossen blieb: Zu teuer, zu auflagenreich, zu exklusiv und schlicht zu ausgebucht durch das Staatstheater.
Dass OB Eva Weber nun ein „Miteinander“ beschwört, klingt in den Ohren derer, die jahrelang um jeden Stromanschluss und jede Dezibel-Erlaubnis feilschen mussten, wie blanker Hohn. Wo war dieses „Miteinander“, als die lokale Szene um eine solide Infrastruktur an genau diesen dezentralen Orten bettelte? Die Augsburger Club- und Kulturkommission (CUKK) fordert als Interessenvertretung der freien Szene in ihren aktuellen Wahlprüfsteinen nicht ohne Grund eine radikale Abkehr von der Fixierung auf prestigeträchtige Großprojekte.
Kultureller Verdrängungswettbewerb?
Hinter dem Slogan der „vielen Freilichtbühnen“ lauert zudem eine neue Gefahr: ein kultureller Verdrängungswettbewerb. Wenn das Staatstheater und die großen kommerziellen Player nun zwangsweise ins Stadtgebiet ausweichen, könnten sie in genau jenen Revieren wildern, die sich die lokale Szene mühsam erschlossen hat. Damit würde das „Miteinander“ vollends zur Luftnummer: Die Kleinen müssten weichen, damit die Großen ihr Programm retten können.
Wenn die Stadt davon spricht, „Kräfte zu bündeln“, meint sie im Kern: Die freie Szene soll den Karren aus dem Dreck ziehen, in den die Verwaltung ihn durch jahrelange Sanierungsverschleppung hineingefahren hat. Die Formel „Sicherheit ist nicht verhandelbar“ dient dabei lediglich als moralisches Schutzschild, um die berechtigte Frage zu ersticken, warum man die Tribüne überhaupt erst lebensgefährlich marode werden ließ. Dass das Debakel erst kurz vor der Kommunalwahl eingestanden wird, lässt den „Runden Tisch“ weniger wie ein Forum für Visionen, sondern wie ein taktisches Manöver zur Simulation von Betriebsamkeit wirken.
Augsburg braucht keine „neuen Perspektiven“ aus dem Rathaus-Labor. Die Szene weiß längst, wie man auf Asphalt und Gras Bühnen baut. Was sie braucht, ist eine Stadtverwaltung, die nicht erst dann den Dialog sucht, wenn ihr die eigene Decke auf den Kopf fällt. Die „vielen Freilichtbühnen“ gibt es längst – sie bräuchten nur endlich ein echtes Budget und verlässliche Standorte statt kreativer Übergangslösungen und warmer Worte.
