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Montag, 19.10.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Kommentar: Der Feind auf meiner Liste

Man kann sich bei jeder Kommunalwahl köstlich amüsieren. Heuer zum Beispiel darüber, dass man die WSA-Liste einem Casting-Büro als Besetzungsliste für einen Fassbinder-Film hätte verkaufen können.

Kommentar von Siegfried Zagler

Ein in die Jahre gekommener Vorstadtcasanova, eine junge Schönheit mit ukrainischen Wurzeln, ein Besitzer einer Hausmeisterfirma, eine Prokuristin eines Bestattungsinstituts schließen sich zusammen, um der Welt zu zeigen, wie herzlos die Welt ist: Die Augsburger Stadtmusikanten? Nein, “Fassbinder-Film” ist unpassend! Der erste Schelmenroman von Eckhart Henscheid würde besser zu den genannten WSA-Protagonisten passen, wäre da nicht plötzlich im eigenen Stall ein Feind entsprungen.

Der Zug nach Nirgendwo ist bei der WSA-Liste bereits vor der Abfahrt entgleist. Das Schlimmste, das einer politischen Gruppierung kurz vor einer Wahl passieren kann, ist der WSA-Liste passiert: Nun steht auf Platz 6 dieser Liste mit Marcella Reinhardt eine Frau, die sich von dieser Liste distanziert, weil sie rechtslastig sein soll und sich Peter Grab im Augsburger Stadtrat einst in einer Ausschussgemeinschaft mit der AfD befunden hat. Letzteres stimmt jedenfalls. Zutreffend ist auch der Sachverhalt, dass bunt zusammen gewürfelte Listen oft schneller auseinander fliegen als ein aufgerissenes Kopfkissen im Wind.

Marcella Reinhardt muss man vorwerfen, dass sie noch Cemal Bozoglus Postings auf Facebook abwiegelte, in dem er sie darauf hinwies, wer zum Beispiel Guido Fiedler ist (Listenplatz 34). Damals hätte sie die WSA-Liste noch verlassen können. Frau Reinhardt ist also ab heute zu einem blinden Passagier auf dem WSA-Dampfer geworden. Zu einem Passagier, der den ohnehin kaum seetüchtigen Kutter zum sinken bringen kann, bevor er den Hafen verlässt. Das hat es so noch nie gegeben: Eine prominente Frau steht auf einer Liste, deren Gruppierung sie nun von innen heraus bekämpft. Was für ein Schachzug, was für eine Hinterlist! Shakespeares Dramen sind dagegen ein reiner Kindergeburtstag.

Diejenigen, die die WSA-Liste gut finden, müssen nun bei der Wahl Marcella Reinhardt durchstreichen und diejenigen, die der WSA schaden wollen, könnten Reinhardt drei Stimmen geben, sodass sie weit nach vorne gewählt wird und zum Beispiel an Peter Grabs Stelle in den Stadtrat einzieht. Reinhardt könnte die WSA-Liste implodieren lassen.

Wahrscheinlicher ist aber, dass der Wähler dieses alberne Theater komplett abstraft, indem er die WSA-Liste als Gesamtkonstrukt ignoriert.