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Montag, 22.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Der heilige Gral der Moderne nennt sich „Baustelle“

Wer wissen will, warum der Mensch in der Moderne bereit ist, sich als unfertiges Wesen zu begreifen, sollte in Augsburg Halt machen. In Augsburg hat das Wort „Baustelle“ babylonische Höhe erreicht. Hier zeigen uns Baustellen, wer wir sind und wer wir gerne wären.

Von Siegfried Zagler



Gott erschuf die Welt in sieben Tagen, Ruhetag inklusive. So will es die christliche Legende, die unseren kulturgeschichtlichen Horizont weiter gezogen hat als jene linguistische Saga, die davon erzählt, dass die Ureinwohner Alaskas 17 verschiedene „Farbtöne“ zu differenzieren verstehen, wo unsereins nur ein „einziges Weiß“ erkennt. Eine Legende übrigens, die in der Moderne genauso unangreifbar in Stein gemeißelt schien wie der biblische Schöpfungsmythos im Mittelalter, das geisteswissenschaftlich erst zu Ende ging, als ein gewisser Charles Darwin die Weltbühne betrat.

Unsere Städte sind Orte der Abstraktion

Dass die Natur in all ihren Ausformungen und irrwitzigen Selbstbehauptungsprozessen einem stetigen Wandel unterworfen ist, gehört mittlerweile zum Standardrepertoire unseres Wissens und wäre nicht weiter der Rede wert, wären wir nicht ständig der Versuchung ausgesetzt, so zu tun, als wären wir als Spezies außerhalb der Natur angesiedelt. Die Stadt ist zum Beispiel ein Ort, wo sich diese irrige Vorstellung leicht pflegen lässt. Unsere Städte sind Orte, in denen sich die Natur auf gepflegte Parks und Blumengärten reduzieren, sind Orte der Kunst, sind Orte der Abstraktion, sind Orte, deren Bewohner „die Natur“ mit dem Wetter und den Nachrichten einer fernen Klimakatastrophe gleichsetzen. In der Stadt ist man vor der grausamsten aller Einsichten, dass wir nämlich der Schwerkraft genauso folgen müssen wie jeder Regenwurm, ein Stück weiter entfernt als auf der grünen Wiese. Dass wir dem Lauf der Natur gehorchen müssen, als hätte es die Schrift und die Bohrmaschine nie gegeben, ist für die Bewohner der Städte eine Art abstrakter Schöpfungsmythos, den man nicht weiter beachten muss, weil die Städte eine andere Welt darstellen, eine Art Gegenentwurf zur Schöpfungsgewalt der Natur, eine Abstraktion der natürlichen Welt, einen kühnen Entwurf, dessen Kraft in der Vielheit der Kulturen reflektiert wird. Die Stadt ist eine Welt in der Welt. Eine Welt mit universalen Regeln und einer universalen Religion, deren Evangelium der unaufhörliche Wandel, das ewige Fortkommen ist. Kontemplation und Entschleunigung sind in den Stadtwelten Teufelswerk, sind Vorboten des Niedergangs. Sinkende Bewohnerzahlen und Leerstand in Verbindung mit sinkendem Mietzins sind die Totenglocken, die diesen Niedergang ankündigen, sind im Evangelium der Städte sichere Zeichen einer urbanen Morbidität, der der Verfall der Sitten und der Rechtssicherheit zu folgen pflegt. Städte neigen entweder dazu, sich selbst zu fressen oder sich von selbst (ohne erkennbare Krankheit) aufs Totenbett zu legen. Gegen diesen Teufel hilft nur eins: bauen!

Die Baustelle als heiliger Gral der Moderne

Baustellen deklarieren die Stadt zu einem mythischen Ort

Baustellen deklarieren die Stadt zu einem mythischen Ort


Baustellen sind die Altäre der modernen Stadt. Sie deklarieren die Stadt zu einem mythischen Ort. Zu einem Ort, der unsere vorgestellte Differenz zur Natur reflektiert. Die Stadt war bereits im Mittelalter ein Ort des Fortschritts und der Hoffnung, eine Welt mit eigenen Mythen. Städte waren und sind per Definition Baustellen. In der Baustelle erkennt sich der Mensch als ewig fortschreitendes aber zugleich ewig unfertiges Individuum. Die Baustelle ist der heilige Gral der Moderne, ist ein Instrument der Erkenntnis, ein lärmender Spiegel, der uns auf uns selbst zurückwirft. Wie der Mensch nicht fertig entwickelt ist, sind seine Städte nie fertig gestellt. Die menschliche Daseinserfahrung des Unfertigen gehört zur Kategorie der Kränkung im Selbstbetrachtungsfortschritt. Eine Kränkung, die auszuhalten ist wie die Schwerkraft – oder ein Ohr, das pfeift.

Will man also außerhalb von New York, der Mutter aller Baustellen, wissen, ob es im Rest der Welt neue Erkenntnisse bezüglich der Existenz des Menschen gibt, dann muss man sich nach Augsburg aufmachen. In Augsburg darf man in Sachen Baustellen ein ähnlich hoch ausgebildetes Differenzierungspotential wie bei den Ureinwohnern Alaskas bezüglich der Farbe Weiß vermuten. In der Phase des Umbruchs soll es in Augsburg zirka 600 Baustellen gegeben haben. Aktuell steht die Altstadt und der Bahnhof im Fokus des öffentlichen Interesse. Die Bewohner der Altstadt sind genervt. Gegen den Bahnhofsumbau wird gestalterische Kritik laut, was nichts daran ändert, dass die Stadt Augsburg eine aufstrebende Stadt ist.

Baustellen verweisen auf eine bessere Zukunft

Ein Labyrinth aus Gruben, Baggern, Kränen, Dreck und Presslufthämmern

Ein Labyrinth aus Gruben, Baggern, Kränen, Dreck und Presslufthämmern


Nie war Augsburg eine aufregendere Stadt, nie großstädtischer als in dieser Zeit, die in die Stadtgeschichte als die Zeit des Umbaus und als „Zeit der Baustellen“ eingehen wird. Nie war die Spannung größer. Nie war unsere Stadt, nie waren unsere Verkehrswege unübersichtlicher. „Niemand steigt zweimal in den gleichen Fluss. Alles fließt.“ Heraklits „Panta rhei“ ist ein antiker Geniestreich, eine Andeutung der Moderne und ein Zitat, das man gerne auf sich stetig entwickelnde Großstädte münzt, während das Putzige und der ewig gleiche Trott des Gemütlichen für die Provinzstädtchen gilt: „Alles ist Eins.“ In Augsburg ist alles im Fluss. Wie wird es sein, wenn alles fertig gebaut ist? Wann wird das sein? Wann hört das Unfertige auf? Der Grüne Stadtrat Christian Moravcik beziffert den Sanierungstau der Stadt auf eine Milliarde Euro. Augsburgs Tourismusdirektor Götz Beck hätte schon längst damit werben können: Eine Stadt, deren Zentrum über Jahre hinweg beinahe vollständig in einer Baustelle versinkt, lärmend Bewohner und Besucher durch ein Labyrinth aus Gruben,  Baggern, Kränen, Dreck und Presslufthämmern schickt, hat es in dieser Form in Deutschland nach dem Krieg nicht mehr gegeben. Mit Wiederaufbau hat die unfertige Stadt des Religionfriedens allerdings nichts zu tun, sondern vielmehr mit den Versäumnissen der Vergangenheit, die die Bewohner Augsburgs nach einer langen Phase der Selbstverliebtheit in einen Zustand  der Ratlosigkeit versetzt, in einen tranceartigen Schwebezustand: Baustellen sind die Nahtstellen des Bewusstseins, sie leiten die Metamorphose ein, sind Übergangszustände, imaginäre Fähren zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen. Die Vergangenheit wird neu begriffen, das Zukünftige nennt sich „Versprechung“. Baustellen betonen das Vorübergehende im Hier und Jetzt und verweisen gleichzeitig auf die größte aller Verheißungen: eine bessere Zukunft.