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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

„A jump to the left, and then a step to the right“ – Zeitsprung mit Mitmach-Knigge

Die Freilichtbühne lockt zum Abschluss der Spielzeit mit der „Rocky Horror Show“, dem Kult-Musical aus den Siebzigern, das Generationen seither im Kino gesehen haben. Klamauk und gute Laune garantiert.

Von Halrun Reinholz

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Rocky Horror Picture Show auf der Freilichtbühne. Foto: (c) Nik Schölzel


Einem bekannten Kinofilm Konkurrenz zu machen ist eine Herausforderung für einen Bühnenregisseur. Und die „Rocky Horror Picture Show“ ist seit den 70er Jahren der Kult-Film schlechthin gewesen: Frivol, politisch unkorrekt (wen interessierte sowas damals schon?), und frei von jedem Tiefsinn. Dass das Stück dennoch (und immer noch) gut ankommt beim Publikum, liegt an der Musik und an der guten Laune, die es trotz des bizarren Inhalts verbreitet.

Grund genug für den Regisseur Christian Brey, es auf die Augsburger Freilichtbühne zu bringen. Nicht als Kopie des Films, sondern als Mitmach-Klamauk mit gelegentlichen lokalen Anspielungen, der auf der opulenten Freilichtbühne bestens zur Geltung kommt. Das spießige Pärchen Brad und Jenny (Marlene Hoffmann und Sebastian Baumgart) gerät in einer Gewitternacht aufgrund einer Autopanne in die skurrile Welt des Transvestiten Frank`n Furter (Andreas Köhler) und seiner Konsorten vom Planeten „Transylvania“. Dieser hat sich einen Menschen geschaffen, Rocky (Tom Dewulf), der an diesem Abend vorgeführt und gefeiert werden soll. Soweit die dürre Handlung, die jedoch mit Ohrwürmern und Mitmach-Handlungen garniert ist, wie sie beim gleichnamigen Kinofilm sozusagen Pflicht sind.

Mitmachklamauk mit lokalen Anspielungen

Doch wird deren ungehemmter Einsatz vorsorglich kanalisiert: Kein Reis oder sonstige Lebensmittel (Toastbrot) sollen auf die Bühne geworfen werden. Stattdessen darf sich der Gast für 4 Euro ein „Mitmachpaket“ kaufen und anhand eines beigefügten Mitmach-Knigges geordnet enthemmt sein. Ein Spaß ist das allemal, auch wenn das Augsburger Publikum der ausdrücklichen Aufforderung zur Verkleidung zumindest bei der Premiere kaum sichtbar folgte. Wichtiger schien die Ausstattung mit den üblichen Freilichtbühnen-Utensilien wie Regencapes und Sitzkissen. Zu Recht, wie sich herausstellte, denn trotz strahlenden Sonnenscheins zu Vorstellungsbeginn schlich sich doch tatsächlich ein Schauer pünktlich zur Pause heran. Danach wurde weiter gespielt. Let`s do the time warp again.

Das Bühnenbild nutzte die Freilichtbühne geschickt mit einer großen Roten Treppe und einem dominanten roten Mund an deren oberem Ende. So wurde der Auftritt der Darsteller zu einem Balance-Akt im wahrsten Sinne des Wortes, was mit Strapsen, Netzstrümpfen und Plateau-Schuhen mit Überhöhe eine wahre Herausforderung gewesen sein muss. Doch die Transsylvanier Riff-Raff (Andy Kuntz), Columbia (Peti van der Velde), Magenta (Kira Pimke) und natürlich Hauptstar Frank`n Furter („I`m just a sweet Transvestite“ – Andreas Köhler) stöckelten nicht nur gekonnt treppauf und treppab, sondern überzeugten auch durch ihren Gesang. Im Kontrast dazu Brad und Janet, die frisch verlobt und ordentlich gekleidet mit der Isetta in dieses Paradiesvogel-Land kommen und ihre Hemmungen bis hin zu Janets Stepp-Tanz ebenso schnell ablegen wie die züchtige Bekleidung. Die Figur des Dr. Scott – der dozierende Schlaumeier, dessen Kommentare man laut Mitmach-Knigge mit dem Zuruf „boring“ quittiert – hat Regisseur Brey mit Sebastian Arranz und einer lebensgroßen Puppe besetzt. Der gelernte Puppenspieler Arranz vereint diese Fertigkeit mit seinem komödiantischen Talent, was die Figur nicht nur beim Rock`n Roll im Rollstuhl sehr plastisch erscheinen lässt. Der hirnlose Homunkulus Rocky (Tom Dewulf) und der derbe Rocker Eddie (Matthias Kern, der natürlich stilvoll auf der Harley einfährt) vollenden das Panoptikum der Darsteller. Temporeich abgerundet wird das Bühnenspektakel von dem Ballettensemble des Theaters und von den „Phantoms“, dem „externen Chor“, der extra für die Produktion zusammengestellt worden war. Musikalisch hatte Tim Allhoff mit seiner Band alles unter Kontrolle – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Musiker saßen in einer Art Wolkenkuckucksheim am oberen Ende der Treppe.

Begeisterung beim Premierenpublikum

Trotz gelegentlicher Längen im zweiten Teil begeisterter Applaus vom Premierenpublikum, das seine Mitmach-Utensilien ordnungsgemäß nach Anweisung verwendet hatte. Kein einziges Feuerzeug bei „There`s a light“, die Knicklichter wurden wie verordnet für das Schlusslied „I`m going home“ aufgespart. Ohne Murren. Ohne die Aufmüpfigkeit der Siebziger. Anderer Zeitgeist. Spaß hatte das Publikum offenbar trotzdem. Und die weiteren Vorstellungen sind angeblich so gut verkauft wie schon lange nicht mehr. Da kann man nur noch die Ratsche zücken und auf einen gnädigen Wettergott hoffen. „For the late night, double feature picture show!“



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