Nach dem Lächeln kommt die Pflicht
Es war ein Fest der Demokratie. Überall in der Stadt hingen sie: die lächelnden Gesichter von Menschen, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen, die buchstäblich Gesicht zeigten. Dieses Engagement ist ein echtes Gut unserer politischen Kultur – keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Versprechen. Doch Versprechen haben eine unangenehme Eigenschaft: Man muss sie einlösen. Auch die kleinen.
Ein Appell an Augsburgs Wahlkämpfer von Sait İçboyun

„sauber, ökologisch, ordentlich“ (Foto: Sait İçboyun)
Wer dieser Tage mit wachem Blick durch Augsburg geht – etwa an der Friedberger Straße am Spickelbad – sieht, was von diesem Fest übrig geblieben ist. Plakate im Gebüsch, durchnässt, verbeult, von Wind und Regen gezeichnet. Der Slogan einer Partei, „Zukunft macht Schule“ ,wirkt in diesem Kontext beinahe wie ein unfreiwilliger Witz. Denn zur Schule der Politik gehört eben auch: aufräumen nach der großen Pause.
Die Sprache des Mülls
Es ist ein überparteiliches Phänomen. Ob SPD, AfD, Grüne, CSU, Linke oder Volt – fast überall begegnen einem noch die Vergessenen. Gewiss: Die überwiegende Mehrheit der Plakate wurde vorbildlich entfernt. Aber die verbleibenden Reste sprechen eine eigene Sprache. Ein verrottetes Plakat in der Wiese, ein Kabelbinder, der wie ein Plastik-Skelett am Ampelmast hängt – das sind keine Kleinigkeiten. Das sind Botschaften.
Und diese Botschaft lautet: Wir wollten eure Aufmerksamkeit. Aber eure Stadt? Die ist uns jetzt egal.
Das trifft besonders jene, die man eigentlich erreichen wollte: die Nichtwähler, die Skeptiker, die Menschen, die Politik schon lange für ein Spiel halten, das nach der Wahl ohne sie weitergeht. Wer diese Menschen abholen will, sollte zumindest zeigen, dass die eigene Sorgfalt nicht an der nächsten Hecke endet.
Respekt beginnt vor der eigenen Haustür
Vielleicht wurden manche Plakate aus Wut heruntergerissen. Vielleicht hat der Wind geholfen. Das mag sein. Aber Verantwortung bedeutet genau das: noch einmal zurückgehen, mit offenen Augen, und nachsehen. Wer im Stadtrat über die Zukunft Augsburgs entscheiden will, sollte beweisen, dass er die Gegenwart seiner Mitbürger ernst nimmt.
Wahre Vorbildfunktion zeigt sich nicht auf Hochglanzpapier im Scheinwerferlicht. Sie zeigt sich darin, die Stadt so zu hinterlassen, wie man sie im Wahlprogramm versprochen hat: sauber, ökologisch, ordentlich.
Die neuen und alten Stadträtinnen und Stadträte haben jetzt die Gelegenheit zu beweisen, dass ihr Engagement nicht mit dem Wahlabend endete. Bürgernähe beginnt nicht im Sitzungssaal. Sie beginnt im Gebüsch – beim Aufsammeln der eigenen Versprechen.