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Donnerstag, 16.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Werthers neue Leiden, Büchners Brain und ein absurder Kaktus

Am Theater Augsburg stehen drei Premieren an

Von Frank Heindl

Drei Premieren stehen am Theater Augsburg in den nächsten Wochen an – in einer „Schauspiel extra“-Veranstaltung gaben die Verantwortlichen am vergangenen Sonntag Einblicke in die laufenden Produktionen und Ausblicke darauf, was das Publikum im Hoffmannkeller und auf der Brechtbühne erwartet.

„DDR-Story, ohne DDR-typisch zu sein“

Am Donnerstag, 22.11. findet die erste dieser drei Premieren im Hoffmannkeller statt. „Die neuen Leiden des jungen W.“ stehen auf dem Programm, jenes DDR-Stück aus den 70ern, das zwischen 1973 und 1980 auf mehr als einhundert deutschsprachigen Bühnen aufgeführt wurde. Und das dafür verantwortlich ist, dass Markus Trabusch noch heute geknöpfte Jeans denen mit Reisverschluss vorzieht – ein Stück Jugendkultur aus den 70ern also, aus der DDR zwar, aber „nicht DDR-typisch“, wie Trabusch anmerkte. Was Jeans in den 70ern bedeuteten, zumal in der DDR, wie überhaupt das Leben damals war – kann man das heute noch vermitteln, interessiert das noch jemanden? Regisseur Ramin Anaraki ist überzeugt, man müsse in einer heutigen Inszenierung „den Hintergrund mit erzählen“, dann könne man „das Stück ins Heute ziehen“ und so dessen Relevanz für die Gegenwart, auch und vor allem für gegenwärtige Jugendliche, deutlich machen. Jugendrelevant ist das Thema allemal: Der 17jährige Edgar (Ulrich Rechenbach) unternimmt einen Ausbruchsversuch, flieht aus dem Elternhaus, verliebt sich in die bereits verlobte Kindergärtnerin Charlie (Sarah Bonitz) – und liest nebenbei Goethes „Leiden des jungen Werthers“. Die Geschichten entwickeln Parallelen und bei Plenzdorf ist das Ende „ähnlich wie bei Goethe, aber auch ganz, ganz anders“ (Anaraki). Die Schauspieler hören zur Veranschaulichung derzeit Musik der DDR-Rockbands „Puhdys“ und „Renft Combo“ und lesen beispielsweise die Biographie des Tatort-Gerichtsmediziners Jan Josef Liefers, „Soundtrack meiner Kindheit“. Dass es da für jüngere Menschen viel zu entdecken gibt, machten die Protagonisten am Sonntag unfreiwillig selbst deutlich: Mit unverhohlenem Staunen nähern sich sowohl Regisseur Anaraki als auch Schauspielerin Bonitz einer Zeit, die sie selbst nicht bewusst erlebt haben.

Ein Container in der Brechtbühne

Brechtbühne: Ein Container im Container ist am 25. November zu sehen.

Brechtbühne: Ein Container im Container ist am 25. November zu sehen.


Drei Tage später, am Sonntag, 25. November, steht in der Brechtbühne die Premiere von Juli Zehs „Der Kaktus“ an. Eine Farce, in der es viel zu lachen geben soll, die aber eine ernsten Hintergrund hat: Um den Überwachungsstatt geht es der Autorin nicht nur in diesem, sondern in mehreren ihrer engagierten Schriften. Unter anderem schrieb sie 2009 zusammen mit Ilija Trojanow das Buch „Angriff auf die Freiheit“ zu diesem Thema. Umso bemerkenswerter, dass Zeh aus dem bedrückenden Stoff eine höchst absurde Komödie macht, die sich, so Regisseur Fabian Alder, „sehr unterhaltsam“ liest, und deren Gag darin besteht, dass ein überengagierter GSG9-Mann (Klaus Müller) bei der Terroristenfahndung in einem Blumenladen nicht den gesuchten Islamisten, sondern jemand ganz anderen verhaftet… Das anschließende Verhör ist kompliziert, ein weiterer Polizist (Toomas Täht), die Polizeianwärterin Susi (Olga Nasfeter) und schließlich auch noch Dr. Schmidt vom BKA (Ute Fiedler) verwirren die Lage zusehends, der Angeklagte allerdings bleibt trotz verschärfter Verhörmethoden von alldem seltsam unberührt. Gespannt darf man auch auf das Bühnenbild sein: Ausstatter Nikolaus Frinke will das Gebäude einbeziehen und den Eindruck eines Hochsicherheitstraktes erzeugen. Und auf der Bühne wird als Ort der Handlung ein Bürocontainer stehen – ein Container im Container sozusagen.

Verzweifeltes Lachen in Büchners Komödie

Als erste der Premieren steht schon am kommenden Sonntag, 11. November, in der Brechtbühne Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ an. Auf den kurzen Text des „Stückchens“ – so der Theaterkritiker Alfred Polgar 1911 – möchte sich Regisseur Januar Philipp Gloger allerdings nicht beschränken. Die Geschichte des Prinzen Leonce, der die ihm unbekannte Prinzessin Lena nicht heiraten will und sich auf der Flucht genau in diese Lena verliebt, ohne von deren wahrer Identität zu ahnen, dieser einfache Plot interessiert Gloger vor allem in seinen Bezügen zu Büchner. „Ein Fluchtversuch nach Georg Büchner“, hat er seine Inszenierung untertitelt. Der junge Georg Büchner, schon 23jährig gestorben, wird heute als hochgradig depressiv beurteilt, in seiner revolutionären Novelle „Lenz“ hat er sein vor sich selbst fliehendes Alter Ego deutlich mit Zügen geistiger Verwirrtheit ausgestattet. Wovor war dieser Büchner auf der Flucht? Wie half ihm seine Doktorarbeit über die „Schädelnerven der Barben“ – Büchner war ausgebildeter Mediziner – beim Sezieren der eigenen Gedanken, beim Blick unter die eigene Schädeldecke? Gloger will dem Rätsel näher kommen, indem er auch Texte aus dieser wissenschaftlichen Arbeit und ebenso Passagen aus „Dantons Tod“, besagtem „Lenz“ und natürlich dem „Woyzeck“ in die Komödie einflicht – „Büchners Brain“ so der Regisseur, hätte man den Abend ebenso nennen können. Er nehme – „ich warne Sie!“ – das Stück „ziemlich auseinander“, kündigt Gloger an, wolle dabei „abstrakte Dinge sinnlich greifbar machen.“ Lachen immerhin dürfe man dabei trotzdem – „man kann schließlich auch verzweifelt lachen.“