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Samstag, 24.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Sensemble Theater: Schlagabtausch im Boxring

Sebastian Seidel inszeniert Schimmelpfennigs „Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes“

Von Halrun Reinholz



Einen etwas sperrigen Titel hat sich der Vorzeige-Dramatiker Roland Schimmelpfennig da ausgedacht, um das Problem des Verhältnisses von Erster und Dritter Welt, von Entwicklungshilfe, Abhängigkeiten und Neokolonialismus anzusprechen. Das ebenso sperrige Thema reduziert er auf den Dialog zweier Ärztepaare, seit Studienzeiten befreundet sind und sich nach sechs Jahren wiedersehen. Karen und Martin waren in Afrika, um vor Ort medizinische Hilfe zu leisten, während Liz und Frank sich Wohlstand aufgebaut und neben „Haus mit Garage“ auch eine kleine Tochter „zugelegt haben“. Dieser gehört die titelgebende Puppe „Peggy Picket“, biegsam und aus Gummi, die sie samt einem liebevollen Brief „Annie“ schenken will – dem vermeintlichen afrikanischen  Pflegekind von Karen und Martin, für das die beiden in Deutschland gebliebenen Ärzte regelmäßig Geld überweisen. Annie ist, wie sich herausstellt, Opfer des Bürgerkriegs geworden, der die beiden Ärzte auch zur Rückkehr gezwungen hat.

Dass der Abend des Wiedersehens eine Katastrophe wird, weil zwei Welten aufeinander prallen, erfahren die Zuschauer gleich im ersten Satz. Denn  Schimmelpfennig unterbricht die zunehmend unter Alkoholeinfluss stehenden Gespräche der Protagonisten („Der Gott des Gemetzels“ grüßt erkennbar!) durch Kommentare, Rückblenden und Gedankenspiele, nimmt den Faden durch Wiederholungen wieder auf und unterwandert die Linearität damit immer wieder. Das ist auch eine Herausforderung für den Regisseur, denn viel dramatisches Potenzial hat das Stück nicht. Es lebt vom Text, der sich immer wieder zum Schlagabtausch aufbauscht, um sich dann erneut die Maske des zivilisierten Miteinanders überzustülpen. Sebastian Seidel wählte das Bild des Boxrings – suggeriert von Textstellen wie „Sie versetzte ihr einen Schlag ins Gesicht“. Es sind tatsächlich die Frauen, die sich die Schlagabtausche liefern, die Männer stehen ihnen lediglich bei und feuern sie an. Obwohl es um beide Beziehungen nicht zum Besten steht, wie man durch den Meta-Text erfährt.

Vor der Aufführung werden die Zuschauer mit einem Film konfrontiert. Er zeigt die vier Protagonisten in Sportkleidung im Boxring, die beiden Frauen treten gegeneinander an. Boxring dann auch auf der Bühne. Liz (etwas overdressed für ein simples Abendessen zu Hause) und Frank (Dörte Trauzeddel und Florian Fisch) erwarten ihre Gäste Karen und Martin (Daniela Nering und Heiko Dietz), die sich bald auch im Ring einfinden. Vom Essen wird allerdings nur gesprochen, denn der Champagner löst die Zungen und sorgt dafür, dass kein Fettnäpfchen ausgelassen wird. Immer krasser weichen die offiziellen Dialoge („Ihr seht gut aus, ihr seht richtig gut aus!“) von dem ab, was die Beteiligten tatsächlich voneinander denken oder sich selbst nicht eingestehen.

Und dann müssen die Frauen immer mal wieder in Boxstellung gehen, sich den Handschuh überstreifen und sich gegenseitig jeweils einen Schlag versetzen. Die Video-Replik auf der Leinwand folgt (sportlich korrekt).

Ob der Regisseur der Schlagkraft des Textes nicht getraut und deshalb den Boxring gewählt hat? Die Schauspielerinnen jedenfalls hätten auch so überzeugend gewirkt: Dörte Trauzeddel als Perfektionisten-Mama mit schlechtem Gewissen, die stolz darauf ist, dass ihre Tochter die Lieblingspuppe nach Afrika schicken will. Und ihr gegenüber Daniela Nering, abgeklärt und geknickt, weil sie die beste Zeit ihres Lebens einem Ideal geopfert hat und nun materiell und ideell vor dem Nichts steht. Nein, geboxt hätten die beiden Damen nicht miteinander. Frauen würden sich eher mit dem Florett duellieren, wenn sie der jeweils anderen die guten Taten in exotischem Ambiente oder im Gegenzug Kind und Garage übelnehmen. Dennoch: es geht um den vermeintlich sportlich-fairen Schlagabtausch, den die weitgehend passiven Männer als aufmerksame Coaches verfolgen. Und so gesehen trifft die Aufführung den Nerv des Stückes, das die Zuschauer ohnehin abrupt und ratlos entlässt.

Doch auch da schafft das sensemble Theater auf bewährte Weise Abhilfe mit einem Rahmenprogramm, das jeweils nach den Vorstellungen den Gesprächsbedarf deckt. Eingeladen sind neben dem Forum Annahof Organisationen wie Humedica, PLAN International oder Eltern für Afrika e.V. Denn l`art pour l`art ist es nicht, was hier geboten wird. Wie Brecht schon wusste, sind alle Fragen offen, wenn der Vorhang fällt. Und harren einer Antwort, die die Kunst nicht geben kann.