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Donnerstag, 21.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Sensemble gegen Stadttheater

Spielplanturbulenzen: Brechtbühne darf Barlows „Messias“ nicht aufführen

Von Frank Heindl

Die „etwas andere Weihnachtsgeschichte“ sei ein „herrlicher Zwei-Stunden-Witz“, schrieb die Süddeutsche Zeitung, „ein einziger Theaterspaß“, urteilte der österreichische „Standard“. Die Rede ist von dem Stück „Der Messias“ des englischen Autors Patrick Barlow. Zwei Schauspieler führen darin die gesamte Weihnachtslegende auf und übernehmen dabei alle Rollen selbst – Erzengel Gabriel inklusive. In Augsburg allerdings hat das Stück nun für Verärgerung gesorgt – und zu Verstimmung zwischen Sensemble- und Stadttheater.

Frohe Weihnachten! Jörg Schur und Birgit Linner in der „Messias“-Inszenierung des Sensemble-Theater, die voraussichtlich auch 2012 die einzige in Augsburg sein wird (Foto: Sensemble-Theater).

Frohe Weihnachten! Jörg Schur und Birgit Linner in der „Messias“-Inszenierung des Sensemble-Theater, die voraussichtlich auch 2012 die einzige in Augsburg sein wird (Foto: Sensemble-Theater).


Sensemble-Leiter Sebastian Seidel entdeckte kürzlich verblüfft, dass Barlows Stück, das sein Theater seit dem Jahr 2002 jährlich fünf- bis achtmal (und damit insgesamt wohl gut 70 bis 80mal) und mit großem Erfolg auf die Bühne gebracht hat, plötzlich auch auf der Agenda des großen Konkurrenten steht: Das Stadttheater kündigt in seinem neuen Spielplan die Inszenierung von Barlows „Messias“ auf der neuen Brechtbühne an: Premiere am 25. November 2012, in der Vorweihnachtszeit also und just zur selben Zeit, in der auch Seidel vom Erfolgsstück profitieren wollte. „Zuerst mal hatte ich eine Wut auf den Rowohlt Verlag“ berichtet Seidel. Der Verlag ist Inhaber der deutschen Rechte und hatte Seidel zugesagt, diese in Augsburg nur dem Sensemble zu überlassen.

Doch dann wendete sich Seidels Entrüstung schnell gegen Schauspieldirektor Markus Trabusch. Der habe zu Zeiten, als das Stadttheater in der Öffentlichkeit um seine neue Bühne kämpfte, „in einer flammenden Rede“, so Seidel zur DAZ, die Solidarität der Augsburger Kulturszene gefordert. Dass der große Bruder am Kennedy-Platz nun die erfolgreichste Inszenierung des Sensemble-Theaters übernehmen wolle, schien Seidel „ein direkter Angriff auf mein Theater“. Wenn Trabusch die Kulturszene brauche, mailte Seidel dem Schauspieldirektor, stelle er Forderungen, „und wenn Sie ihr Ziel erreicht haben, sind Ihnen die anderen Künstler der Stadt wieder vollkommen gleichgültig!“

Beim Theater wiegelt man ab. Markus Trabusch war gestern nicht zu sprechen, Pressesprecher Philipp Peters versuchte die Wogen zu glätten: Alles ein Versehen, niemand wolle Seidel und sein Theater beschädigen und überflüssige Konkurrenz zwischen den Theatern schaffen. Man werde in den nächsten Tagen beraten, wie man die Situation bereinigen könne. Dies wird wohl nur durch die Wahl eines anderen Stückes geschehen können – beim Rowohlt Verlag steht man nämlich zum Versprechen an Seidel. Ein solches Vorgehen sei im Übrigen nichts Besonderes, sondern allgemeine Regel, sagt Nils Tabert, Leiter des Rowohlt Theaterverlags: „Wir können die Aufführungsrechte für ein Stück nicht zweimal vergeben, schon gar nicht in einer eher kleinen Stadt wie Augsburg – das würden wir nicht mal in Berlin machen.“

Seidels anfänglicher Ärger über den Verlag ist inzwischen verflogen – tatsächlich hat Rowohlt die Rechte nicht nur nicht ans Stadttheater vergeben. Sondern das Stadttheater hat es schlichtweg versäumt, sich um die Aufführungsrechte zu kümmern. Tabert gibt zu, dass ein kurzer Anruf genügt hätte, um Klarheit zu bekommen, sagt aber gleichzeitig, derartige Komplikationen seien durchaus die Regel: „Das ist eine Sache, die immer wieder passiert – die Theater machen ihre Spielpläne und kümmern sich anschließend in aller Ruhe um die Aufführungsrechte.“ Barlows Stück werde zwar viel gespielt, sei aber schon älter – man habe in Augsburg wohl nicht damit gerechnet, dass die Rechte innerhalb der Stadt schon vergeben seien.

Bleibt also nicht einmal der Vorwurf einer übergroßen Schludrigkeit. Sondern nur Seidels zweite Klage: Sollten Trabusch und das Stadttheater gar nicht gewusst haben, dass das kleine Theater in der Bergmühlstraße seit zehn Jahren mit Erfolg den „Messias“ spiele, dann müsse man schlicht von „Ignoranz“ sprechen.