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Montag, 22.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Ballettpremiere Missing Link: Vielfalt in Grautönen

„Tanz ist Verwandlung des Raumes, der Zeit, des Menschen …“

Missing Link © Jan-Pieter Fuhr

Das Programmheft zum Ballettabend „Missing Link“ zitiert mit diesen Worten Augustus Aurelius. Was bedeutet es, wenn eine Ballettproduktion schon vor der Premiere restlos ausverkauft ist? Dass das Publikum den Ballett-Machern blind vertraut! In seiner zweiten Spielzeit als Ballettdirektor hat der bescheiden und sympathisch auftretende Ricardo Fernando die Augsburger Ballett-Fans längst überzeugt und ihre Herzen gewonnen. Nun also die zweite Premiere der Spielzeit, ein Ballettabend mit vier verschiedenen Chorografien, eine davon vom Hausherrn selbst. Das Format hat sich bewährt, es ruft Neugier hervor und wird vom Publikum gut angenommen. Und der kryptische Titel „Missing Link“, so wird in der Einführung erläutert, ist einfach dem Umstand zu verdanken, dass man keine Verbindungslinie zwischen den Teilen fand, keinen Bogen konstruieren konnte. Die Zuschauer seien dazu aufgerufen, vielleicht einen zu entdecken.

Es ist übrigens auch die erste Ballettproduktion in der neuen Brechtbühne,  dem Interim auf dem Gaswerkgelände, das auch beim zweiten Mal Hinschauen als angenehmer Aufenthaltsort auffällt. Den Einstieg in den Tanzreigen macht Ihsan Rusten mit „Yidam“ auf Musik von Michael Gordon. Der Titel verweist auf den tibetischen Buddhismus und reflektiert die in der Meditation hergestellte „Verbindung im Geist“, die tänzerisch fließend umgesetzt wird. Nach einer Umbaupause folgt „The piece“ von Riccardo de Nigris – dem Augsburger Publikum vertraut als ehemaliger Tänzer und Hauschoreograf, der mittlerweile freischaffend arbeitet. Es ist die aufwendigste Choreografie des Abends, die eine „Geschichte“ erzählt – Menschen sind (auf Musik von Massimo Margaria mit dem bezeichnenden Titel „Life Machine“) in roboterhaften Bewegungen gefangen, agieren automatisch und unreflektiert – bis ein Hindernis (in diesem Fall ein großer orangefarbener Sitzsack) auftaucht und den Automatismus durchbricht, die Akteure zum Reagieren bringt. Dadurch entsteht Unvorhergesehenes, Überraschung, auch Komik. „The piece“ bringt im wahrsten Sinne des Wortes Farbe ins Geschehen: Katharina Diebel hat die Tänzer blau eingekleidet, während Felix Weinold die Bühne mit Leuchtröhren und Spots bestückt hat. Die Leuchtröhren an der Decke sind Teil der Choreografie, sie knicken zum Ende konzertiert ab.

Ricardo Fernandos pas de deux „Voices“ auf die Musik „Innocent“ von Pust  ist ein inniger getanzter Dialog, bereits 2013 in Düsseldorf bei der Tanzplattform Deutschland uraufgeführt. Der Abend endet mit einer „Geburtstagsparty“ im Mambo-Rhythmus. Der 1978 geborene Gustavo Ramirez Scansano erinnert mit „18 +1“ schlicht daran, dass er bereits vor 19 Jahren zum ersten Mal mit einer Choreografie vor Publikum getreten ist. Dieses „Kind“ ist vor einem Jahr volljährig geworden, was ausgelassenes Feiern durchaus rechtfertigt. Als Abschluss also ein bisschen lustvoll statt meditativ, die frackähnlichen Kostüme lassen sogar sowas wie Ballstimmung aufkommen.

Und was könnte jetzt doch der Link sein, der die vier Choreografien zusammenhält? Ohne das bunte Einsprengsel von Riccardo de Nigris „The piece“ wäre mir sofort eine Gemeinsamkeit eingefallen: Die Vorliebe für Grau bis Schwarz bei den Kostümen, die wohl dem Zeitgeist geschuldet ist. In dieser depressiven Jahreszeit hebt sich das leuchtende Blau mit dem orangefarbenen Sack der Nigris-Choreografie wohltuend davon ab. Also doch kein Link, der alles verbindet. Still missing. Aber ein abwechslungsreicher, anregender Ballettabend mit einem außergewöhnlich guten Ensemble. —– Halrun Reinholz

 

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