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Freitag, 21.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Referentenposse

Kommentar von Frank Heindl

Der OB hatte auf dem Rückweg aus München Verspätung – das kann vorkommen. Deshalb übernahm nicht er, sondern – nun ja, eben nicht der Kulturreferent und dritte Bürgermeister Peter Grab, sondern, was läge näher, der Finanzreferent und zweite Bürgermeister Hermann Weber die Begrüßungsrede der Stadt. Dass dabei mal wieder in inspirationsfreier Beamtenrhetorik von den „örtlichen Brecht-Ressourcen“ die Rede war, wäre keinen eigenen Kommentar wert, aber eine spitze Glosse schon. Doch die Phantasielosigkeit beim Versuch einer Würdigung des größten Dichters, den Augsburg, und eines der größten, die Deutschland hervorgebracht hat, verblasste hinter der Tatsache, dass die Stadtspitze den Anlass dazu benutzte, ihren Kulturreferenten und dritten Bürgermeister ein weiteres Mal zu düpieren.

Nachweislich falsch sind Gerüchte, Grab habe seinen Rücktritt eingereicht, sei er doch mit Redeverbot zu diversen Themen seines Ressort belegt und mittlerweile nahezu ohne Geschäftsbereich, weil alles, was er beginne, über kurz oder lang als „Chefsache“ bei Gribl lande. Sogar die neue Zuordnung des Brechtfestivals – raus aus dem Kulturamt, hin zum OB – hatte ja schon im vergangenen Jahr den Kulturreferenten in Bezug auf das Festival deutlich zurückgestutzt.

Peter Grab ist aber offiziell immer noch im Amt – und mittlerweile kann er einem beinahe leidtun. Denn weit und breit rührt sich keine Hand für ihn. Im Gegenteil: Beim Rathausempfang nach der Eröffnung des Brechtfestivals konnte man sich ohne jedes Nachfragen sogar von seinen Parteigenossen hämische Kommentare abholen, die in etwa besagten, wer so in seinem Amt agiere, habe keine andere Behandlung verdient; bei der Opposition ist man dieser Ansicht ohnehin schon seit Grabs Amtsantritt.

Gerüchte, OB Gribl arbeite an einem neuen Zuschnitt von Grabs Amtsbefugnissen und damit an einer kalten Entmachtung, haben sich ebenfalls bisher nicht bewahrheitet. Indes scheint das auch gar nicht mehr nötig: Kanusport, Curt-Frenzel-Stadion, Staatsbibliothek, Öffnungszeiten der Stadtbücherei – alles ehemals Grabthemen, alles derzeit „Chefsachen“. Und bei der Eröffnung des Brechtfestivals ließ der OB in Abwesenheit seinen kaltgestellten Referenten nicht mal auf die Reservebank. Irgendwie peinlich, dass diese Referentenposse ausgerechnet aufgeführt werden muss, wenn Augsburg sich anschickt, sich mit einem Thema wie Brecht über die Stadtgrenzen hinaus bemerkbar zu machen.