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Freitag, 23.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Lange, spannende, preiswerte Nacht

Mehr als 150 Programmpunkte: am 16. Juni findet die „Lange Nacht der Kirchen und Klöster“ statt

Von Frank Heindl

Im Jahr 1012 wurden Benediktinermönche nach Augsburg berufen – auf diese Tatsache beziehen sich die Augsburger Benediktiner, wenn sie nun ihr Jubiläumsjahr „1000 Jahre Benediktiner in Augsburg“ feiern. Einer der Gründe, weshalb die diesjährige „Lange Kunstnacht“ am 16. Juni als „Lange Nacht der Kirchen und Klöster“ gefeiert wird. Unter der Leitung von Elke Seidel aus dem Kulturamt ist ein fulminantes Programm mit mehr als 150 Einzelveranstaltungen entstanden. Schade, dass sie alle in einer Nacht stattfinden, denn es gibt eine unglaubliche Vielzahl an Highlights.

Das Trio Tinnabuli musiziert im Diözesanmuseum mit Stücken von Arvo Pärt, Bach, Fauré, Satie und anderen.

Das Trio Tinnabuli musiziert im Diözesanmuseum mit Stücken von Arvo Pärt, Bach, Fauré, Satie und anderen.


Allein schon die Veranstaltungsorte würden für mehrere Besichtigungswochenenden reichen: An mehr als 50 Plätzen in der Stadt kann der Besucher den „spirituellen Wurzeln der Stadt“ nachspüren. Dabei geht es selbstverständlich nicht nur um die Wurzeln der Benediktiner, die den Gästen der Kunstnacht beispielsweise den Garten ihrer Abtei bei St. Stephan und die kleine, vielen Augsburgern unbekannte St.-Gallus-Kirche öffnen und dabei Einblicke in ihre Geschichte geben, die nicht nur Augsburg und seine Stadtgesellschaft entscheidend geprägt haben – ein gewisses ehrfürchtiges Erschauern wird wohl auch den überkommen, der ansonsten wenig für Religiöses übrig hat.

Allerdings dominiert das Religiös-Feierliche keineswegs die Nacht. Schon der Titel des Eröffnungskonzerts der Augsburger Philharmoniker im Goldenen Saal zeigt ja an, dass das Thema „Klöster und Kirchen“ durchaus von mehreren Seiten beleuchtet wird: „Zwischen Himmel und Hölle“ heißt das Programm, das von Mozarts „Champagnerarie“ bis zu Offenbachs „Galop infernal“ reicht. Man könne „ohne Schwellenangst“ zu den Konzerten, Performances, Ausstellungen, Führungen und vielem mehr kommen, betont Elke Seidel, könne „auch ohne Gottesdienst“ die sakralen Orte der Stadt betreten.

Traditionelles, Improvisationen, Experimentelles

Und, natürlich, dort Überraschungen erleben: Neben vielerlei „traditionellen“ Orchester-, Orgel- und Chorkonzerten etwa den Jazz-Saxophonisten Stefan Holstein mit Improvisationen über Musik der neuerdings heiligen Hildegard von Bingen, mit Iris Lichtingers stimmlicher Erforschung des Minimalisten Philip Glass oder ihrer bunten Mischung aus Werken von Purcell bis Elvis Costello – beides in St. Jakob. Spannend könnte auch eine Aktion von Sebastian Guissani werden: Nach St. Sebastian, eigentlich ein Ruhepol inmitten der Stadt nahe der MAN-Werke, holt der Musiker gerade den Lärm herein, der normalerweise draußen bleiben soll – und vermischt Maschinenklänge mit Orgelmusik.

Labyrinth: Das Theater „Anu“ beleuchtet den Fronhof mit tausenden von Kerzen.

Labyrinth: Das Theater „Anu“ beleuchtet den Fronhof mit tausenden von Kerzen.


Auch der interreligiöse Aspekt kommt in der Nacht der Augsburger Kirchen und Klöster nicht zu kurz: Die tanzenden Derwische des türkischen Galate Mevlevi Ensemble kann man im Goldenen Saal hören, man kann aber auch die Tepe Basi Moschee am Katzenstadel im Rahmen einer 30-minütigen Führung besichtigen. Das Stadttheater ist mit verschiedenen Veranstaltungen und allen vier Sparten vertreten, das Theater „Anu“ installiert im Fronhof ein Lichterlabyrinth auch tausenden von Kerzen und installiert im Garten des Schaezlerpalais ein kurioses Engelsmuseum, dessen Besitzer auf der Suche nach „seinem“ himmlischen Boten ist. Wem nach vergleichender Kunstgeschichte ist, der kann im Kaffeehaus Thalia den Parallelen zwischen Liebesliedern der Renaissance und der leichten Muse des 20. Jahrhunderts nachlauschen, wer es fernöstlich mag, dem liefert die Sängerin Isabell Münsch die Klänge ihre „Heil-Instrumente“ in der Ulrichsbasilika. Und wer dann doch wieder zu den christlichen Wurzeln zurückkehren mag, der ist an den verschiedensten Stationen zwischen 19 Uhr und 22.15 zur Komplet, also zum Abendgebet eingeladen.

Großes Programm trotz Etatkürzung

Nach dem Nachtgebet muss allerdings noch lange nicht Schluss sein. Ab halbzwölf ist im Kaffeehaus Thalia nochmal Stephan Holstein zu hören – diesmal mit seinem „Blue Monk Quintet“. Der Zusammenhang zur Kirchen- und Klösternacht der ist zwar ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, denn mit „Blue Monk“ dürfte weniger ein blauer Mönch als vielmehr ein Werk des Jazzkomponisten Thelonious Monk gemeint sein. Für einen niveauvollen Ausklang dürfte das Konzert trotzdem allemal taugen.

Dass die lange Nacht der Kirchen und Klöster derart umfangreich und vielfältig geplant werden konnte, darf man als kleines Wunder bezeichnen. Im Vorfeld war der Etat der Kunstnacht von 60.000 auf 53.000 Euro gekürzt worden. Dass trotzdem so viele Künstler und Programme zu sehen sind, führt Elke Seidel vom Kulturamt schlichtweg auf das „unglaubliche Engagement der Augsburger Kunstszene“ zurück. 40.000 Euro hat Seidel als zusätzliche Einnahmen aus dem Ticketverkauf kalkuliert – das Abendticket, das, abhängig vom vorhandenen Platz, prinzipiell zu allen Veranstaltungen Zutritt verschafft, ist im Vorverkauf für 12, an der Abendkasse für 14 Euro zu haben. Für das Eröffnungskonzert im Goldenen Saal werden weitere 2 Euro fällig. Im Preis enthalten ist die Benutzung eines Shuttle Busses, der die Besucher nach St. Max und St. Sebastian bringt, sowie die Benutzung der Buslinie B3 vom Königsplatz zu Herz Jesu und zurück.

150 Programmpunkte an 50 Orten – das macht eine sinnvolle Planung des Abends nicht gerade einfach. Wer die Nacht perfekt durchorganisieren möchte, der sollte auf jeden Fall auch das Internet nutzen: Unter www.langekunstnacht.de gibt es einen „Nachtplaner“, mit dessen Hilfe die Abendgestaltung gleich sehr viel einfacher wird.