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Freitag, 23.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kurzkritik zur Nacht: Gefangene in engen Schränken

Hebbels „Maria Magdalena“ im Großen Haus

Maria Magdalena (Judith Bohle) würde sich gerne einrichten im engen Kästchendenken der kleinbürgerlichen Sphäre – doch die Zeit läuft ihr davon (Foto: Nik Schölzel).

Maria Magdalena (Judith Bohle) würde sich gerne einrichten im engen Kästchendenken der kleinbürgerlichen Sphäre – doch die Zeit läuft ihr davon (Foto: Nik Schölzel).


Judith Oswalds Bühne – das ahnt man schon nach den ersten Szenen – ist ein Geniestreich. Turmhoch besteht Meister Antons Haus aus Schränken, nichts als Schränken. Hochpsychologisch ist dieses Bild, in Freudscher Tiefe illustrierend, wie der Tischlermeister und seine Zeit ihre Geschöpfe in viel zu enge Kästen sperren, wie deren Vorstellungen von Tugend und Moral, Rechtschaffenheit und Ordnung nicht mehr den Erfordernissen standhalten. Er verstehe die Welt nicht mehr, lässt Hebbel seinen Meister Anton am Ende sagen. In Anne Lenks packender Inszenierung wird diese Phrase zum ergreifenden Verzweiflungsschrei: Wie der Gekreuzigte klammert Anton (Martin Herrmann) sich an eines der selbst gefertigten hölzernen Gefängnisse, noch im absoluten Scheitern unfähig, das Scheitern der eigenen Vorstellungen zu erkennen. Viel Applaus! Am Montag mehr darüber in der DAZ. Frank Heindl