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Freitag, 23.02.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Meinung

Kommentar: Die Kahnfahrt versenkt sich selbst

Die Situation bezüglich der Augsburger Kahnfahrt gleicht einer Provinzposse, die, würde man sie in einer Kurzgeschichte, in einem Roman oder einem Bühnenstück erzählen wollen, kaum glaubhaft zu dramatisieren wäre.

Kommentar von Siegfried Zagler

Foto: privat

„Absurdistan am See“ war nämlich ein Ort in einem unbekannten Paralleluniversum, in dem völlig andere Regeln und Gesetze herrschten als jene, die in jenem Universum mit unserer Erde vorzufinden sind, wo man sich mit der Schwerkraft und der Marktwirtschaft herumzuschlagen hat. Dass dieses Paralleluniversum Kahnfahrt nun nicht mehr existiert, ist eine große Chance für die Kahnfahrt – und ein großes Risiko zugleich.

Das „Paralleluniversum Kahnfahrt“ konnte existieren, weil die Stadt Augsburg für ihre städtische Liegenschaft einen dergestalt niedrigen Pachtzins nahm/nimmt, die Rede ist von zirka 330 Euro/Monat, sodass sie sich selbst verklagen müsste – oder zumindest ein Gutachten oder eine interne Untersuchung in Auftrag geben müsste, wer es zu verantworten hat, dass an dieser Stelle der Steuerzahler zugunsten des Profites einer Privatperson über den Tisch gezogen wurde.

Beim Höhmannhaus hat die Stadt genau so argumentiert: Weil angeblich der Museumsleiter eine zu niedrige Miete veranschlagt haben soll (damals zirka vier Euro pro Quadratmeter) und dadurch ein „nicht unerheblicher Schaden“ entstanden sein soll, wurde ein teueres Gutachten in Auftrag gegeben und gegen den Vermieter (Museumsleiter) eine interne Untersuchung eingeleitet. Der Museumsleiter kam gestärkt aus dieser Affäre hervor. Die Stadt, vertreten durch den damaligen Kulturreferenten Thomas Weitzel, beschädigte sich selbst.

Gehen wir davon aus, dass die der DAZ zugespielte Zahlen stimmen, dann verlangte die Stadt Augsburg von der Familie Balogh für ihre Liegenschaft über viele Jahrzehnte nur eine Art „Scheinmiete“ von zirka 70 Cent pro Quadratmeter – möglicherweise sogar weniger. Da wundert es wenig, dass Bela Balogh, der aktuelle Betreiber der Kahnfahrt, es sich leisten konnte/kann, „seine“ Kahnfahrt sechs Monate im Jahr zuzusperren – von 1. Oktober bis 1. April ist die Kahnfahrt tatsächlich geschlossen.

Mit seinem Konzept der zahlreichen Privatveranstaltungen (Hochzeiten, Betriebsfeiern, Geburtstage) reduzierte Balogh auch während der Saison den öffentlichen Besuch der Kahnfahrt. Wenn sich also Arno Löb und andere Kahnfahrt-Liebhaber mit romantischen Aktionen und Petitionen („Rettet die Kahnfahrt“) dafür einsetzen, dass die Augsburger Kahnfahrt erhalten bleibt, dann sollten sie auch dazu sagen, welche Kahnfahrt sie meinen. Die der Balogh-Dynastie oder eine Kahnfahrt mit normalen Öffnungszeiten?

Es ist schwer zu verstehen, dass Balogh und die Stadt seit 2019 die Sachlage kannten: Keine Baugenehmigung, kein zweiter Fluchtweg. Natürlich lagen zwei für die Gastronomie harte Corona-Jahre dazwischen, doch das kryptische Interview, das Liegenschaftsreferent Wolfgang Hübschle dem BR gab, lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Stadt jahrelang ein Kahnfahrt-Auge zugedrückt hat und die Nutzungsunterlassung für Balogh nicht aus heiterem Himmel kam.

Einfach gedacht, könnte man zur Auffassung kommen, dass Bela Balogh das Opfer ist und die Stadt Täterin. Und vermutlich fühlen sich beide Parteien sogar so. Doch das ist falsch, denn Opfer sind die Bürger der Stadt Augsburg, die sich entweder mit der reduzierten Balogh-Gastronomie arrangieren müssen, oder eben in der Tat zu befürchten haben, dass die Kahnfahrt viele Monate oder gar Jahre geschlossen bleibt, da sich die Stadt bei ihren Liegenschaften schwer tut, wenn sie einen Pächterwechsel organisieren muss, wie es bei der Kresslesmühle, beim Café in der Stadtbücherei oder bei der Kneipe „Der Rabe“ beim Abraxas geschehen ist.

Täter wäre in diesem Fall Bela Balogh, der sich benimmt, als wäre er ein von der Stadt zu Unrecht gestürzter Fürstensohn, dessen Kahnfahrt-Blutlinie bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, woraus sich diverse Privilegien ableiten würden, ohne die er nicht mehr existieren könne.

Warum sich Bela Balogh auf das von der Stadt angebotene Betreiberkonzept nicht einlassen will, ist bei dem niedrigen Mietzins nicht zu verstehen. Doch vielleicht pokert Balogh nur und lenkt in letzter Sekunde ein. Sollte die Kahnfahrt 2023 jedoch geschlossen bleiben, hat das in der Hauptsache nicht die Stadt, sondern der Pächter zu verantworten.