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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Kaspar Hauser im tim: Aus der Not eine Tugend gemacht

Als vorletzte Opernpremiere dieser Spielzeit zeigt das Theater Augsburg die zeitgenössische Oper „Kaspar Hauser“ von Hans Thomalla. Eine Produktion aus Freiburg, die dort im Herbst uraufgeführt wurde und in Koproduktion auf der Bühne des Großen Hauses ein Höhepunkt der Opernsaison sein sollte.

Von Halrun Reinholz

Kaspar Hauser im schlauchartigen Raum des tim

Kaspar Hauser im schlauchartigen Raum des tim -- Foto: A.T. Schaefer (c)


Die halb-szenische Aufführung im tim ist dennoch mehr als eine Notlösung. Am Boden liegt ein Mann, über und über mit Schlamm beschmiert, und gibt bruchstückhafte Sätze von sich. Die Geschichte von Kaspar Hauser, der 1828 in Nürnberg aus dem Nichts aufgetaucht ist und dessen Geheimnis nie gelüftet wurde, hat Schriftsteller fasziniert und Fantasien beflügelt. Peter Handke hat sich damit ebenso beschäftigt wie Werner Herzog, und nun hat der Komponist Hans Thomalla das Geschehen auf die Opernbühne gebracht. Nun, Geschehen ist übertrieben. Die kargen Fakten über Kaspar Hauser geben für die szenische Darstellung nicht allzu viel her. Am Theater Freiburg fand sie, inszeniert von Frank Hilbrich, wie geplant auf der Bühne statt, aber in Augsburg musste man sich mangels Theater mit einer halb-szenischen Notlösung im Textilmuseum behelfen.

Der schlauchartige Raum mit den hoch über den Köpfen schwebenden überdimensionierten Kleidern, die zur Ausstattung des Museums gehören, war gar nicht so schlecht geeignet für die sehr dichte eineinhalbstündige Aufführung. Ungewohnt zwar, dass das Orchester mitsamt dem Dirigenten Lancelot Fuhry hinter den Sängern platziert war, so dass dieser die Akteure im Rücken hatte. Doch akustisch war dies kein Fehlgriff und Fuhry meisterte seine Aufgabe trotz der rhythmisch schwierigen atonalen Musik konzentriert und souverän. Die szenische Darstellung beschränkte sich auf in Gruppen auftretende Sänger, die verschiedene Rollen verkörperten und sich immer wieder neu zusammenfanden, sowie der zentralen Gestalt des Kaspar Hauser, der als einziger darstellerisch wirkte und auch voll kostümiert (oder eben vielmehr mit Schlamm beschmiert) war. Dadurch wurde auf das Kreatürliche dieses von der Zivilisation unbeleckten Individuums angespielt.

Mit großer Virtuosität verkörperte der ebenfalls aus Freiburg mitgebrachte Countertenor Xavier Sabata diesen schwierigen Part. Alle anderen Sänger gehören zum Umfeld des Augsburger Ensembles, wobei vor allem die junge Samantha Gaul positiv auffiel, neben der wie immer routinierten Sally du Randt die einzige Frauenrolle. Christopher Brusietta, Matthias Schulz, Giulio Alvise Caselli, Erik Völker und der Eleve am Haus Alexander York teilten sich die zahlreichen Männerrollen. Trotz Übertitel war es bei der konzertanten Darstellung kaum möglich, die Personen zuzuordnen und ihnen zuverlässig zu folgen, doch das tat dem Verständnis keinen Abbruch.

Ein überraschend dichter, eindrucksvoller Opernabend, der aus der (Raum-) Not durchaus eine Tugend machte.



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