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Freitag, 17.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Glaube, Liebe, Hoffnung

“In Deutschland glaubt man daran, in Argentinien hofft man darauf” titelte die französische Tageszeitung Liberation ihren Vorbericht zum WM-Finale 2014.

Von Udo Legner



Glaube, Liebe, Hoffnung – auf dem langen Weg ins Finale war es auf beiden Seiten zum Schulterschluss mit Fans und Kritikern gekommen. In Argentinien wussten die Albiceleste (die Weiß-Himmelblauen) auch den Papst auf ihrer Seite, was die BZ bescheiden zu kontern wusste: “Ihr seid Papst – Aber wir sind Götter”.

Bevor die beiden Finalisten im Stadion zum ultimativen Gottesbeweis antraten, hatten sie sich auf ihrem Weg ins WM-Finale in die Herzen ihrer Fans gespielt. Dementsprechend befanden sich Argentinien wie Deutschland vor dem Spiel im Ausnahmezustand und Millionen von Fans fieberten landauf, landab in den Landesfarben dem Endspiel entgegen. Was die Fans im WM-Stadion von Rio de Janeiro und auf den Fanmeilen von Buenos Aires bis Berlin einte, war die Angst, bei dieser Tragödie mit klassischer Fallhöhe am Ende mit leeren Händen dazustehen und von ihren Fußballhelden aus allen Titelträumen gerissen und in schmerzhaftestes Leiden gestürzt zu werden.

In der Favoritenrolle: Motiviert bis auf die Haarspitzen

Motiviert bis auf die Haarspitzen lief die deutsche Mannschaft ins Estádio do Maracanã zum Aufwärmen ein. Es sah ganz so aus, als habe sich die deutsche Elf von ihrem Coach Jogi Löw emanzipiert und sich das Warten auf das WM-Finale uniformo in einem brasilianischem Friseursalon verkürzt – welch ein Kontrast zu den Löwenmähnen von Beckenbauer, Breitner & Co., den Weltmeistern von 1974!

Dass auch ältere Fußballfans bei diesem an den Haaren herbeigezogenen Vergleich nicht nostalgisch wurden, lag daran, dass die deutsche Elf auf dem Weg ins Finale ihr Gesicht gewonnen hatte. “Never change a winning team” – nach dem Hin und Her in den Vorrundenspielen hatte sich eine Stammformation herauskristallisiert, deren Spielweise mehr und mehr Anlass zur Zuversicht gab und Deutschland zum WM-Favoriten machte. So schien der vierte WM-Stern zum Greifen nahe.

Schreckensmeldung: Kramer für Khedira 20.48 Uhr: Wie eine kleine Bombe platzte die Meldung herein, dass sich Sami Khedira beim Aufwärmen verletzt hatte. Laut ARD leidet Real-Star Sami Khedira an Wadenproblemen und wird von Christoph Kramer im Mittelfeld ersetzt. Messi gegen die Mannschaft, Romero gegen Neuer, Ballbesitz gegen Konterfußball: Was man sich vor Spielbeginn so schön zu recht gereimt hatte, plötzlich war es Makulatur. Kann Kramer bei seinem WM-Startelf-Debüt Khedira gleichwertig ersetzen und gegen den viermaligen Weltfußballer Lionel Messi bestehen?

Argentinien zeigt Biss

Die ersten zehn Minuten machten deutlich, dass die Philosophie von Alejandro Sabellas aufgehen könnte: Mit acht Mann und großer Aggressivität agiert Argentinien in der Defensive und baut auf Messi als Schaltstation beim Konterspiel. Trotz geringerer Spielanteile wirkte Argentinien zu Beginn torgefährlicher.

In der 9. Minute gibt Messi Hummels das Nachsehen, doch seine Flanke wird von Schweinsteiger abgefangen. Wiederholt kommen die Argentinier über die linke Abwehrseite gefährlich vor das deutsche Tor und lassen Höwedes des öfteren schlecht aussehen. Ballverluste beim Spielaufbau und das Fehlen von Überraschungsmomenten sind ausschlaggebend dafür, dass die deutsche Elf in der ersten Viertelstunde keinen rechten Zugriff auf das Spiel bekommt und lediglich bei Standards Torgefährlichkeit erkennen lässt.

Schrecksekunde in der 17. Minute: Christoph Kramer bekommt von Ezequiel Garay die Schulter ins Gesicht gerammt, kann aber weiterspielen. In Minute 24 gerät das deutsche Team fast in Rückstand. Nach Fehler von Toni Kroos läuft Gonzalo Higuain allein auf Neuer zu und verschießt kläglich.

Este Chancen für die deutsche Elf

Auch wenn das deutsche Spiel nach vorne an Dynamik gewinnt, spielen die Argentinier die nächste Torchance heraus. Aufatmen bei den deutschen Fans in der 30. Minute: Higuains Tor wird vom italienischen Unparteiischen Nicola Rizzoli nicht gegeben, da er beim Zuspiel von Lavezzi im Abseits steht. In der 32. Minute kommt Andre Schürrle für Christoph Kramer, der von seiner Kollision mit Garay sichtlich gezeichnet ist.

Bis zum Halbzeitpfiff geht es nun Schlag auf Schlag. Nach starkem Flankenlauf von Thomas Müller kommt Schürrle zum Abschluss, doch Romero – unterstützt von Özil – vereitelt diese Großchance. Auf der Gegenseite klärt Boateng in letzter Sekunde gegen Messi. In der letzten Minute der Nachspielzeit fast das 1:0 für Deutschland. Nach Ecke von Kroos steigt Höwedes am höchsten und hämmert den Kopfball an den Innenpfosten!

Erneute Drangperiode der Argentinier

Wer gedacht hatte, dass die deutsche Elf in der 2. Halbzeit von ihrer ersten Großchance mit neuem Schwung aus der Kabine zurückkommen und sich weiter steigern würde, sah sich bald eines Besseren belehrt. Die Argentinier zeigen sich nach Höwedes’ Pfostenkracher hellwach und kommen durch Messi und Higuain zu weiteren guten Chancen. Geprägt von großer Ruppigkeit dümpelt das Spiel bis zur 75. Minute etwas dahin. Gegen das Abwehrbollwerk der Argentinier fehlt es dem deutschen Offensivspiel an Präzision und Durchschlagskraft, nicht zuletzt weil Thomas Müller, Schweinsteiger und Toni Kroos den Turnierstrapazen zusehends Tribut zollen müssen. In der 79. Minute eine Schrecksekunde für die deutsche Elf: Manuel Neuer muss sein ganzes Können aufbieten, um einen Pass von Messi zu entschärfen.

Die letzten zehn Minuten der regulären Spielzeit gehören der deuschen Mannschaft, die deutlich macht, dass sie sich die Verlängerung ersparen will. In der 80. Minute wird Höwedes von der vielbeinigen argentinischen Abwehr gerade noch am Abschluss gehindert. Zwei Minuten später erreicht ein brillantes Zuspiel von Mesut Özil Toni Kroos, dessen Schuss knapp am Tor vorbei streicht.

In der 88. Minute wechselt Jogi Löw erneut. Für den WM-Torrekordhalter Klose ist die Weltmeisterschaft zu Ende und Mario Götze übernimmt die Rolle des Goalgetters. In der Nachspielzeit lassen beide Teams nichts mehr anbrennen und das WM-Finale geht in die Verlängerung. Fazit: Ein hochdramatisches und völlig ausgeglichenes Finale ohne die ganz großen spielerischen Höhepunkte. Trotz größerer Spielanteile und Offensivdrangs gelingt es der deutschen Elf nur selten, Torgefahr zu erzeugen.

0:0 nach 90 Minuten – Verlängerung im WM-Finale

Gleich zu Beginn der Nachspielzeit haben beide Teams die Chance zum Führungstreffer. Nach Riesenzuspiel von Götze verzieht Schürrle aus halblinker Position. Auf der Gegenseite müssen Boateng und Hummels ihre ganzen Defensivkünste aufbieten, um vor Messi und Aguero zu klären. In der 102. Minute bleibt Schweinsteiger nach einer Attacke von Mascherano von Krämpfen geplagt liegen, kommt aber ins Spiel zurück.

Torlos geht es in die letzten 15 Minuten der Verlängerung. Gleich nach Wiederanpfiff lässt Rizzoli die rote Karte stecken, als Mascherano mit gestrecktem Bein Schweinsteiger zu Fall bringt. Schweini blutet im Gesicht und muss das Feld kurz verlassen.

Führung für Deutschland – Mario Götze!

In der 113. Minute fällt wie aus dem Nichts das 1:0 für Deutschland. Schürrle schließt seinen Flankenlauf auf links mit einer präzisen Flanke in die Mitte ab. Götze nimmt den Ball genial mit der Brust an und schießt im Fallen die deutsche Elf mit einem Kunstschuss in den Fußballhimmel von Rio de Janeiro.

Ohne groß in Bedrängnis zu kommen rettet die deutsche Mannschaft ihren Vorsprung bis zur 120. Minute. In der letzten Minute der Nachspielzeit bekommt Argentinien nach Foulspiel von Schweinsteiger an Messi noch einen Freistoß. “Don’t Cry For Me, Argentina” – die Welt hält den Atem an. Erinnerungen an das Spiel gegen Nigeria werden wach, wo der Weltfußballer aus ähnlicher Position traf. Doch Messis setzt den Freistoß hoch über Manuel Neuers Tor. Der Fußballgott bleibt auch in den Schlusssekunden auf Seiten der Deutschen und belohnt Jogi Löws Elf für ihren großen Kampf mit dem vierten WM-Titel.