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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

FCA: Wer soll bloß die Tore schießen?

Eine genauere Lektüre des Interviews der Augsburger Allgemeinen mit FCA-Präsident Klaus Hofmann lässt zwei Schlüsse zu. Erstens, Fußballexperte Hofmann schätzt die Leistungsstärke des Augsburger Kaders als stark genug ein und liegt damit richtig, zweitens Hofmann liegt damit weit daneben und der FCA beginnt seine siebte Bundesligasaison mit einem Kader, der nicht bundesligatauglich ist.

Kommentar von Siegfried Zagler

Nehmen wir einfachhalber an, dass letzteres zutreffend ist. Dann ist der Abstieg des FCA in Stein gemeißelt. Es sei denn, dass Hofmann und Co. umdenken und kurz vor Toresschluss noch Spieler nach Augsburg transferieren, die den FCA sofort weiterbringen. Hofmann spricht sich in dem eingangs erwähnten Interview zwar dafür aus, dass das Transferfenster deutlich früher schließen soll, doch diese etwas scheinheilige Auffassung relativiert sich schnell, wenn man daran erinnert, dass der FCA im letzten Jahr wenige Stunden vor Terminschluss Martin Hinteregger nach Augsburg transferierte und dabei goldrichtig lag.

Dass der Transfermarkt bis zum 31. August offen ist, nützt ohnehin kleineren Vereinen, wenn sie ihre begehrten Spieler mit länger laufenden Verträgen versehen haben und die Topklubs der europäischen Ligen in Panik verfallen. Und man muss nicht über jeden Geldsack springen, wie Dortmund und Liverpool gerade beispielhaft vor Augen führen.

Den FC Augsburg haben Winter-Transfers in der Liga gehalten. Ohne Winterleihe Koo wären die Augsburger bereits in der ersten Saison wieder abgestiegen. Ohne Martin Hinteregger, das lässt sich ohne Wenn und Aber sagen, wäre der FCA in der vergangenen Saison sang-und klanglos abgestiegen.

Der FCA ist nicht nur nominell schwächer als in der Vorsaison, sondern auch faktisch

Altintop und Kohr, die mit ihren Toren gegen Wolfsburg maßgeblich an einem sogenannten „Sechspunktesieg“ beteiligt waren, sind gerade als Duo ein großer Qualitätsverlust. Mit ihren Toren gegen Wolfsburg haben die beiden in einem Sechspunkte-Spiel Akzente gesetzt, als es darauf ankam. Bobadilla hat mit großem Willen gegen Bremen in letzter Sekunde das Siegtor erzielt. Ohne diese Spieler wäre der FCA längst in der Zweiten Liga aufgeschlagen. Verhaegh weg, Altintop weg, Kohr weg, Bobadilla weg und Stafylidis auf dem Sprung. Der FCA ist aktuell nicht nur nominell schwächer als in der Vorsaison, in der der FCA mit Kampfgeist und Glück am letzten Spieltag die Klasse hielt, sondern auch faktisch, wie die ersten beiden Pflichtspiele eindrucksvoll unter Beweis stellten.

Dieser Aderlass an Typen und Qualität mag viele FCA-Fans schmerzen, doch empfindlich ist nur der Abgang von Kohr und Bobadilla. Aber selbst Bobadilla ließe sich verschmerzen, gäbe es im großen Kader der Augsburger einen Mann, der zumindest optional die Klasse eines Bobadillas hätte. Raul Bobadilla war beim FCA phasenweise der am schlechtesten austrainierte Bundesligaspieler, der zwar nach vorne viel über Kraft, Technik und Wille erreichte, aber in der Rückwärtsbewegung nach Lust und Luft agierte. Und trotz dieses Mankos war er der einzige Spieler, der nach vorne die Fähigkeit hatte, etwas Verrücktes zu machen, eine besondere und entscheidende Situation zu kreieren. Ein Spieler für die besonderen Momente eben. Rational betrachtet kann man einen 30-jährigen Spieler mit Fitnessproblemen wie Bobadilla abgeben, doch Fußball ist ein „Geschäft der Emotionen“. Ohne „Boba“, wie die Fans ihren „wilden Stier“ nannten, ist der FCA berechenbarer geworden. Bobadilla war der erste Zentrumsstürmer beim FCA, der die Erwartungen erfüllte.

Ein Dutzend Mittelstürmer sind in Augsburg seit Bundesligazugehörigkeit gescheitert

Ein Dutzend Mittelstürmer sind in Augsburg seit Bundesligazugehörigkeit gescheitert. Im ersten Bundesligajahr konnte Sascha Mölders als einziger FCA-Stürmer noch in der Hinrunde überzeugen, dann gings mit dem sympathischen Essener bergab bis in die Regionalliga. Nando Rafael, Stephan Hain, Thorsten Oehrl und Edmond Kapllani zeigten sich ebenfalls nicht erstligareif. Im zweiten Jahr kam Ji und Sio sowie Bance nach Augsburg. Nur Ji konnte halbwegs das Bundesligatempo annehmen. In der Saison 13/14 kam ein fast gestrandeter Spieler nach Augsburg: Raúl Bobadilla, der als Mittelstürmer den FCA weiterbringen sollte. Boba schlug nach Startschwierigkeiten ein. Dass er die einzige ernstzunehmende Kraft in der Sturmmitte bleiben sollte, belegt folgende Versager-Liste: Dujurdic, Matavc, Parker, Ajeti, J.G. Schmidt.

Und nun sollen Finnbogason, Gregoritsch, Ji und Cordova die Tore schießen? Der neue Matavc heißt nun Finnbogason, Gregoritsch steht für Dujurdjic und Cordova vielleicht für Ajeti. Womit gesagt sein soll, dass anzunehmen ist, dass der FCA mit seinen Optionsspielern auch in dieser Saison nicht weiterkommen wird.

Werden Gregoritsch und Finnbogason den FCA-Angriff weiter entwickeln?

Alfred Finnbogason

Alfred Finnbogason


Finnbogason hatte beim niederländischen Erstligisten SC Heerenveen 2012/13 eine starke Saison mit einer großartigen Torquote. Anschließend wurde der Isländer für 8 Millionen Euro zu Real Sociedad transferiert, wo er unterging. In der Saison 2015/16 glühte Finnbogasons Stern kurz noch einmal auf, als er beim FCA als Leihspieler im Schlussspurt wichtige Tore erzielte und wohl deshalb einen Vertrag bis 2020 erhielt. Bei der Europameisterschaft 2016 spielte Finnbogason im isländischen Team keine große Rolle. Der erfahrene Trainer Lars Lagerbäck setzte den Bundesligaspieler kaum ein. An Stelle Finnbogasons stürmten Spieler aus unterklassigen Ligen bis ins Viertelfinale. – Warum der FCA Finnbogason unbedingt wollte und auf ihn baut, bleibt außerhalb des Augsburger „Mittelstürmerkompetenz-Zirkels“ (Hofmann, Reuter, Schwarz) ein Rätsel.

Michael Gregoritisch wurde beim krisengeschüttelten HSV trotz 55 Bundesligaspielen nach zwei Saisons aussortiert und seine beiden Augsburger Pflichtspielvorstellungen sind mit einem einzigen Attribut hinlänglich beschrieben: peinlich. Gregoritsch wurde mit einem Vertragslaufzeit von fünf Jahren langfristig an den FCA gebunden. Vielleicht kommt seine große Zeit noch. Das ist zwar nicht besonders wahrscheinlich, aber immerin möglich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Gregoritsch in Augsburg hält, was sich Hofmann, Reuter und Schwarz erhoffen, ist deshalb gering, weil das ehemalige Großtalent Gregoritsch inzwischen 23 Jahre alt ist und seine gesamte Performance im deutschen Profifußball einer einzigen uneingelösten Versprechung gleicht.

Der Winter naht

Sergio Córdova ist ein gänzlich unbeschriebenes Blatt. Bei der U20-WM in Südkorea stürmte er mit Venezuela ins Finale und stand deshalb auf dem Zettel einiger Scouts. Ob seine Physis und seine fußballerischen Qualitäten für die Bundesliga ausreichen, wird sich zeigen. „Der Winter naht“, möchte man sagen, um eine gewisse Skepsis anzumelden. Auch Córdova erhielt einen Vertrag über fünf Jahre.

Man stimmt Klaus Hofmann gerne zu, wenn er davon spricht, dass bei einem höheren Etat die Wahrscheinlichkeit für „Nicht-Performer“ niedriger läge. Doch auch Ablösesummen über zehn Millionen Euro dürften im Sturmzentrum nicht ausreichen, um zuverlässige Qualität auf dieser Position zu erhalten. Die lange Versager-Liste bezüglich der FCA-Mittelstürmer zeigt allerdings auf, dass auch die sportliche Führung in dieser Hinsicht ein „Performer-Problem“ hat. Auch die damalige Vertragsverlängerung bei Mölders, der lange Vertrag für Matavz und nun der lange Vertrag für Finnbogason lassen darauf schließen. Vollkommen schleierhaft sind auch die Kriterien, die den Ausschlag für die Verpflichtungen der Offensivkräfte Usami und Leitner gaben.

Max besticht nur mit akkurat gescheiteltem Haar

Unverständlich auch die Augsburger Betriebsblindheit bei Philipp Max, der seit zwei Jahren auf der linken Abwehrseite nur mit akkurat gescheiteltem Haar besticht. Mag sein, dass man Top-Linksverteidiger nicht an jeder Ecke findet, doch gerade deshalb sollte man in Augsburg Konstantinos Stafylidis zu einer unverkäuflichen Kraft erklären. Auch wenn es auf der rechten Seite nach dem Abgang von Paul Verhaegh nicht so brennt wie links, fehlt dem FCA rechts eben jene Solidität, die man auf dieser Position dringend benötigt – auch wenn Frambergers Leistungen vielversprechend sind: Beide defensiven Außenbahnen sind beim FCA zu Beginn dieser Saison zu schwach besetzt.

49 Prozent wünschen sich einen anderen Trainer

Falls Hofmann und Reuter aber nicht falsch liegen und im aktuellen Kader ein großes Potential schlummert, das im Lauf der Saison von FCA-Trainer Manuel Baum wachgeküsst werden sollte, ist das Momentum des Triumphes bei der FCA-Führung. In diesem Fall müssten fast alle FCA-Spieler ihre aktuelle Leistungsstärke verbessern. Ob Manuel Baum für diesen Herkules-Job der richtige Mann ist, beantworteten bei einer AZ-Umfrage 49 Prozent der Teilnehmer mit „Nein“. Das ist ein sensationeller Negativ-Wert für einen Trainer, der als Neueinsteiger mit dem FCA das Saisonziel „Nichtabstieg“ erreichte.

Wohin also die Reise des FCA in seiner siebten Bundesligasaison führt, ist für die Hälfte der Fans keine Frage: nach unten.



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