DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 06.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

FCA in Wolfsburg: Eigenschaftslos wie Gustav Gans

Warum Luhukay in Wolfsburg fast alles falsch gemacht hat

Kommentar von Siegfried Zagler

Manchmal sind Fußballergebnisse rätselhafter als Migräne-Anfälle, weshalb es sich für anständige Menschen nicht gehört, bei einem Drei-Punkte-Anfall unverblümt von einem „Sieg“ zu sprechen, woraus sich ableiten lässt, dass Augsburgs Trainer Jos Luhukay in Wolfsburg einen „dreckigen Sieg“ des FCA gesehen haben will. Womit er genauso falsch lag wie mit seiner Aufstellung. Der FCA hat in Wolfsburg nicht gewonnen, weil er „dreckig“ gespielt hat. Die Augsburger haben keine Fouls provoziert, keine Schwalben gegeben, keine Verletzungen vorgetäuscht, keine übertriebene Härte an den Tag gelegt und keine Fehlentscheidungen des Schiedsrichters zu ihren Gunsten vorzuweisen. Der FC Augsburg hat in Wolfsburg gewonnen, weil er „mehr Glück als Verstand“ hatte, wie der Volksmund so schön sagt. „Mehr Glück als der Trainer Verstand“ wäre allerdings zutreffender. Das Augsburger Glück entsprach also nicht dem vielzitierten erarbeiteten „Glück des Tüchtigen“ und auch nicht dem Glück, das man sich aufgrund eines Geniestreiches erwirbt, sondern gänzlich jenem unverdienten Glück, das jeder Beschreibung spottet.

Die Nichtaufstellung Sankohs ist nicht erklärbar

Und was ist mit Simon Jentzsch? Hat nicht er mit seiner „überragenden Leistung“ den Sieg erklärbar gemacht? Jentzsch hat etwas geleistet, was ein guter Erstligatorhüter eben leistet: Er hat gehalten, was zu halten war. Um im Lotto gewinnen zu können, braucht man keine Voraussetzungen. Für märchenhaftes Glück im Fußball braucht man zumindest einen guten Torwart. Was alles nicht der Rede wert wäre, wenn Jos Luhukay für seine sportlichen wie sprachlichen Fehlleistungen in der Kritik stünde, was aufgrund der ergebnisorientierten und anschmiegsamen Betrachtungsweise der Augsburger Allgemeinen unterblieb. Luhukay hat in Wolfsburg nicht – wie Wolfgang Langner in der Augsburger Allgemeinen schrieb – „alles richtig gemacht“, sondern fast alles falsch.

Ein guter Verteidiger wurde durch einen schlechten ersetzt

Sportlich ist die Nichtaufstellung von Gibril Sankoh in keinster Weise erklärbar, auch nicht mit der Begründung, dass man seinen Einsatz gegen Schalke sicherstellen wollte, da man befürchten musste, dass er in Wolfsburg eine fünfte Gelbe Karte hätte bekommen können. Sportlich lässt sich weder die temporäre Suspendierung von Ostrzolek noch die von Mölders rechtfertigen. Der neunzehnjährige Ostrzolek hat zusammen mit Koo für den Aufschwung der Augsburger gesorgt, die auf der linken Seite bis zu Ostrzoleks Verpflichtung viel zu schwach besetzt waren. Auch wenn der blutjunge Linksverteidiger in den letzten beiden Spielen gegen Weltklassestürmer ein wenig überfordert wirkte und ein Tor der Stuttgarter mit zu verantworten hatte, weil er bei einem Eckball nicht am kurzen Pfosten auf der Linie stand, sollte es weder vom Verein und seinem fachkundigen Publikum noch von der örtlichen Fachpresse hingenommen werden, dass mit einer fadenscheinigen Begründung ein guter Linksverteidiger durch einen schlechten ersetzt wurde. Durch seine blitzartigen Tempovorstöße hatte Ostrzolek Axel Bellinghausen viel stärker ins Spiel eingebunden als vorher Marcel de Jong oder eben Lorenzo Davids.

Mölders: Der Verlierer des Aufschwungs

Die Mannschaft hatte durch die Neuzugänge nach einer vier bis fünfwöchigen Eingewöhnungsphase im Verbund mit Baier, Bellinghausen und Hosogai die Fähigkeit entwickelt, das Spiel aus dem Mittelfeld heraus ballsicher zu beschleunigen, um mit flüssigen Ballstafetten an (und sogar in) den gegnerischen Strafraum zu kommen, weshalb Mölders plötzlich nicht nur als Anspieler für weite Bälle obsolet schien, sondern nach 29 Einsätzen in Folge auch als Goalgetter in der Stammformation, woran sich auch nichts änderte, als sich der aus der Tiefe kommende und agiler mitspielende Oehrl verletzte. Er wurde durch Rafael ersetzt. Rafael ist der gleiche Spielertyp wie Mölders, der im Ranking der Stoßstürmer – so sieht es zumindest aktuell aus – noch hinter Stephan Hain geführt wird. Dennoch sollte festgehalten werden, dass Mölders nicht (nur) wegen seiner Handvoll Tore einen sehr großen Anteil an den 18 Punkten bis zum 23. Spieltag hatte, da er bei der Rückwärtsbewegung der erste Verteidiger war und auch bei Eckbällen die Lufthoheit im eigenen Strafraum zu sichern verstand.

Glück haben ist ein starkes Zeug

Als in Wolfsburg abgepfiffen wurde, standen bei den Augsburgern sieben andere Spieler auf dem Platz als am Dienstag in der großartig geführten Partie gegen Stuttgart und die “Wolfsburger Mannschaft” hatte im gesamten Spiel keinen Angriff zu Ende geführt, während die Abwehr ein halbes Dutzend hochkarätige Chancen zugelassen hatte. Weder die Abwehr noch das Mittelfeld waren in der Lage, im Spiel nach vorne eine einzige Idee zu entwickeln. Nach acht grandiosen Spielen hat der FCA einen Grottenkick hingelegt und dennoch mit mehr Glück als Verstand gewonnen. Das kommt vor, und da der Fußballsport eine Metapher auf das Leben ist, kommt es sogar öfter vor. Glück haben ist ein starkes Zeug, damit muss man umgehen können.

Im Sport wie im Leben kommt es weniger darauf an, ob etwas verdient ist oder nicht, sondern wie man mit dem Verdienten oder eben dem Unverdienten umgeht. Dass der Augsburger Trainer weder mit dem Verdienten noch mit dem Unverdienten umzugehen versteht, hat er in Wolfsburg wieder unter Beweis gestellt. Nach acht wunderbaren Vorstellungen und einer unsäglichen Gustav-Gans-Nummer spendierte Luhukay der Mannschaft drei trainingsfreie Tage, was im besten Fall dazu führen sollte, dass der Augsburger Trainer Zeit findet, darüber nachzudenken, in welchen Spielen das „Quäntchen Glück, das uns in dieser Saison so gefehlt hat“, tatsächlich gefehlt hat. Das Zitat wurde von Luhukay als Nachsatz verwendet, um den unverdienten Sieg in Wolfsburg zu relativieren. Lässt man die bisherige Saison Revue passieren, gibt es kein Spiel, das der FCA richtig unglücklich verlor. Insgesamt spielte also der Faktor Glück bis zum 31. Spieltag beim FCA keine große Rolle, wenn man es jedoch darauf anlegen wollte, müsste man das Quäntchen Glück eher auf der Augsburger Seite sehen. Da, wie gesagt, der Fußball nur eine Metapher auf das Leben ist und nicht das Leben selbst (im Gegensatz zum Boxen, das Carol Oates nicht als abstrakte Metapher auf das Leben, sondern als ein Sinnbild des Lebens beschrieb), ist es trostvoll und sinnstiftend, davon auszugehen, dass sich im Verlauf einer Meisterschaft im Fußball etwas spiegelt, wonach Zivilgesellschaften oft so vergeblich streben: Ausgleich und Gerechtigkeit.

Womit auch gesagt sein soll, dass die Tabelle nur einmal nicht lügt, nämlich nach dem 34. Spieltag. Aus diesem Grund ist es auch Unsinn, vom „Wunder Klassenerhalt“ zu sprechen, wie sich Luhukay zuletzt öfter äußerte. Wenn schon Metaphysik, dann richtig: Sollte der FCA die letzten drei Spiele glücklos verlieren und absteigen, dann ist er in Wolfsburg abgestiegen, weil er dort, ohne es zu ahnen, gegen eine romantische Grundannahme verstieß: Zuviel Glück wird von der Gerechtigkeit bestraft.