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Dienstag, 23.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

FCA: Eine Beleidigung für die Augen

Warum Dirk Schusters grober Taktik-Stiefel nicht funktioniert und darüber hinaus noch eine Beleidigung für die Augen ist



Kommentar von Siegfried Zagler


Dass eine Mannschaft, die nicht nur von der Tabelle, sondern auch aus dem laufenden Spiel heraus, als die deutlich schwächere gezeichnet wird, am Ende als Sieger vom Platz geht, passiert im Fußball nicht selten. Aus diesem Grund kommt es relativ häufig vor, dass Spieler der schwächeren Mannschaften öfters in der „Elf des Tages“ auftauchen als Spieler der Topmannschaften. Wäre es anders, müsste der Boulevard dieses ohnehin fragwürdige Bewertungsformat in die Tonne treten. Gewinnt der Tabellenletzte gegen den Spitzenreiter, wie das am Samstag der Fall war (Ingolstadt vs. Leipzig), stehen drei Spieler des Abstiegskandidaten (Ingolstadt) in der „Elf des Tages“. Das lässt sich nachvollziehen. Landen aber drei Spieler des Tabellenvorletzten (HSV), der mit einem lausigen 1:0 gegen einen grauen Tabellenzwölften (FCA) gewinnt, in der „Elf des Tages“ (Bildzeitung), dann muss man in Erwägung ziehen, dass in diesem Spiel ungewöhnliche Dinge passiert sind.

Im Volksparkstadion hat nämlich nicht nur die laut Tabelle formal bessere Mannschaft verloren, sondern auch die Mannschaft, die sich im Lauf des Spiels als die faktisch bessere entpuppte. Die Hamburger brachten die FCA-Defensive kaum in Schwierigkeiten und lieferten mit zahlreichen Fehlpässen dem FCA genug Möglichkeiten, einen Konter zu setzen. In Sachen Ballbesitz und Ballsicherheit zeigten sich die FCA-Spieler den Hamburgern überlegen. Außerdem verlor der HSV kurz vor der Halbzeit mit Holtby seinen wertvollsten Spieler, der das aktive Pressing der Hanseaten steuerte, das Markus Gisdol den Hamburgern als Plan A verschrieben hatte. Einen Plan B des HSV gab es offensichtlich in der Gestalt, dass man in Unterzahl tief steht und mit weiten Bällen Entlastung sucht. Nach der Hinausstellung Holtbys war es um die Hamburger geschehen. Hätte Altintop die einzige Torchance der Augsburger verwerten können, wäre das Spiel wohl entschieden gewesen. In den ersten 20 Minuten der zweiten Halbzeit offenbarten die Hamburger ihre systemischen Schwächen und schienen lediglich die nicht ganz unberechtigte Hoffnung zu pflegen, dass gegen Augsburg auch in Unterzahl ein 0:0 mit einfachen Mitteln zu halten ist.

Man kann die Situation auch einfacher darstellen: Der HSV war klinisch tot und wurde durch die Dummheit des FCA wiederbelebt und auf die Siegerstraße geschoben.

Der FCA spielte in Hamburg einen grauenvollen Fußball und zeigte sich taktisch dergestalt limitiert, dass man als neutraler Beobachter annehmen musste, ein 0:0 sei für den Tabellenzwölften beim Vorletzten in Überzahl ein erstrebenswertes Resultat. Ärgerlich ist der FCA-Auftritt in Hamburg vor allem deshalb, weil es sich bei dieser Unterart des Fußballs um einen Systemfehler handelt, der offenbar vom Trainer gewebt wurde. Interessant wäre zum Beispiel nach dem Hamburg-Spiel die Frage gewesen, was seitens des FCA passiert wäre, hätten die Augsburger die Partie in Unterzahl zu Ende spielen können. Vermutlich hätte FCA-Trainer Schuster das Hintenherum-trotz-Überzahl-Gekicke des FCA nicht unterbunden, sondern als taktische Ausrichtung verstärkt, um in der Schlussphase auf einen Lucky Punch zu spekulieren. Am 5. Spieltag im Heimspiel gegen Darmstadt spielte der FCA die komplette zweite Halbzeit in Überzahl dergestalt hilflos nach vorne, ohne dass Dirk Schuster von seinem Sicherheitsfußballsystem, das im Grunde ein Angstfußball-Konzept ist, ein Jota abgewichen wäre.

Die Frage, was Dirk Schuster in Hamburg hätte besser machen können, lässt sich allzu leicht beantworten. Er hätte mit anderem Personal beginnen müssen. Man darf als Trainer sich nicht darüber beklagen, dass die Mannschaft nach vorne keine Lösungen findet, wenn man auf Spieler baut, die das von Haus nicht wirklich können und Spieler auf Positionen spielen lässt, wo sie ihr kreatives Potential nicht ernsthaft zur Geltung bringen können, wie das zum Beispiel bei Koo der Fall ist.

Man kann sich als Trainer erst recht nicht darüber beklagen, dass das Offensivspiel der Mannschaft nicht funktioniert, wenn man Spieler auf der Bank sitzen lässt, die die FCA-Angriffsschwäche beheben könnten, wie Usami, Moravek oder Teigl.

Es ist zudem irritierend, dass es ein Trainer zulässt, dass seine Mannschaft in Überzahl Flanken aus dem Halbfeld in den Strafraum schlägt. Es ist darüber hinaus verwunderlich, dass Schuster in Überzahl den rückwärtsgewandten FCA-Stiefel spielen lässt, als wären beide Mannschaft noch komplett auf dem Feld. In der zweiten Halbzeit hätte der FCA nicht bedingungslos auf Sieg spielen müssen, aber kontrollierte Offensive hätte es schon sein dürfen. Dass das Offensivproblem des FCA von der sportlichen Leitung unverstellt als Problem dargestellt wird, aber die offensichtliche Lösung des Problems nicht in Betracht gezogen wird, lässt sich mit dem Hamburger Desaster gut beschreiben. Aus diesem Grund sei hier die Antwort auf eine naive Frage zugelassen: „Was hätte in Hamburg geschehen müssen?“

Nach der Pause hätte Kacar Janker ersetzen können, weil Kacar im Gegensatz zu Janker einen öffnenden Pass spielen kann. Möglicherweise hätte Schuster die rechte Außenbahn offensiv verstärken müssen. Teigl hätte für den offensiv völlig wirkungslosen Verhaegh auf der rechten Außenbahn in Zusammenarbeit mit Schmid für Dampf sorgen können und schließlich hätte der kreative Moravek den passschwachen Kohr ersetzen müssen. Dirk Schuster wollte nicht sehen, dass Ji von den Hamburgern mit einfachen Mitteln aus dem Spiel genommen werden konnte, was damit zu tun hatte, dass das FCA-Spiel nach vorne viel zu engmaschig und konzeptlos angelegt war – und somit selbst in Überzahl kaum Räume für den dynamischen Koreaner geschaffen wurden.

Kurzum: In dieser Saison spielt der FCA dergestalt hilflos und variantenlos Dirk Schusters Defensiv-Stiefel herunter, dass man sich nicht darüber wundern muss, dass der FCA-Fußball nicht nur in auswärtigen Stadien als Beleidigung für die Augen empfunden wird.