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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Der Jüngste Tag: Premiere im Provisorium

Martinipark, ehemaliges Fabriksgelände. Männer in gelber Leuchtweste weisen den Weg. Abgelöst werden sie von Frauen mit erleuchteten Schirmen. Zum Schluss schreitet der Zuschauer auf einem roten Teppich. Angekommen!

Von Halrun Reinholz

Eine eigentümliche Stimmung herrscht in der schummrigen Halle. Mehr Licht gibt es wohl nicht. Selbst das Angebot an Speisen und Getränken ist ungewohnt. Der neue Caterer hat definitiv keine Theatererfahrung, er bietet opulente Vorspeisenplatten für zwei Personen (Einzelbesucher gibt es in seiner Welt nicht), statt Häppchen für den schnellen Hunger. Immerhin gibt es (zwar nicht eben günstig) endlich die Achtelportion Wein, die man als Theaterbesucher bisher immer vermisst hat. Aber trotz Vorbestellung muss man dafür in der Pause anstehen. Ja, es ist vieles anders an diesem Premierenabend und sicher muss noch einiges optimiert werden an dem unkonventionellen Spielort im ehemaligen Textilviertel. Bühne und Zuschauerraum sind auch gewöhnungsbedürftig – 40 Plätze in einer Reihe ziehen sich über die gesamte Bühnenbreite. Wer ganz rechts sitzt, hat Mühe, das Geschehen auf der linken Seite akustisch zu verfolgen und umgekehrt. Ödön von Horváths Stück „Der jüngste Tag“ sollte eigentlich noch im Großen Haus gespielt werden. Wegen der abrupten Schließung musste ein neuer Spielort gefunden werden. Zunächst kam der Bahnpark ins Spiel, darauf hatte man sich bühnentechnisch schon eingestellt, doch kurzfristig wurde wieder umdisponiert und die Produktion landete im Martinipark. Flexibilität und Improvisationstalent waren das Mindeste, was dem Team der Horváth-inszenierung abverlangt wurde.

Schon diese Leistung ist einen Applaus wert. – Schauspieldirektorin Maria Viktoria Linke nutzt die Breite der Bühne, um zunächst die ganze Mannschaft vorzustellen. Den Bahnvorsteher Hudetz, beliebt und pflichtbewusst (Alexander Darkow), seine eifersüchtige und verbitterte Frau (Ute Fiedler) und ihren Bruder Alfons (Gregor Trakis), die Wirtstochter Anna (Kerstin König) mit ihrem Verlobten Ferdinand (David Dumas), den Wirt vom „Wilden Mann“ (Klaus Müller) mit Leni (Valerie Oberhof) und vor allem Frau Leimgruber (Susanne Brederhöft), „Volkes Stimme“ in der gut 3000 Seelen zählenden Dorfgemeinschaft. Eine überschaubare Welt, wo die Schnellzüge durchfahren und die Regionalzüge mit Verspätung ankommen. Durch einen Kuss, den Anna dem Bahnhofsvorsteher aus einer Laune heraus gibt, gerät diese Welt aus den Fugen und danach steht kein Stein mehr auf dem anderen.

Horváths Stück ist spannend und schlüssig durchkomponiert und Linke tut gut daran, dieser Vorlage weitgehend zu folgen. Zwar erschließt sich nicht, warum die Schauspieler durch Sandberge und Wasserbecken stapfen müssen, auch so manche vermeintlich witzige Abstecher in die Gegenwart („Thank you for traveling with Deutsche Bahn“) lenken von dem dramatisch dichten Geschehen eher ab und sorgen für unnötige Längen. Kongenial jedoch der Dialog mit der Live Band Django 3000, die in einem Glaskasten eigens für das Stück komponierte Songs beitrugen (wenn man auch die Texte leider nicht verstehen konnte). Geschick erforderte auch die Nutzung der Bühnengegebenheiten auf zwei Ebenen mit einer steilen Treppe und kaum Kulissen (Bühnenbild: Jan Freese).  Geraldine Arnold ließ sich bei den Kostümen einiges einfallen, was der nüchtern-technischen Umgebung positive Stimmung verbreitete und darüber hinweg half, dass die Bestuhlung eher einem Eisstadion angemessen war als einem Musentempel. Immerhin lagen Decken bereit, die die fast drei Stunden Spielzeit sitz- oder wärmetechnisch erträglicher machen sollten.

Diese Premiere stand eindeutig im Zeichen des Provisoriums. Wenn der Martinipark dem Theater tatsächlich als dauerhafte Ausweichspielstätte dienen soll, muss an der Infrastruktur noch kräftig nachgebessert werden. Aber das lässt sich sicher machen, wo sonst als im Theater ist man daran gewöhnt, sich anzupassen oder sich die Gegebenheiten passend zu machen. Das Publikum, das sich diesmal auch noch für die A- und B-Premiere teilen musste, machte alles geduldig mit und geizte nicht mit Applaus. Es lebe das Provisorium!

Foto: Kai Wido Meyer