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Freitag, 08.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Der Fall Grab

Der Abstieg Peter Grabs ist deshalb so interessant, weil er die Geschichte seines rasanten Aufstiegs zu einem klassischen Ende bringt.

Kommentar von Siegfried Zagler

Niemand spricht offen darüber, aber alle hinter vorgehaltener Hand: Peter Grabs Abstieg in die politische und gesellschaftliche Bedeutungs­losigkeit wurde von einer großen Schar der politischen Beobachter bereits vor der Kommunalwahl erwartet beziehungsweise erhofft. Zu viel hatte Grab als Kulturreferent in den Sand gesetzt, zu wenig auf den Weg gebracht. Der Souverän der Stadt sorgte dafür, dass Pro Augsburg samt Bürgermeister Grab mit einem fünfzig­prozentigen Mandatsverlust zum größten Wahlverlierer „aufstieg“. Eine größere Abfuhr hat es in der politischen Geschichte der Stadt noch nie gegeben. Der Frontmann der Wähler­vereinigung Pro Augsburg hat im Vergleich zur Wahl 2008 als OB-Kandidat sogar fast 10 Prozent mehr Stimmen als die „Partei“ verloren. Bereits am Wahlabend wurde ernsthaft darüber spekuliert, welche Jobs in Zukunft für Peter Grab innerhalb der Stadtgrenzen noch in Frage kämen.

Der Flughafen, wo vor 24 Jahren der abgewählte SPD-Bürgermeister Arthur Fergg als Geschäftsführer landen durfte, existiert kaum noch. Die Kresslesmühle hat früh einen Riegel vorgeschoben. Die Regio, zu der Grab am ehesten passen würde, ist bestens aufgestellt. Nachdem nun eingetreten ist, was vorgezeichnet schien, dass nämlich der ehemalige Bürgermeister und Kultur/Sport­referent der Stadt Augsburg keinen Arbeitsplatz findet, der halbwegs mit der Würde und der repräsentativen Nachwirkung des ehemaligen Amtes in Verbindung zu bringen wäre, muss sich der ehemalige „Superreferent“, will man den Presseberichten Glauben schenken, mit einem Halbtagsjob als „Parteibürokraft“ einer dreiköpfigen Fraktion zufrieden geben. Ob diese Tätigkeit eines ehemaligen Bürgermeisters stärker die Person Peter Grab oder das Bürgermeisteramt beschädigt, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden.

Interessanterweise ist Peter Grab Mitglied der Fraktion, deren Geschäfte er führen soll, weshalb er „Fraktions­geschäfts­führer“ von zwei Stadträten und sich selbst wäre, würde sich bei Pro Augsburg diese Schnapsidee tatsächlich durchsetzen. Die Trennung zwischen politischer Handlung und neutraler Reflexion, zwischen Verwaltung und politischer Tat wäre somit von einem Fraktions­geschäfts­führer/Stadtrat Peter Grab aufgehoben. Ein guter Fraktions­geschäfts­führer sollte die Kommunikation zwischen Öffentlichkeit, Verwaltung und Fraktion fördern und somit die Arbeit der Stadträte erleichtern. Die Trennung zwischen Mandat und Amt sollte in einer funktionierenden Demokratie mehr sein als ein guter Vorsatz. Ein Fraktions­geschäfts­führer, der zugleich die Interessen der Bürger im Stadtrat zu vertreten hat, wäre nicht nur ein weiterer Rückschritt bei Pro Augsburg, sondern auch eine skurrile Schrulle im Gesamtbild der politischen Stadt.

Unabhängig davon sind die Meldungen und Spekulationen darüber, wie die berufliche Zukunft des ehemaligen Bürgermeisters und Kultur/Sport­referenten der Stadt Augsburg nach seiner Abwahl aussehen könnte, von einer Relevanz, die weit über das Geschwätz des Boulevards hinausgeht. Der Aufstieg und der Fall des „gelernten Künstlers“ Peter Grab gehört zu den interessantesten Geschichten der Stadt. Es handelt sich dabei um eine Geschichte, die von einem Irrtum erzählt, nämlich von der Idee, dass sich Alltagserfahrungen und scheinbare berufliche Kompetenzen einzelner Personen eins zu eins in die Gestaltungs­arbeit der Politik übertragen lassen. Der Fall eines Mannes, der ohne jedes politische Gespür, ohne einen Hauch von theoretischem Überbau und ohne jede Führungsqualität zur zweitwichtigsten politischen Figur der Stadt Augsburg avancierte, verläuft genauso spektakulär wie sein Aufstieg: unaufhaltsam.