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Freitag, 03.04.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Schwejk im Nebel der Verfremdung

Große Erwartungshaltung bei der Schauspielpremiere zum Brechtfestival: Armin Petras verwob den braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hasek mit der Arbeit an Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“. In Zusammenarbeit mit den Städtischen Bühnen Prag entstand auch noch eine (zweisprachige) „Spurensuche“ nach Hasek und Schwejk im Tschechien der Gegenwart. Aus den vielversprechenden Ideen entwickelte sich einiges, aber leider kein schlüssiges Gesamtkonzept.

Von Halrun Reinholz

Den echten Schwejk  gibt es nicht… © Jan-Pieter Fuhr

Eine Frau in „militärischem“ (an Mao-China erinnernden) Uniform-Look telefoniert, liest aus Brechts Arbeitsnotizen vor, aus seinem Briefwechsel mit Erwin Piscator, dem Regisseur, der Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“ verfilmen soll. Oder aus seinen Briefen an Hanns Eisler und Ruth Berlau, die die Arbeit am „Schwejk“ betreffen. Eva Salzmanova gibt Brecht mit Brille, Schiebermütze und Zigarre. Sie  gehört zum Team der Prager Schauspieler, die an dieser Uraufführung beteiligt sind und zeigt, mal tschechisch, mal deutsch sprechend (wie ihre Kollegin Sarah Havacova und ihr Kollege  Tomas Milostny übrigens  auch), hohe Professionalität und Theater-Erfahrung.  Selbst der Hund gehorcht ihr aufs Wort. Bemerkenswert in diesem Teil die expressionistisch verfremdete, stark überspielte Interpretation der Brecht-Eisler-Songs, die einen Bezug zu Prag haben: „Das Lied von der Moldau“  und das Lied mit dem Witwenschleier („Und was bekam des Soldaten Weib?“).  

Der dreiteilige Theaterabend startet mit Brecht und seinem Stück über Schwejk im Zweiten Weltkrieg, aber eigentlich geht es um Jaroslav Hasek und die Figur des Schwejk, oder vielmehr Svejk, der für Tschechen Kult-Charakter hat.

Eva Salzmanova als Brecht © Jan-Pieter Fuhr

Jaroslav Hasek ist der zweite Teil der Produktion gewidmet. Hier wird viel Film gezeigt, gedreht wurde in Prag. Völlig unnötigerweise wird zum Einstieg die chaotische „Arbeitsatmosphäre“ am Set filmisch gezeigt, was allerdings Aufschluss über Petras wohl sehr spontane Arbeitsweise gibt. Die Ensemble-Schauspieler aus Augsburg (Anatol Käbisch, Andrej Kaminsky,  Jonas Koch und Katja Sieder) sind mit nach Prag gereist, um gemeinsam mit den dortigen Kollegen  Szenen aus dem bewegten und wohl extremen Leben von Jaroslav Hasek anhand seiner (eigenen und fremden) Biografien auf die Bühne zu bringen. 

Die autobiografischen Passagen sind zum Teil so surreal, dass sie wie absurdes Theater anmuten. Anatol Käbisch spricht auf der Bühne einen entsprechenden Monolog, den er virtuos mit Radschlägen und akrobatischen Verrenkungen flankiert. Einer der starken Momente der Inszenierung. Auch sonst lernen wir Jaroslav Hasek als Mensch der Extreme kennen – ein Deserteur, Anarchist, Bigamist, starker Trinker und manischer Schreiber begegnet dem Publikum auf der Bühne und in drastischen Bildern auf der Leinwand.

Der dritte Teil inszeniert einen Text der tschechischen Schriftstellerin Petra Hulova, wo es um die Bedeutung von „Svejk“ für die tschechische Identität geht. Es ist für das deutsche Publikum nicht so ohne weiteres nachvollziehbar, dass es sich um einen Nationalhelden handelt – durchaus im ambivalenten Sinne, vielleicht auch um einen Antihelden, wie eben Schwejk auch in Haseks Roman alles andere als ein strahlender Held ist. Aber ein Böhme eben. Petra Hulova lässt ihn monologisieren über die „mit Watte ausgelegte Streichholzschachtel, diese tschechische Miniausgabe der Welt ohne Meere“, wo die Liste der Berühmtheiten überschaubar ist: Havel, Kundera, Karel Gott (der wird in der Inszenierung dem Text hinzugefügt, denn kein Tscheche ist bei den Deutschen wohl  bekannter als er).

Aber Schwejk, das glaubt er zumindest selber, ist von allen Tschechen der berühmteste. Hulovas Text macht sich auf die Suche nach dem „Wesen“ von Schwejk, bei Petras entsteht eine Casting-Show daraus – zwanzig Männer und Frauen im bunten Radlerdress mit Nummern am Rücken wetteifern vor einer skurrillen „Frauen-Jury“ darin, der „echte“ Schwejk zu sein. Auch wenn diese Menge an Statisten beeindruckend ist, der Dramaturgie schadet sie. Die zunehmend nervigen Sprechchöre lenken von Hulovas pointiertem Text eher ab, als ihm Nachdruck zu verleihen. Viel Slapstick, inklusive sexistischer Anspielungen, soll das kompensieren. Die Botschaft wohl letztlich: Den echten Schwejk  gibt es nicht. „Sie entsprechen leider keinen Vorgaben, Herr Schwejk. Böhmen setzt sie vor die Tür.“ Was Schwejk freut, denn vor der Tür, „an der frischen Luft“, kann er das tun, was er am liebsten macht: Menschen gucken.

Die bunte Casting-Show bringt diese Erkenntnis, das Ergebnis der Identitätssuche, nicht wirklich zu den Zuschauern. Und auch in den anderen beiden Teilen der Inszenierung überwiegt das Drastische, teils Obszöne. Das ist schade, denn das Team leistete gute Arbeit. Johannes Cotta richtete die Musik von Hanns Eisler hervorragend ein, Rebecca Riedel war für die opulenten Filmszenen verantwortlich, Patricia Talacko für Bühne und Kostüme.  Und die Darstellerinnen und Darsteller beider Theater überzeugten durch gestenreiches bis clowneskes Spiel. Schwejk, der am Anfang des Stückes als lehmverschmierter Golem da steht und zum Schluss im Radlerdress blödelt – der Bogen, der da gespannt wird, will alles mitnehmen und wirkt dadurch überspannt.