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Donnerstag, 27.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Am Lagerfeuer von Peter Grab

Warum eine Kulturdebatte mit Augsburgs Kulturreferent nicht zu führen ist

Kommentar von Siegfried Zagler

Die Frage, ob es stimme, dass man nach dem Lesen von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ein anderer Mensch sei, beantwortete Marcel Reich-Ranicki mit einem deutlichen „Ja“ und fügte hinzu, dass das auch für Brechts Werk gültig sei. Wer auf dem Berliner Theatertreffen Rene Polleschs „Kill your Darlings!“ gesehen hat, weiß, dass das stimmt. Allerdings braucht man dazu mehr als ein Augsburger Brecht-Festival, nämlich einen guten Theatermann und mindestens einen guten Schauspieler. Fabian Hinrich verstand es mit Brechts „Fatzer-Fragment“ zu zeigen, was Theater kann: Nicht weniger als die Welt aus den Angeln heben. Ku.spo kam darin auch vor: „Berlins 15 beste Turner. Würden Sie dafür 45 Euro Eintritt in eine Mehrzweckhalle bezahlen?“ (Hinrich zeigt auf Turner, die auf dem Bühnenboden der Reihe nach Turnübungen zeigen). „Also brauchen wir einen Mehrwert!“ Fabian Hinrich schlüpft in ein Tintenfischkostüm und tanzt in bunten Lichtkegeln, während die Turner ihr Programm abspulen. Das Publikum johlte.

Ku.spo ist eine Lachnummer, kein Konzept

Wenn Peter Grab vorgehalten wird, dass er konzeptlos agiere und keine Kulturdebatte führen wolle, dann widerspricht er neuerdings vehement wie unlängst im Stadtrat und verweist auf drei Konzeptleisten seiner Politik: Ku.spo, Stärkung der Populärkultur und auf ein ganz dickes Brett: interkulturelle Öffnung. Über Ku.spo braucht man nicht reden. Die Zusammenführung von Kultur und Sport als Konzept einer Kulturpolitik anzugeben ist ein Hohn. In der Praxis sieht das ohnehin so aus, dass der Stadtrat beschließt, bestimmte Summen dafür in den Haushalt zu stellen, die dann vom Kulturreferent nicht abgeholt werden, sondern offenbar in einen Fördertopf wandern, den Peter Grab „am Stadtrat vorbei“ (Karl-Heinz Schneider, SPD) bedient. Ku.spo ist eine Lachnummer und kein kulturpolitisches Konzept. Darüber gibt es in der Stadtgesellschaft längst einen Konsens, auch – wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand – bei der CSU.

Stärkung der Populärkultur?

Schwieriger verhält es sich bei der Förderung der Populärkultur, für die vorrangig der Augsburger Popkulturbeauftragte Richard Goerlich zuständig war. Über den Sinn und Unsinn dieser Stelle ist viel gestritten worden. Dass Goerlich allerdings gute Arbeit geleistet hat, darüber besteht ebenfalls in hohem Maß ein Konsens. Goerlichs unausgesprochene Intention: Organisation von Kompetenztransfer in Sachen Popkultur in das Theater, in die Wirtschaft, in die Augsburger Allgemeine, in die Parteien, in den Kulturausschuss und andere städtische Einrichtungen hinein. Ein Herkules-Job, an dem Goerlich unter’m Strich auf hohem Niveau gescheitert ist. Dennoch  schlug sein Wirken Aspekte an, die sich unter dem Paradigma „kulturelle Öffnung“ einordnen lassen. Nachhaltige Wirksamkeit lässt sich allerdings nicht konstatieren, dafür fehlte die Zeit. Goerlich ist seit drei Monaten weg, eine Wiederbesetzung der Stelle ist nicht nur wegen der städtischen Einstellungssperre politisch schwierig, sondern auch deshalb, weil es weit und breit an einer Persönlichkeit fehlt, die für dieses diffuse Stellenprofil in Frage käme. Außerdem hat im vergangenen Jahr die „Stärkung der Populärkultur“ kaum stattgefunden, da Goerlich von der Stadt aus der Not heraus als Festivalleiter für das städtische Rahmenprogramm der Frauenfußballweltmeisterschaft abgestellt wurde. Wenn man also die Stärkung der Populärkultur als Konzept mit einer Person verbindet, was Grab nicht selten tut, dann muss man festhalten, dass die Stärkung der Populärkultur als gescheitert zu betrachten ist und seit geraumer Zeit komplett ruht. Hinzu kommt noch der Umstand, dass das Modularfestival von Grab zu einem zweijährigen Turnus zurechtgestutzt wurde. Für andere Festivals, insbesondere für die Filmtage gilt das Gleiche. Wenn man mit Augsburgs personifizierter Filminstitution Franz Fischer redet, dann merkt man schnell, dass es nicht nur ums Geld geht. Mangelndes Interesse und mangelnde Wertschätzung seien die psychologischen Merkmale der Augsburger Kulturpolitik unter der Ägide Grab. Am Lagerfeuer von Peter Grab fröstelt es nicht wenige Menschen, die in der Vergangenheit hervorragende Kulturarbeit für die Stadt geleistet haben. Stärkung der Populärkultur sieht anders aus.

Interkulturelle Öffnung mit Exotenpflege verwechselt

Der Begriff „interkulturelle Öffnung“ wird seit vielen Jahren inflationär gebraucht und nicht selten falsch, nicht nur in Augsburg. Einig sind sich Sozial- und Kulturwissenschaftler in der Einsicht, dass die Differenz zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft nicht als ethnisch-statisch, also nicht als stabile unverrückbare Größe, sondern als dynamischer Prozess beschrieben werden muss. Das Sichfinden und Sichpositionieren in einer Kultur bestimmt das Sein und somit die Herausbildung des Individuellen. „Die anderen schreiben das Ich mit“, um ein altes Frisch-Wort aufzugreifen. Sind „die anderen“ als Institution organisiert, könnte dies zu einer Verfestigung einer zu starken herkunftsabhängigen Ich-Bildung führen. Trostlose Milieus und geistlose Eliten wären, zugespitzt formuliert, die Konsequenz einer falschen Bildungs- und Sozialpolitik, wo der Begriff „interkulturelle Öffnung“ eher zu bearbeiten wäre. Womit gesagt sein soll, dass es für die Kommunalpolitik zuvorderst bedeutsam ist, dass an den neuralgischen Stellen interkulturell kompetente Personen zu sitzen haben: im Bürgeramt zum Beispiel in der Führerscheinstelle, im Bäderamt, der Bauverwaltung, im Sozialamt, im Schulwesen et cetera. Zuständig für das Konzept der interkulturellen Öffnung sind somit auf der Ebene der Kommunalpolitik in erster Linie der Bildungsreferent und der Sozialreferent und auch der Ordnungsreferent. Weniger der Kulturreferent, der sich diesen Begriff zu unreflektiert und mit grober Nadel auf den Banner gestickt hat. Interkulturelle Öffnung hat nämlich wenig bis nichts damit zu tun, welche Veranstaltung (von welcher ethnischen Gruppe) einmal im Jahr auf dem Rathausplatz stattfindet und wer daran partizipiert oder nicht – oder ob einmal im Jahr ein Gastspiel eines Theaterensembles aus einem anderen Kulturkreis im Stadttheater stattfindet oder nicht. Das ist Folklore und hat nichts mit Kulturpolitik unter dem Paradigma der interkulturellen Öffnung zu tun, sondern bewirkt eher das Gegenteil: Exotenpflege.

Grabs Lagerfeuer: Wer holt Holz?

Will Augsburgs Kulturreferent tatsächlich die Frage ernsthaft beantworten, warum man zum Beispiel die türkische Mittelschicht so selten im Theater sieht, dann muss er sich darum bemühen, die Zugangsbarrieren zu verstehen. Kulturelle Bildung ist in einer von kultureller Vielheit geprägten Stadt wie Augsburg per Definition nichts anderes als interkulturelle Bildung, die wiederum im hohen Maße bei der Kulturpolitik zu verorten wäre. André Schmitz, Staatssekretär für kulturelle Angelegenheit in der Berliner Staatskanzlei, positioniert sich in dieser Angelegenheit, indem er zunächst eine Frage stellt: „Woran liegt es, dass bei den Kinder- und Jugendtheatern, aber auch bei der Werkstatt der Kulturen so viele Besucher mit afrikanischen, asiatischen oder nahöstlichen Wurzeln zu sehen sind, bei den hoch subventionieren Museen, Theater, Oper aber nicht?“ Schmitz kennt die Antwort: „Diese Menschen werden erst dann auch in diese Häuser strömen, wenn dort in irgendeiner Weise ihre Geschichten, Erfahrungen und Erlebnisse bearbeitet werden. Wenn sie sich selbst als handelnde Figuren auf den Bühnen der Stadt wiederfinden und nicht als Fremde oder Exoten, Karikaturen oder Stereotypen, an denen sich die „echten“ deutschen (Helden-)Figuren abarbeiten.“ So André Schmitz kürzlich in der ZEIT. Kurzum: Interkulturelle Öffnung darf kein Konzeptmerkmal eines Kulturpolitikers sein und interkulturelle Bildung findet außerhalb der hoch subventionierten Kultureinrichtungen statt. In einer zunehmend von Diversität und Einzelkämpfertum bestimmten Stadtgesellschaft hat die Kulturpolitik die Aufgabe, Feuer zu machen. Das Lagerfeuer Peter Grabs glimmt nur noch. Es sieht nicht so aus, als würde jemand Holz holen wollen.