Als die Jugend sich ihre eigenen Orte eroberte: Neues Buch über Augsburgs erste Jugendzentren
Die Augsburger Ethnologin Leonie Herrmann hat die Geschichte der ersten drei Jugendzentren der Stadt erforscht. Ihr Buch „Jugendhäuser in der Stadt“ zeigt, wie sehr diese Treffpunkte das Leben junger Menschen zwischen 1970 und 1995 geprägt haben.
Von Bruno Stubenrauch

Dr. Leonie Herrmann mit ihrem Buch „Jugendhäuser in der Stadt“ (Bild: lima423)
Jugendzentren sind für junge Menschen weit mehr als Orte für Freizeitangebote. Sie gestalten diese Treffpunkte selbst mit und tragen die Erinnerung daran oft über Jahrzehnte mit sich. Genau damit beschäftigt sich Leonie Herrmann in ihrer wissenschaftlichen Arbeit: Sie hat die drei ersten Augsburger Jugendzentren untersucht – das No 1 in Kriegshaber, das Juze am Schlössle in Pfersee und die heutige Villa, damals K15, in der Kanalstraße im Stadtteil Bleich.
Der Untersuchungszeitraum reicht von 1970 bis 1995. Herrmann geht der Frage nach, wie über diese Einrichtungen heute erzählt wird und welche Geschichten das Bild der Jugendzentren bis in die Gegenwart prägen. Auch Probleme innerhalb der Juzes spart sie dabei nicht aus.
Gespräche und Archivmaterial als Grundlage
Für ihr Buch führte die Autorin persönliche Gespräche mit früheren Mitarbeitenden und Besuchenden der Jugendzentren und wertete historische Dokumente aus Archiven aus. So entsteht ein vielschichtiges Bild davon, welche Bedeutung diese Orte für die Menschen in Augsburg hatten und wie sie das städtische Zusammenleben mitgeprägt haben. Herrmann beschreibt es so: Aus den vielfältigen Kontakten sei ein Mosaik ganz unterschiedlicher Eindrücke aus den Jugendhäusern entstanden.
Dass junge Menschen überhaupt eigene Orte in der Stadt bekamen, ist historisch gesehen ein relativ junges Phänomen. Während sich Verwaltungen, Schulen oder Krankenhäuser schon früh in Städten etablierten, entstanden eigene Bereiche für Jugendliche erst spät im 20. Jahrhundert. Ein Grund dafür: Die „Jugend“ wurde erst mit Beginn der Moderne als eigenständige Lebensphase begriffen, nachdem im 19. Jahrhundert Gesetze und Verfassungen erstmals feste Altersgrenzen etwa beim Wahlrecht einführten.
Von Kriegshaber bis Haunstetten
Heute tragen die meisten Jugendzentren eigene Namen. Der Augsburger Stadtjugendring listet aktuell 14 Einrichtungen auf seiner Internetseite, vom Hangout im Bärenkeller bis zum Südstern in Haunstetten. Nur das Jugendzentrum in Pfersee heißt nach wie vor Juze am Schlössle.
Für die Zukunft solcher Orte sieht Herrmann klaren Bedarf. Die Coronapandemie und die damit verbundene Schließung von Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit hätten bei Jugendlichen für Frustration gesorgt – in mehreren europäischen Städten sei es infolgedessen zu Ausschreitungen gekommen.
Leonie Herrmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie und Volkskunde der Universität Augsburg. Sie forscht unter anderem zu urbaner Anthropologie, historischer Jugendkulturforschung und Oral History. Aktuell beschäftigt sie sich in einem neuen Projekt mit Graffiti und Street-Art als städtischen Erinnerungspraktiken.
Bibliografische Angaben
- Titel: Jugendhäuser in der Stadt. Erinnerung und Bedeutung in Augsburg
- Autorin: Leonie Herrmann
- Reihe: Urban Habitat und Humanities, Band 7
- Herausgeber: Universität Augsburg
- Umfang, Ausstattung: 390 Seiten, Hardcover
- Preis: 35,00 Euro
- ISBN: 978-3-8192-3238-1
- Bezugsquelle: Buchhandlung am Obstmarkt, Obstmarkt 11, 86152 Augsburg