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Sonntag, 01.03.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Politik

Was ist der „Bauturbo“?

Wohnraum ist knapp – in vielen Städten dringender denn je. Um Genehmigungs­verfahren zu beschleu­nigen, hat die Bundes­regierung am 30. Oktober 2025 das Baugesetz­buch angepasst. Ziel: schnelleres Baurecht für neue Wohnungen. Damit zur Frage:

Was verbirgt sich konkret hinter dem Begriff „Bauturbo“? Und wird er auch in Augsburg genutzt?

Ausgeleuchtet:

Der „Bauturbo“ eröffnet Kommunen die Möglich­keit, Wohnbau­projekte unmittel­bar zu genehmigen – ohne zuvor ein lang­wieriges Bau­leit­plan­verfahren durch­führen zu müssen. Die Stadt Augsburg greift auf dieses Instrument jedoch nur mit deut­lichen Ein­schränkungen zurück.



En détail:

Rechtsgrundlage für den Bauturbo ist das „Gesetz zur Beschleu­ni­gung des Wohnungs­baus und zur Wohnraum­sicherung“ . Mit ihm wurden einige Para­graphen des bundesweit geltenden Bau­gesetz­buches (BauGB) geändert. Die Änderungen traten am 30.10.2025 in Kraft. Sie gelten befristet bis zum 31.12.2030.

Zielsetzung

Der sogenannte „Bauturbo“ ermöglicht Abwei­chungen vom Bau­gesetz­buch, zum Beispiel die Genehmigung von Wohn­bebauung ohne Bauleit­planung (Flächen­nutzungs­pläne, Bebauungs­pläne).

Möglich sind desweiteren umfang­reiche Befrei­ungen von Festsetzungen in bestehenden Bebauungs­plänen sowie der Verzicht auf das „Einfügungs­erfordernis“ im Innen­bereich (§ 34 BauGB), nach dem sich Gebäude in Bereichen ohne Bebauungs­plan an der um­liegen­den Bebauung orien­tieren müssen.

Kernziel des „Bauturbos“ ist die Verkürzung von Genehmi­gungs­zeiten, um schneller Baurecht für Wohnraum zu schaffen.

Voraussetzung ist in jedem Fall aber, dass die Gemeinde den Vorhaben explizit zustimmen muss (§ 36a BauGB). Die Planungs­hoheit der Gemeinden bleibt also voll erhalten.

18 vs. 3 Monate: enormer Zeitgewinn möglich

Der Zeitgewinn bis zur Baugenehmigung wird besonders beim Bauen ohne Bebauungs­plan (B-Plan) deutlich. So sieht das formelle Verfahren (Regel­verfahren) für einen B-Plan aus:

  • Aufstellungsbeschluss: Der Stadtrat stellt förmlich fest, dass ein Bebauungs­plan für ein bestimmtes Gebiet erforder­lich ist.
  • Frühzeitige Beteiligung: Die Öffent­lich­keit sowie Behörden und Träger öffent­licher Belange (TÖB) werden durch Bekannt­machung frühzeitig über die allgemeinen Ziele und Zwecke der Planung informiert und können erste Stellung­nahmen abgeben.
  • Entwurf und Billigung: Die Verwaltung arbeitet den Planentwurf inklusive Begründung und Umwelt­bericht aus. Der Stadtrat „billigt“ diesen Entwurf und beschließt die förmliche Auslegung.
  • Förmliche Beteiligung: Der Entwurf wird für die Dauer von mindestens 30 Tagen im Internet veröffent­licht und zusätzlich öffent­lich ausgelegt. Während dieser Frist kann jedermann Stellung­nahmen abgeben.
  • Abwägung: Die Gemeinde prüft alle einge­gangenen Stellung­nahmen und wägt die privaten und öffent­lichen Interessen gegen­einander ab.
  • Satzungsbeschluss: Der Stadtrat beschließt den Bebauungs­plan als rechts­ver­bind­liche Satzung.

Das Regelverfahren für B-Pläne dauert in Bayern etwa 9 bis 18 Monate. Erst im Anschluss können Bauantrags­verfahren durch­geführt werden.

Ganz anders sieht der Zeithorizont beim „Bauturbo“ aus: Das B-Plan-Verfahren entfällt. Für den Bauantrag selbst gilt in Bayern eine Zustimmungs­fiktion. Die Frist für die Ent­scheidung der Gemeinde beträgt 3 Monate; erfolgt keine Reaktion, gilt die Zustimmung als erteilt.

Symbolbild

Augsburg: Turbo mit Handbremse

Die Stadt Augsburg setzt die Möglichkeiten, die das geänderte BauGB bietet, allerdings nicht 1:1 um. Um Bauanträgen beispiels­weise für einen zweiten Hotelturm auf landwirt­schaft­lichen Flächen in der Hammer­schmiede von vorne­herein einen Riegel vorzu­schieben, hat die Stadt am 22. Januar 2026 einen Grundsatz­beschluss zur Anwendung des „Bauturbos“ gefasst.1)

Die Stadt will damit u.a. verhindern, dass Investoren das Gesetz nutzen, um Standard-Anforde­rungen (wie Sozial­quoten oder Grünflächen) zu umgehen.

Während das Gesetz den Fokus auf „Menge und Schnellig­keit“ legt, ergänzt Augsburg diesen um den Faktor „lokale städte­bauliche Qualität“. Der Bauturbo wird dadurch zum „kontrol­lierten Beschleuniger“. In der Immobilien­branche wird dies kritisiert.

WSA greift Baupolitik an


1) Die wesentlichen Augsburger Einschränkungen:

​1. Räumliche Einschränkung

  • ​BauGB: § 246e Abs. 3 erlaubt Vorhaben im Außen­bereich, solange sie im „räumlichen Zusammen­hang“ mit bebauten Flächen stehen.
  • ​Augsburg: Die Stadt schränkt dies ein auf reine Orts­abrundungen. Zudem darf der Turbo im Außen­bereich nur genutzt werden, wenn der Flächen­nutzungs­plan bereits Wohnbau vorsieht und die Erschlie­ßung bereits steht (also keine landwirt­schaft­lichen Flächen).

​2. Definierte „No-Go-Areas“

  • ​BauGB: Das Gesetz macht keine pauschalen Vorgaben zu Gebietsarten, solange die „öffent­lichen Belange“ gewahrt bleiben.
  • ​Augsburg: Die Stadt definiert Vorbehalts­gebiete, in denen der Bauturbo nicht angewendet werden soll. Dazu gehören Industrie­gebiete (GE/GI), ökologisch wertvolle Flächen und Klein­garten­anlagen. Das Gesetz würde hier im Einzelfall Abweichungen zulassen, Augsburg schließt sie vorab kategorisch aus.

​3. Quantitative Begrenzung

  • ​BauGB: § 246e kennt keine Obergrenze für die Anzahl der Wohneinheiten.
  • ​Augsburg: Projekte ab 100 Wohneinheiten gelten als „planungs­bedürftig“. Hier wird der Bauturbo in der Regel abgelehnt, und es wird auf das reguläre (langsame) B-Plan-Verfahren verwiesen.

​4. Soziale und finanzielle Auflagen

Das Gesetz spricht nur von der „Würdigung nachbar­licher Interessen“. Augsburg knüpft die Zustimmung jedoch an harte finan­zielle Bedingungen:

  • ​Sozialquote: Ab 20 Wohnungen fordert Augsburg 30% geför­der­ten Wohnungsbau (EOF).
  • ​Infrastruktur: Der Bauherr muss Kosten für Kita- und Schul­plätze übernehmen.
  • ​Vertragszwang: Diese Punkte werden über einen städte­baulichen Vertrag abge­sichert, den das BauGB in § 246e selbst gar nicht erwähnt.

​5. Detaillierte Qualitätsstandards

​Während das Gesetz allgemein von „Vereinbarkeit mit öffent­lichen Belangen“ spricht, legt Augsburg spezifische Kriterien fest:

  • ​Wohnungsmix: Maximal 1/3 Kleinst­wohnungen <25 m² in Wohngebieten;
  • ​Grünflächen: Verpflichtung zu 10 m² gemein­schaft­licher Freifläche pro Person;
  • ​Ökologie: Strenge Vorgaben zur Versiegelung (max. 60–80%) und Dachbegrünung.

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WSA greift Baupolitik an: Wiedemann spricht von „verspielter Chance“ und „Turbo mit Handbremse“

Nach den Informationsabenden im Zeughaus und im Moritzsaal sowie dem Grund­satz­beschluss des Stadtrats zur Anwendung des „Bauturbos“ verschärft WSA-Spitzen­kandidat Helmut Wiedemann seine Kritik an der Augsburger Baupolitik. Von Bruno Stubenrauch Auf Wiedemanns Nach­frage habe die Ver­wal­tung ein­ge­­räumt, dass der so­ge­nannte Bau­turbo vor allem ein Ge­neh­­mi­gungs­instru­ment sei – eine Garan­tie für be­zahl­bare Mieten biete er nicht. […]

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CSU will Augsburg zur Modell­region für Bürokratie­abbau machen

Die CSU-Stadtratsfraktion will, dass sich die Stadt Augsburg als Modell­region für Büro­kratie­abbau bewirbt. Hinter­grund ist ein geplantes Gesetz der CSU-Land­tags­fraktion, das Kommunen mehr Spiel­räume und ein­fachere Verfahren er­mög­lichen soll. Fraktionschef Leo Dietz sieht darin die Chance, Ver­wal­tung schneller, digi­taler und effi­zien­ter zu machen. Büro­kra­tische Hürden würden In­ve­stiti­onen brem­sen und Bür­ger wie Unter­neh­men un­nötig be­lasten. Augsburg […]

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Wahlkampf statt Realschule?

FDP und Pro Augsburg kritisieren CSU und Grüne: Noch vor der Kommunal­wahl sollen Millionen für die Planung und Erschlie­ßung der dritten Realschule im Augsburger Osten ausge­geben werden – obwohl bislang nur unver­bindliche Grund­stücks­vor­gespräche existieren. Von Bruno Stubenrauch Allein die Erschließung würde knapp 19 Millionen Euro kosten, die Gesamt­kosten für das Projekt belaufen sich auf rund […]

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Warnstreik: Auch am Samstag keine Busse und Trams der swa unterwegs

Auch am zweiten Tag des Warnstreiks stehen in Augsburg die meisten Busse und Straßenbahnen still. Wie die Stadtwerke Augsburg Holding GmbH um 6.00 Uhr mitteilten, sind am Samstag, 28. Februar, erneut keine Fahrzeuge aus den Depots ausgerückt. Hintergrund sind die ganztägigen Arbeitsniederlegungen der Gewerkschaften Verdi und Nahverkehrsgewerkschaft im Rahmen der laufenden Tarifverhandlungen. Lediglich die von […]

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KfW-70 statt KfW-40? Bürgerliche Mitte fordert Kurswechsel beim Wohnungsbau

Die Fraktion Bürgerliche Mitte macht Druck beim Thema bezahlbares Wohnen. Ein von der Arbeits­gemein­schaft der öffent­lichen und freien Wohlfahrts­pflege erarbeitetes Eckpunkte­papier solle „zügig“ in den zuständigen Ausschüssen beraten und in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Von Bruno Stubenrauch Fraktionsvorsitzender Lars Vollmar (FDP) verweist auf die wachsende Einwohner­zahl Augsburgs bei gleichzeitig zu […]

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„26 für 26“: Freund will Augsburg zur Kultur­hauptstadt machen

Mit den Wendepunkten 24 und 25 seiner Reihe „26 für 26“ setzt SPD-OB-Kandidat Dr. Florian Freund auf einen kultur­politischen Neustart: Augsburg soll sich als Europäische Kultur­hauptstadt 2040 bewerben – und zugleich seine Identität als Wasserstadt stärker sichtbar machen. Von Bruno Stubenrauch Freund verweist auf internationale Erfolge wie das UNESCO-Welterbe des Augsburger Wasser­management-System sowie frühere kulturelle Glanzpunkte. Augsburg sei […]

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Stadt Augsburg bittet um Rücksicht zur Brut- und Setzzeit

Ab dem 1. März beginnt die gesetzliche Brut- und Setzzeit. Damit unsere heimische Tierwelt ihren Nachwuchs ungestört aufziehen kann, erinnert die Stadt Augsburg an wichtige Regeln, die bis zum 30. September gelten. Brütende Amsel in einer Buchenhecke (Symbolbild) Im gesamten Stadtgebiet gilt ab Sonntag ein striktes Rückschnitt­verbot. Hecken, lebende Zäune und Gebüsche dürfen weder entfernt noch […]

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Warnstreik: Busse und Trams bleiben im Depot

++ Update Freitag 6.00 Uhr: Nichts Neues ++ Wegen eines ganztägigen Warnstreiks, zu dem Ver.di und die Nahverkehrsgewerkschaft aufgerufen haben, ist der Nahverkehr der Stadtwerke Augsburg (swa) am Freitag, 27. Februar, weitgehend zum Erliegen gekommen. Sämtliche Busse und Straßenbahnen bleiben in den Depots. Auch am Samstag, 28. Februar, wird gestreikt. Lediglich die an private Unternehmen […]

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BUND Naturschutz in Bayern e.V. kritisiert Vorfestlegung beim Uniklinik-Neubau

Nur eineinhalb Stunden nach dem Aufstellungs- und Änderungs­beschluss des Stadtrats zur Bauleit­planung für den Klinik-Neubau ging der BUND Naturschutz (BN), Kreisgruppe Augsburg, an die Öffent­lichkeit und verschärfte seine Kritik am Vorgehen der Stadt. Von Bruno Stubenrauch Der 40 Jahre alte, als Patientengarten konzipierte Klinikpark Der Stadtrat hatte am gestrigen Donnerstag bei nur zwei Gegenstimmen den […]

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