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Freitag, 31.3.2017 • Nr. 90 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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„Hybridität“ und jüdisch-russischer Humor

Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien wird heute vergeben

Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 geht an den Bremer Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha. Förderpreisträgerin ist die Frankfurter Soziologin Darja Klingenberg. Die Preise werden am heutigen Dienstag, 7. Juni 2011 im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses verliehen.

Als die beste von diesmal 16 Bewerbungen ausgezeichnet und mit 5.000 Euro honoriert wird Kien Nghi Has Dissertations „In the Mix. Postkoloniale Streifzüge durch die Kulturgeschichte der Hybridität“, mit der er an der Universität Bremen promoviert hat. Der mit 1.500 Euro dotierte Förderpreis geht an die von Darja Klingenberg an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt vorgelegte Magisterarbeit „Humor in der Migration. Phänomene der Grenzüberschreitung“, die sich am Beispiel russisch-jüdischer Migrantinnen und Migranten mit der „Funktion und Bedeutung humoristischer Narrative in der Alltagskommunikation von Migrantinnen und Migranten“ auseinandersetzt. Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien wird seit 1998 verliehen – in diesem Jahr zum dreizehnten Mal.

Dr. Kien Nghi Ha – die Familie des Wissenschaftlers kam als vietnamesische „Boat People“ nach Deutschland (Foto: privat).

Dr. Kien Nghi Ha – die Familie des Wissenschaftlers kam als vietnamesische „Boat People“ nach Deutschland (Foto: privat).

Dr. Kien Nghi Ha, 1972 in Hanoi geboren, ist bereits durch eine Reihe von Publikationen hervorgetreten, die ihn als intellektuell reflektierten sowie theoretisch versierten Nachwuchswissenschaftler im Bereich ““ostcolonial Studies“ profilieren. In seiner Dissertation liefert Ha erstmalig eine umfassende Analyse der Kulturgeschichte des Begriffs „Hybridität“. Ausgehend von einer Kritik der deutschsprachigen Rezeption und aus einer postkolonialen Perspektive heraus arbeitet Kien Nghi Ha die unterschiedlichen historischen Phasen und gesellschaftlichen Kontexte von der europäischen Antike über die koloniale Moderne bis zur Gegenwart auf. Hybridität bezeichnet in der Sozialwissenschaft den Sachverhalt „kultureller Überschneidung“ – sie tritt ein, wenn Menschen die Inhalte unterschiedlicher Kulturen in sich zu vereinen suchen und dabei auch gegensätzliche Positionen zu neuen Denk- und Handlungsmustern zusammensetzen.

Diplomarbeit über Multikultur

Gestützt auf eine breite Materiallage kann Kien Nghi Ha zeigen, dass Hybridität als gesellschaftsdefinierende Frage der sozio-kulturellen Grenzüberschreitung und ‘Rassenvermischung’ stets mit ambivalenten Formen der Rassifizierung, Hierarchisierung und Verwertung verbunden ist. Kien Nghi Ha wurde 1972 in Hanoi geboren. Seine chinesisch-vietnamesische Familie gehörte zu den „Boat-People“, die im Anschluss an den Vietnamkrieg 1979 über Hong Kong nach Deutschland flohen. Ha hat 1991 in Berlin sein Abitur abgelegt, schon seit 1988 ist er deutscher Staatsbürger. Sein Studium der Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin (1991 bis 1998) schloss er mit einer Diplomarbeit zum Thema „Kulturelle Identitäten von MigrantInnen und die Multikulturalismus-Debatte“ ab. Parallel zum Politologie-Studium studierte er in den Jahren 1994 bis 1996 Vietnamistik an der Humboldt Universität zu Berlin. Seine Doktorarbeit, die jetzt mit dem Augsburger Wissenschaftspreis ausgezeichnet wird, schrieb er am Institut für postkoloniale und transkulturelle Studien der Universität Bremen, ko-betreut wurde sie von der University of Massachusetts. Seit dem 1. April 2011 vertritt Dr. Ha eine Professur am Seminar für Sinologie und Koreanistik des Asien-Orient-Instituts der Universität Tübingen.

Der Humor jüdisch-russischer MigrantInnen

Darja Klingenberg kam aus Tadschikistan nach Deutschland und promovierte in Frankfurt am Main (Foto: Flo Maak).

Darja Klingenberg kam aus Tadschikistan nach Deutschland und promovierte in Frankfurt am Main (Foto: Flo Maak).

Ihre mit dem Förderpreis des diesjährigen Augsburger Wissenschaftspreises für Interkulturelle Studien bedachte Magisterarbeit „Humor in der Migration. Phänomene der Grenzüberschreitung“ hat Darja Klingenberg auf der Grundlage lebensnaher Studien zu humoristischen Selbstaussagen jüdisch-russischer Migrantinnen und Migranten erarbeitet, von denen aus sie Schlüsse auf die Funktion und Bedeutung solch humoristischer Narrative in der Alltagskommunikation dieser Gruppe zieht. Darja Klingenberg wurde 1981 in Tadschikistan in der ehemaligen UdSSR geboren. Ihre schulische Ausbildung absolvierte sie in Weimar und am Mainz, anschließend studierte sie in Mainz, Berlin, Glasgow und Frankfurt am Main Neuere Deutsche Literatur, Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft. Seit September 2010 ist Klingenberg wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kultur und Kommunikation Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Podiumsdiskussion im Goldenen Saal

Darja Klingenberg und Dr. Kien Nghi Ha werden ihre Auszeichnungen am heutigen Dienstag bei einem Festakt im Goldenen Saal entgegennehmen. Nach Grußworten von Repräsentanten der Stadt und der Universität Augsburg sowie des Forums Interkulturelles Leben und Lernen e.V. und nach der Würdigung der Preisträger durch den Jury-Vorsitzenden Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Eckhardt Nagel steht im Mittelpunkt des Programms eine Podiumsdiskussion zum Thema “Kulturelle Hybridität als neues Leitbild für die deutsche Gesellschaft?”. Angela Bachmair, Kultur-Redakteurin der Augsburger Allgemeinen, moderiert das Gespräch zwischen Philippa Ebéné (Werkstatt der Kulturen, Berlin), Hans-Joachim Ruile (Interkulturelle Akademie Augsburg) sowie dem Jury-Vorsitzenden Nagel. Musik gibt es von der Klezmer-Gruppe „Feygele“.


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