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Montag, 03.08.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Nach öffentlicher Kritik: Fugger/Welser-Erlebnismuseum nimmt skandalöse App aus dem Betrieb

Bereits zu Beginn dieses Jahres monierten die Wissenschaftler Ina Hagen-Jeske, Philipp Bernhard und Claas Henschel bei der Museumsleitung des Fugger und Welser Erlebnismuseums eine App, die das Leben eines Sklaven in ein pädagogisch nicht verantwortbares Narrativ formt. Nichts geschah. Vor einer Woche veröffentlichten Hagen-Jeske, Philipp Bernhard und Claas Henschel ihre Kritik in der DAZ. Darauhin stieg die Augsburger Allgemeine ein und übernahm die Denkungsart der DAZ-Autoren – mit maximaler Wirkung: Der für die Inhalte des Musuems verantwortliche Regio-Chef Götz Beck ging gestern mit einer Stellungnahme in die Vorwärtsverteidigung und kündigte an, die App aus dem Portfolio des Museums zu entfernen. Die DAZ veröffentlicht die komplette Beck-Stellungnahme ungekürzt.

Stellungnahme von Tourismusdirektor Götz Beck zur Diskussion um die Museums-App des Fugger und Welser Erlebnismuseums:

Beschönigt ausgerechnet das Fugger und Welser Erlebnismuseum in Augsburg die Folgen und Auswirkungen von Sklavenhandel und Massenmord an indigenen Völkern? Diesen Eindruck könnte man bekommen, wenn man in den letzten Tagen die Berichterstattung über eine Museums-App dieses Hauses verfolgt hat. Wer jedoch diesen Vorwurf erhebt oder über Medien weiterträgt, hat die Vorgeschichte der Museumseröffnung entweder nicht mitbekommen oder mittlerweile vergessen beziehungsweise verdrängt.

Ich darf an folgende Tatsache erinnern: Im Jahr 2014 – kurz vor der Museumseröffnung – haben die ursprünglich von mir beauftragten beiden Kuratorinnen ihre Arbeit für das Museum im Streit niedergelegt. Auslöser für diesen Bruch war, dass sich das Fugger und Welser Erlebnismuseum kritisch mit der Kinder- und Frauenarbeit im frühneuzeitlichen Bergbau sowie nicht zuletzt mit der Geschichte des beginnenden Kolonialismus, mit dem transatlantischen Sklavenhandel sowie der Versklavung und Ermordung der indigener Bevölkerung in Venezuela und Kolumbien durch deutsche Kolonisatoren – Vertretern des Handelshauses der Welser – auseinandersetzen wollte (und dies dann auch verwirklichte).

Jedermann kann diesen kritischen Ansatz heute in Ausstellungstexten im Fugger und Welser Erlebnismuseum wiederfinden. Mehr noch: Dieses Museum stellt nur wenige Exponate aus. Aber jeder, der sie sehen will, sieht an einer Wand im Gewölbekeller des Museums, wo das Thema Montanwirtschaft behandelt wird, rund 20 kupferne oder bronzene Manillen. Solche Artefakte – gefertigt aus Kupfererz, das in Bergwerken in Tirol oder in der Slowakei abgebaut wurde, waren millionenfach Zahlungsmittel der Portugiesen beim Kauf von Sklaven an der Küste Westafrikas. Diese Themen werden also im Museum deutlichst und mitnichten unkritisch angesprochen. Dass wir explizit dafür seinerzeit sogar von zwei Seiten angegriffen worden sind, hat 2014 ausgerechnet ein Teil jener Medien völlig unkritisch und unreflektiert wiedergegeben, die uns nun für die Verharmlosung von Menschenhandel und dem Genozid an der indigenen Bevölkerung kritisieren. Jeder, der diese Diskussion fair und sachlich führen will, kann dies nachlesen (siehe: „Großer Streit um ein kleines Haus“, https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Grosser-Streit-um-ein-kleines-Haus-id31300917.html).

Haben wir also alles richtig gemacht? Ich muss einräumen: Nein, das haben wir nicht. Wir haben zunächst einmal unterschätzt, was man Kindern zumuten darf, soll und vielleicht sogar muss. Wir haben die Kritik aus der Wissenschaft zwar wahrgenommen und intern auch darüber diskutiert, und es ist klar, dass wir diese App in der kritisierten Form nicht mehr einsetzen werden. Die kritisierte App nehmen wir aus dem Museumsbetrieb: Wir werden sie unter Einbeziehung von Expertenrat überarbeiten und verbessern. Wenn ich mir persönlich Kritik gefallen lassen muss, ist dies – vielleicht – in einem Punkt: Ja, wir wissen seit einem halben Jahr, dass diese App verbesserungswürdig ist, und wir hätten in den Zwischenzeit auf diese Kritik reagieren können, möglicherweise müssen.

Auf einen anderen Punkt, und das ist keine billige Ausrede, darf ich dann aber doch verweisen: Dieses halbe Jahr waren die Monate der Corona-Pandemie, die der Tourismuswirtschaft so stark zugesetzt haben wie kaum einem zweiten Wirtschaftszweig dieses Landes. Wir haben in diesen Monaten intensivst gearbeitet und um Existenzen gekämpft, um jedes Hotelbett und um jeden Tisch in der Gastronomie. Wir mussten völlig neue Konzepte für den Tourismus und die Tagungswirtschaft erarbeiten.

Jeder, der in den vergangenen Monaten die Verzweiflung und die Überlebensängste von Hoteliers, Gastronomen und Dienstleistern in der Tourismusbranche mitbekommen hat, wird Verständnis dafür aufbringen, dass die sicher nicht geglückte Museums-App für uns nicht die erste Priorität hatte. Jetzt, da sich die Lage zwar noch nicht zu normalisieren, aber doch immerhin etwas zu entspannen beginnt, muss auch Zeit für solche Nachbesserungen sein. Und ich verspreche: Wir werden nachbessern – ich habe verstanden. Verstanden mit einer Ausnahme: Dass ausgerechnet dieses Museum mit seinem dezidiert kritischen Ansatz wegen Schönfärberei und Verharmlosung bekrittelt wird, ist angesichts seiner „Eröffnungsgeschichte“ ein kaum nachvollziehbarer Vorwurf.