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Sonntag, 28.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Jahrhundertereignis“ – oder Offenbarungseid?

Benjamin Clamroth

Mit großem Pathos haben Baureferent Gerd Merkle und OB Dr. Kurt Gribl die von ihnen erhoffte Entscheidung zur Mobilitätsdrehscheibe als „Jahrhundertereignis“, als großen Durchbruch für den ÖPNV gefeiert. Dummerweise kam vorher durch die Medien heraus, was sie für den ÖPNV wohl tatsächlich bedeuten wird: eine einschneidende Service-Verschlechterung. Für die Zeit nach dem Bau der „Mobilitätsdrehscheibe“ nämlich planen die Stadtwerke den Takt der Strassenbahnen an Sonn- und Feiertagen zu reduzieren (von 15 auf 20 Minuten) und während der insgesamt drei Monate Ferien einen Zehn-Minuten-Takt einzuführen. Noch behaupten sie, während der Hauptverkehrszeiten am Fünf-Minuten-Takt festzuhalten, aber das glauben wir noch nicht so ganz. Es ist anzunehmen, dass dies dazu dient, Verdienstausfälle zu begrenzen.

Die Stadtwerke müssen der Stadt ihre Gewinne abführen, damit diese einen halbwegs ausgeglichenen Haushalt hat. Vielleicht klappt das dieses Jahr noch, aber bei Fortsetzung von Finanz- und Wirtschaftskrise – und daran zweifelt kein vernünftiger Mensch mehr – werden sie das nicht mehr können. Und die Nutzung von Bus und Tram nahm in den letzten Jahren eher ab – im auffälligen Zusammenhang mit mehr oder weniger ständigen Preiserhöhungen. Auch deshalb plädieren wir für eine SozialCard – sie wird die Einnahmen eher verbessern.

Und schließlich bringt die Mobilitätsdrehscheibe unabhängig von der Entscheidung des Stadtrates in die Bredouille – findet Merkle keine Mehrheit, müssen die Stadtwerke die bisher aufgelaufenen Kosten für die Linie 6 tragen. Die sind bekanntlich gestiegen. Wird sie aber beschlossen, müssen die Stadtwerke einen nicht unerheblichen Beitrag dazu leisten, nicht zuletzt für dem Umbau des Hauptbahnhofs. Dafür will bekanntlich die Bahn keinen Cent zahlen – schließlich sollen an der Börse ein paar Spekulanten verdienen. Dieses Problem können die Stadtwerke nur durch weitere Preiserhöhungen oder/und durch Serviceverschlechterungen auffangen.

Was bringt uns die tolle Mobilitätsdrehscheibe a la Merkle?

  • einen Gleissalat, schlimmer als der, den Dr. Gribl wortreich beklagt hat
  • einen Verkehrszusammenbruch am Kaiserhofknoten
  • einen „Augsburg-Boulevard“, der den Namen nicht verdient: in der Fuggerstrasse wird statt der „Flaniermeile“ der Busbahnhof für romantisches Leben sorgen, und die begrenzte Verkehrsberuhigung an der Konrad-Adenauer-Allee wird durch zunehmende Belastung an Schießgraben- und Schaezlerstrasse aufgewogen
  • die Dezentralisierung des Königsplatzes, seit 1978 gefordert, wird nicht kommen. Die Tramlinie am Theater ist für 20XX geplant – also wohl am St.-Nimmerleinstag.

Die Patentlösung, zugegeben, hat Die Linke auch nicht – aber Volker Schafitels „Römersandale“ erscheint uns erwägenswert: Sie ist ein Experiment, man kann sie schnell einführen, und ebenso schnell wieder abschaffen, wenn sie sich nicht bewährt. Und sie kostet weniger Geld.

Klingt das nicht besser als eine monströse Lösung, die Sie, liebe Augsburger, bezahlen müssen: So oder so?

Augsburg, 7. Juni 2010

Benjamin Clamroth, Stadtrat

Die Linke Kreisverband Augsburg