DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 24.09.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Iran: Zweite Infektionswelle – bereits fast jeder dritte Iraner mit Corona infiziert

Schätzungen zufolge sollen sich bisher bis zu 25 Millionen Menschen im Iran mit dem Virus infiziert haben, wie der iranische Präsident Hassan Ruhani in einer Fernsehrede mitteilte. Damit hätten sich mehr als 30 Prozent der 80 Millionen Einwohner des Landes infiziert. Diese Zahl entstammt einem geschätzten Szenario eines Forschungsberichts des iranischen Gesundheitsministeriums und ist weitaus höher als die offizielle Anzahl der Infizierten von 301.500. 

Unterricht in Teheran – Foto: © DAZ

Bereits im Dezember soll es laut Berichten der New Yorker Fälle des Virus im Iran gegeben haben – die Ärzte beschwerten sich, dass in den folgenden Wochen, als die Anzahl der Infizierten bereits zunahm und erste Todesopfer forderte, keine Maßnahmen ergriffen wurden. Im Gegenteil: Krankenhausbeamten sagten ihren Mitarbeitern, sie müssten schweigen, Statistiken zu Infektionszahlen dürften nicht veröffentlich werden und die Mitarbeiter keine Masken oder Schutzkleidung tragen. Die Angst in der Gesellschaft sollte um jeden Preis verhindert werden, um die Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen am 21. Februar nicht zu gefährden. Zwei Tage vor den Wahlen wurden die ersten beiden offiziellen Todesopfer bekannt gegeben – bevor überhaupt Infektionen gemeldet worden waren. Die Krankenhäuser waren zu diesem Zeitpunkt bereits voll mit Corona-Infizierten, ebenso die Friedhöfe.  

Auch als die Epidemie in China im vollen Gange war, wurden die iranischen Medien von ihren Redakteuren dazu angehalten, die Nachrichten in den sozialen Medien nicht weiter zu verfolgen. Am 25. Februar teilt auch die iranische Regierung den Bürgern mit, dass die USA das Virus hochgespielt haben, um eine Wahlbeteiligung zu unterdrücken, und dass bestraft werden würde, wer Gerüchte über eine Pandemie verbreite. 

Anfang März wurden dann jedoch Maßnahmen ergriffen – Schulschließungen, Desinfektionsmaßnahmen in Straßen und öffentlichen Einrichtungen, das Absagen von kulturellen Veranstaltungen und die Empfehlung an die Bevölkerung, zuhause zu bleiben. Das Horten von Atemschutzmasken und anderen Vorräten wurde mit der Todesstrafe belegt. Ende März waren dann in der Hauptstadt Teheran nur noch Apotheken und Supermärkte geöffnet. Die Maßnahmen erzielten die gewünschte Wirkung – die Infektionskurve begann deutlich abzuflachen. 

Mina ist Englisch-Lehrerin in Teheran und erzählt, wie die Menschen aus Angst ungefähr zwei Monate lang freiwillig zuhause blieben. Bis es nicht mehr ging – sie mussten zum Arbeiten, um sich ihre Lebensmittel zu finanzieren. Auch sie verdient seit Monaten nur noch die Hälfte ihres normalen Gehalts. „Viele meiner Bekannten haben sich schon mit dem Virus infiziert. Und auch hier waren die Krankenhäuser bereits so überfüllt, dass Leute nicht mehr aufgenommen werden konnten.“

In den Monaten April und Mai begann das heute am stärksten von der Krise betroffene Land im Nahen Osten aufgrund der fallenden Infektionszahlen Restriktionen zu lockern. Shoppingzentren, Restaurants, Parks wurden wieder geöffnet und die Menschen begannen langsam zu einer Art Normalität zurückzukehren. Weniger als die Hälfte der Iraner hat sich im Juni noch an Abstandsregelungen und Isolation gehalten. Mit Folgen: Die Infektionszahlen begannen wieder rasant anzusteigen und die iranische Regierung gerät langsam unter Druck – einen erneuten Lockdown könne man sich infolge der durch US-Sanktionen angeschlagenen Wirtschaft nicht leisten.

Stattdessen wurde ein Tragen von Gesichtsmasken im öffentlichen Verkehr und überfüllten Orten Pflicht. Die neuen, hohen Infektionszahlen sollen jedoch durch vermehrtes Testen zustande gekommen sein, so die Regierung. 

Das Gesundheitsministerium steht den Lockerungen dennoch kritisch gegenüber. Besonders nachdem für Ende August große Menschenansammlungen bezüglich der religiösen „Aschura-Feiern“ erwartet werden, gibt es derzeit große Meinungsverschiedenheiten in der iranischen Regierung.